Berlin : Kunstgenuss unterm Sonnenschirm

Der einstige Sommersitz des Malers Max Liebermann hat sich zum Publikumsmagneten entwickelt Seit Frühjahr wollten schon 40 000 die ausgestellten Bilder sehen – und die Blumen im Garten

Andreas Conrad

Am Gerüst der Bohnenstangen sind die Pflanzen mächtig in die Höhe geklettert, die kleinen Blüten bieten sich in zartem Lachsrot der Julisonne dar. Darunter schieben Löwenmäulchen ihre gelbe, rote und weiße Pracht behutsam in die Höhe. Auch Zierkohl reckt hier seine mintgrünen Blätter, die Stiele in zartem Violett. Ja, da möchte man zu Pinsel und Farbe greifen angesichts dieser Blütenpracht, Talent vorausgesetzt, aber daran mangelte es Max Liebermann, dem einstigen Hausherren in der Colomierstraße 3 in Wannsee, ja nun wirklich nicht.

Als meinte es die Natur mit der erdverwachsenen Blütenpracht noch nicht gut genug, schoben sich gestern goldgelbe, rote und grüne Farbpilze durch die Beete, darunter steckten ebenso kunst- wie naturbeflissene Besucher mit meist gemächlichen, der Hitze angemessenen Bewegungen. Ihnen hält der das Liebermann-Haus betreibende Verein stets ein Sortiment Schirme bereit, zu nutzen bei Regen wie eben auch bei Sonnenschein. Innen fehlten eigentlich nur noch Fächer, die gibt es bislang nicht, aber die Bilder im Haus, viele an Ort und Stelle entstanden, locken das Publikum auch so. „Offenbar absolut immun“ gegen das Sonnenwetter, so fasst Dieter Polchow, Aufseher über die ausgestellte Kunst, seine Erfahrungen aus den vergangenen Wochen zusammen. Auch einen Besucherknick zur Fußball-WM konnte er nicht feststellen, sogar Fans aus Schweden, noch dem Hauptzweck ihrer Berlin-Visite entsprechend dekoriert, hätten den Weg nach Wannsee gefunden.

Der Besuch aus Skandinavien mag Ausnahme sein, aber er ist symptomatisch: Nachdem die Restaurierung der Villa und des Gartens weitgehend abgeschlossen ist und seit Ende April erstmals eine attraktive Ausstellung des Malers gezeigt werden kann, mit Leihgaben der Berliner Nationalgalerie und des Stadtmuseums, der Hamburger Kunsthalle, der Dresdner Galerie Neue Meister und zahlreicher privater Besitzer, hat sich die alte Sommerresidenz des Malers noch stärker als zuvor zum Publikumsmagneten entwickelt. „Seit der Eröffnung über 40 000 Besucher“, freut sich Cornelia Kemps, die gestern in dem zum Eingangsgebäude und Shop umgebauten Gärtnerhaus an der Kasse stand. Auch die Mitgliederzahl sei in die Höhe geschnellt, ergänzt Wolfgang Immenhausen, 2. Vorsitzender der Max-Liebermann-Gesellschaft. Rund 1110 Personen sind es jetzt.

Den Besuchern kann Liebermanns Haus etwas bieten, über das Museen in der Regel nicht verfügen: die Einheit von Kunst und Natur, wie Karl-Heinz Loll und seine Frau gestern schwärmten. „Man kann hier den ganzen Tag zubringen“, begeisterte sich die Zehlendorferin an dem Kunstort. Sie will nach dem ersten Besuch wiederkommen, schon um die Bilder bei moderaterer Temperatur noch einmal in Ruhe zu betrachten. Und ihrem Mann hat es imponiert, wie gut Rasen und Beete gepflegt sind. Als Gartenbesitzer weiß er, wovon er spricht.

Ingeburg Grosser war gleich mit Tochter und den beiden Enkeln gekommen. Im Schwimmbad seien sie jetzt schon oft gewesen, nächste Woche gehe es an die Ostsee. Da wollten sie doch mal was anderes sehen – gerade für die ältere Enkelin ein besonderer Spaß: Sie ist Mitglied in dem Tauchclub, der vor der Liebermann-Gesellschaft lange Jahre in der Villa saß.

Noch sind die Arbeiten am Garten nicht ganz fertig. Vor vier Wochen wurde am Havelufer ein Teepavillon eröffnet, Spende einer Mitgliederfamilie. An der Uferbefestigung wird gearbeitet. Und auch die Heckengärten zur Linken des Wannseegartens sind noch nicht komplett restauriert. Der benötigte Grundstückszipfel ist heute im Besitz des Nachbarn und an einen Segelverein als Zugang zu den Booten vermietet. Ans Wasser will eben jeder, gerade in diesen Tagen.

Liebermann-Villa, Colomierstraße 3. tägl. 11- 18 Uhr, Do bis 20 Uhr; Di geschl.

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