Kunsthaus Tacheles geräumt : Alles ruiniert

05.09.2012 00:00 Uhrvon und
  • Einsatzkräfte der Polizei vor dem Tacheles in der Oranienburger Straße. Das Kunsthaus ist am Dienstag nach jahrelangen Auseinandersetzungen friedlich geräumt worden. Foto: dpa
    Einsatzkräfte der Polizei vor dem Tacheles in der Oranienburger Straße. Das Kunsthaus ist am Dienstag nach jahrelangen Auseinandersetzungen friedlich geräumt worden. - Foto: dpa
  • Journalisten vor dem Eingang zum Tacheles: Das Medieninteresse ist groß. Foto: dapd
    Journalisten vor dem Eingang zum Tacheles: Das Medieninteresse ist groß. - Foto: dapd
  • Martin Reiter, Sprecher des Vereins Tacheles Foto: dapd
    Martin Reiter, Sprecher des Vereins Tacheles - Foto: dapd

22 lange Jahre Besetzung und viel Streit. Um Ideale, um Freiheit – und Geld. Am Dienstag wurde das Kunsthaus Tacheles geräumt. Widerstand gab es nicht. Das hat am Ende auch den Gerichtsvollzieher überrascht.

Bei einer Ruine ist es schwer zu sagen, wann ihre Zeit vorbei ist. Das Kunsthaus Tacheles war immer eine Ruine. In seinen Anfangstagen prangte ein Transparent an der aufgerissenen Hausfassade, darauf stand: „Die Ideale sind ruiniert, retten wir die Ruine.“ Trotzdem hat das Tacheles seither vor allem Idealisten angezogen. Es waren Künstler, die nicht Geld machen wollten, sondern frei sein. Und Investoren, die große Versprechungen abgaben, aber das Geld dafür nicht hatten.

Am letzten Tag des Tacheles hängen wieder Transparente an der Fassade.

Sie erzählen nicht mehr viel von Idealismus und auch von Protest nur sehr zahm. An diesem Dienstag, bei strahlendem Sonnenschein und milden Temperaturen in Berlin-Mitte, wird das Tacheles geräumt. Endgültig.

Und zwischen Sofas, Tischen, Barhockern und sonstigem Gerümpel, das schon vor dem Haus auf dem Gehweg liegt, steht Pedro und streicht sich über den langen dunklen Bart. Pedro, der Künstler, weigert sich. Jedenfalls noch für einen Moment. Sein finsterer Blick ist undurchdringlich. So direkt hat er sich das vielleicht nicht vorgestellt mit den Konsequenzen. Dass es ihn trifft, ihn persönlich.

Vor Pedro steht sein Anwalt. Es geht um eine Unterschrift, die Pedro leisten müsste, damit für ihn nun alles vorbei sein kann, aber Pedro spricht nur Spanisch. „Wir haben ihm erklärt, worum es geht“, sagt der Mann im schwarzem Anzug, Markus Fränkle heißt er. Er vertritt etwa ein Dutzend Tacheles-Künstler. Pedro als einer von ihnen soll eine Räumungsvereinbarung unterschreiben. Sie würde ihm nicht nur viel Ärger ersparen. Vor allem würden ihm Mietschulden erlassen und er müsste nicht mit mehreren tausend Euro bei einer Räumungsklage rechnen. Geld, das er nicht hat.

Pedro und seine Freunde kommen aus Ecuador, Peru, Chile und leben vom Verkauf von Kunsthandwerk. Ihre Werkstatt befindet sich im 3. Stock des Tacheles. Aber es ist mehr als nur ein Arbeitsraum für sie. Die Möbel auf der Straße sind Teil eines Lebensentwurfs. Sie wussten, dass dieser Moment kommen würde. Aber sollen sie jetzt wirklich klein beigeben? So wie die anderen vom Verein Tacheles? Die stehen herum und sagen Dinge wie: „Das ist ein großer Verlust für Berlin.“ Aber auch: „Wir weichen der Gewalt.“

22 Jahre lang war das Tacheles besetzt gewesen. Es war den Berlinern Kneipe, Kino und Theater, den Künstlern Werkstatt und Ausstellungsraum – und zwar beides in einem. Der Ruf reichte weit: In New York kannten sie die bunte Ruine, in London und in Athen. Das Tacheles war Punk, schmuddelig und ein kleines bisschen wild. Gerade so viel, dass es noch zugänglich war und doch Kontrast blieb zum Rest der Oranienburger Straße mit ihren zunehmend sanierten Fassaden und Touristen-Bars.

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