Kunst und Gentrifizierung in Berlin : Die Goldstadt

Als Bertolt Brecht 1927 "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" schrieb, boomte Berlin - und stand doch am Abgrund. Heute hilft jener fiktive Ort voll von mitgebrachtem Geld bei der Analyse einer Stadt, die mit ihren Avantgarden sich selbst zu verlieren droht. Denn wenn die Künstler erst weitergezogen sind, bleibt dem Ort, der lange allein davon lebte, dass alle da sind, nicht viel. Ein Essay zur Lage der Kunst und der Polis dahinter.

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Gefährdete Betriebsamkeit? So lebendig wie bei dieser Performance der österreichischen Künstlergruppe Gelatin im Schinkel Pavillon könnte es in Berlin bald nur noch an wenigen Orten zugehen.
Gefährdete Betriebsamkeit? So lebendig wie bei dieser Performance der österreichischen Künstlergruppe Gelatin im Schinkel Pavillon...Foto: Schinkel Pavillon

Zu unserer Zeit gibt es in den
großen Städten viele, denen es
nicht mehr gefällt.
Solche gehen nach Mahagonny, der Goldstadt.
(...) Die Getränke sind billig.
Von den weiß getünchten Ausstellungshangars von Chelsea in Richtung Osten, vorbei an den Bars und Projekträumen in Bushwick, vorbei an der Brandung von Rockaway Beach, liegt der sechste Bezirk. Dort gehen die hin, denen die Miete zu teuer geworden ist, die schon immer ihre eigene Bar machen wollten oder die mal eine Weile mit zwei Nebenjobs weniger leben wollen. Im Nordlicht der märkischen Wüste, das alles fahl scheinen lässt wie ein Polaroid vor dem letzten Entwicklungsschritt, errichten sie ihre Lager, in die sie am Morgen aus dem Club zurückkehren, die Haare zerzaust über dem schief hängenden Brillengestell, den Parka enger ziehend, einen warmen Börek in den Händen als Katernahrung. Später sitzen sie auf klapprigen Stühlen zwischen den anderen Zugereisten, die aus den geplünderten Metropolen des Südens kamen, und erzählen sich von schwankenden Optionen auf Wohnungen, Beziehungen und Projekt raumbeteiligungen, halb ahnend, dass sie für ihre vorbereitenden Tätigkeiten nie ein Lohn erwarten wird.
Fern vom Getriebe der Welt
Die großen Züge
kommen nicht vorbei
Liegt die Goldstadt Mahagonny.
Dort wurde gestern erst
nach euch gefragt.
Eine exemplarische Gründergeschichte, platziert im US-amerikanischen Westen: Drei Verbrechern geht auf der Flucht vor den Ordnungshütern das Benzin aus. Sie beschließen, an Ort und Stelle, mitten in der Wüste, eine Stadt zu gründen. Ihr Geschäftsmodell beschränkt sich auf Bars und Bordelle, ihre Zielgruppe sind durchreisende Goldgräber und die Unzufriedenen der anderen Städte. Man könnte Bertolt Brechts und Kurt Weills Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny von 1927 als erste postfordistische Oper bezeichnen. Sie entwirft das Modell einer Stadt, die nur auf Konsum gegründet ist, und in der es keine Bürger mehr gibt, nur noch Kunden.

... Mahagonny
Das heißt: Die Netzestadt!
Sie soll sein wie ein Netz
Das für die eßbaren Vögel
gestellt wird.
Überall gibt es Mühe und Arbeit
Aber hier gibt es Spaß.

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