Lärm in Berlin : Stadt der Gestörten

Das Leben in Berlin ist nichts für empfindliche Ohren. Und auch beim Streit um Lärmbelästigungen geht es zunehmend aggressiver zu. Wie denken Sie über den Lärm in der Stadt? Diskutieren Sie mit!

Nana Heymann
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Ruhe jetzt. An der Freiluftspielstätte der Volksbühne muss das Publikum ab 22 Uhr Kopfhörer tragen. -Foto: Thilo Rückeis

Er braucht noch nicht mal das Fenster zu öffnen, wenn er es aber doch tut, wird sein Ärger nur größer, als er ohnehin schon ist. Dimiter Gotscheffs „Prometheus“ hat seine Nerven schon ziemlich strapaziert, und nun sind es Jérôme Savarys „Vögel ohne Grenzen“. Was die einen als kulturelles Ereignis feiern, ist für Bernd Schütze eine Zumutung. Er wohnt direkt gegenüber der Volksbühne in Mitte, die in der vergangenen Woche ihre provisorische Freiluftspielstätte „Agora“ eingeweiht hat. Schon während der Proben, sagt Schütze, sei die Lautstärke unerträglich gewesen. Doch seit Beginn des regulären Spielbetriebs wäre alles noch viel schlimmer geworden.

Bernd Schütze hat deshalb eine Anwohnerinitiative „Contra Ruhestörungen durch die Open-Air-Spielstätte der Volksbühne“ gegründet. Er hat einen Beschwerdebogen verfasst, den er seinen Nachbarn in die Briefkästen steckt und den sie ausfüllen und an das Umweltamt schicken sollen. Er habe nichts gegen Kunst und Kultur, sagt Bernd Schütze, aber wenn Prometheus auf dem Dach der Volksbühne steht und sein Leid herausschreit, dann sei das für ihn eine Belästigung. Er habe versucht, eine vernünftige Diskussion mit den Verantwortlichen zu führen, aber das sei nicht möglich gewesen. Mehrere E-Mails mit Fragen blieben unbeantwortet. Deshalb nun die Anwohnerinitiative.

Wer sich den 65-Jährigen als verbissenen Mann vorstellt, der aus lauter Langeweile einen erbitterten Krieg führt, der tut ihm unrecht. Bernd Schütze bittet freundlich zum Gespräch auf die Polstercouch im Wohnzimmer, wo blühende Pfingstrosen einen süßlichen Duft verbreiten. Er redet über die ungünstige Akustik, die in dem provisorischen Bretterbau der Volksbühne entsteht und sich über den Spannbeton seines Wohnhauses ausbreitet, der wie ein Verstärker wirkt. Er erzählt von seiner Ehefrau, mit der er hier seit 23 Jahren lebt und die als Krankenschwester in der Charité im Schichtdienst arbeitet, und von dem Musikunterricht, den er als Trompeter an einer Musikschule gibt und durch den er weiß, wie man die Lärmbelastung für die Mitmenschen möglichst niedrig hält.

Bernd Schütze spricht mit ruhiger Stimme, ein sächsischer Singsang schwingt mit. Er erzählt, dass sich seit Tagen Zeitungsreporter bei ihm melden, um über seine Anwohnerinitiative zu berichten. Der Fotograf eines großen Boulevardblattes habe ihn nach einem Interview aufgefordert, am Küchenfenster, von wo aus man direkt auf die Volksbühne blickt, möglichst grimmig und angriffslustig zu gucken. „Dabei geht es mir gar nicht darum anzugreifen.“

Worum geht es Bernd Schütze denn dann? Und worum geht es den anderen Berlinern, die sich wie Schütze mit der steigenden Lärmbelästigung nicht abfinden wollen? Überall in der Stadt gibt es Orte, an denen Anwohner wegen akustischer Unzumutbarkeiten klagen. Am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg wehren sie sich gegen einen Wochenmarkt, an der Admiralbrücke in Kreuzberg gegen abendliche Partys. In der Simon-Dach- Straße in Friedrichshain geht es gegen die Gastronomie-Betreiber und rund um das Olympiastadion, die Zitadelle Spandau und die Waldbühne gegen die Konzertveranstalter. Über das SO 36 an der Oranienstraße in Kreuzberg beschwert sich ein Nachbar, weil der Clubbetrieb zu laut sei. In Friedenau musste eine Kita umziehen, weil ein Anwohner wegen des Kinderlärms vor Gericht gezogen war. Erfolgreich war die Klage eines Spandauer Paares, das gegen eine Familie vorging, deren Tochter am Wochenende Klavier spielte – das Mädchen ist Gewinnerin des „Jugend musiziert“-Wettbewerbs.

Man kann all diese Menschen natürlich für Spießer halten, für Leute, die nicht begreifen, was es heißt, in einer Großstadt zu leben. Man kann ihnen unterstellen, dass sie Berlin mit einer Kleingartensiedlung verwechseln. Dass sie zwar die Annehmlichkeiten einer Metropole haben wollen – aber bitte nicht deren Nachteile. Kurt Tucholsky schrieb 1927 in dem Gedicht „Das Ideal“: „Ja, das möchste: Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße…“ Doch der Vorwurf des Spießertums greift zu kurz, mindestens ebenso kurz wie die Behauptung, wer in einer Großstadt lebt, der müsse eben damit rechnen, schneller Opfer eines Verbrechens werden zu können.

Lärm kann krank machen, psychisch und physisch. Das Umweltbundesamt veröffentlichte gerade eine Studie, die belegt, dass bereits jedes achte Kind im Alter zwischen acht und 14 Jahren verminderte Hörfähigkeiten infolge von Lärm aufweist. Bei der Senatsverwaltung für Umwelt gingen im vergangenen Jahr 42 Beschwerden wegen verschiedener Veranstaltungen ein, im Jahr 2000 waren es lediglich neun. Zwar seien die einzelnen Veranstaltungen nicht lauter, „jedoch hat das Belästigungspotenzial durch die hohen tieffrequenten Geräuschanteile zugenommen“, sagt eine Sprecherin. Bereits 1910 prophezeite der Mediziner Robert Koch: „Eines Tages wird der Mensch den Lärm ebenso unerbittlich bekämpfen müssen wie die Cholera und die Pest.“

Das sei eben die Abmachung, der Deal, den man eingeht, wenn man sich für ein Leben in der Großstadt entscheidet, sagen die, die nicht verstehen können, wie man sich über Lärm aufregen kann. Aber was genau ist noch gleich der Deal? Er ist ein Versprechen, es lautet: Komm nach Berlin, hier kann man sein, wie man will, hier lässt man einen. Das würde nur funktionieren mit Toleranz. Ist es aber nicht so, dass ein Nebeneinander von vielen gerade besondere Rücksichtnahme des einzelnen erfordert? Oder anders gefragt: Hat der Lärm in dieser Stadt in den vergangenen Jahren zugenommen – oder ist die Akzeptanz gesunken? Oder drücken die zunehmenden Alltagsbelastungen des Großstadtmenschens so sehr auf sein Gemüt, dass er schon wegen Dingen ausflippt, die er noch vor ein paar Jahren achselzuckend weggesteckt hätte?

Achselzuckend und vergleichsweise ruhig sitzt derzeit Jens-Holger Kirchner von den Grünen in seinem Büro. Er ist Bezirksstadtrat für Öffentliche Ordnung in Pankow, und wenn er über den Streit um den Kollwitzmarkt spricht, dann blättert er in einem dicken Aktenordner. Es würden etliche Anzeigen gegen ihn persönlich laufen, erzählt Kirchner, erstattet von der Anwohnerinitiative „Besser leben im Kiez“. Der Vorwurf lautet „fahrlässige Körperverletzung“. Es geht um die Lärmbelästigung, wenn die Markthändler ab 7 Uhr ihre Stände aufbauen, es geht um Passierabstände und versperrte Gehwege. Es geht aber auch um 5000 Besucher, um Arbeitsplätze und um einen Wirtschaftsfaktor. „Wir haben keinen Versagensgrund für die Sondernutzungsrechte, solange sich der Betreiber an die Vorschriften hält“, sagt Jens-Holger Kirchner. Ein Verbot des Marktes würde einen massiven Eingriff in die Gewerbefreiheit darstellen.

Für den Bezirksstadtrat hat die Aggressivität der Auseinandersetzung eine neue Qualität: „So einen Fall gab es bislang nicht. Dass die Betroffenen nicht mal anrufen, sondern gleich ihren Anwalt einschalten, ist neu.“ Am meisten wundert ihn das, weil eine der Beschwerdeführerinnen eine ehemalige Nachbarin ist. Mit ihr lebte er Mitte der 80er Jahre in der Nähe des Kollwitzplatzes Tür an Tür, sie übernahm Mitte der 90er Jahre die Geschäftsführung in einem Café, um das es auch gelegentlich Ärger wegen Lärmbelästigung gab. Da sei viel Bigotterie mit im Spiel, sagt Kirchner, der Fall nehme obskure Züge an. „Wer am Kollwitzplatz wohnt, der weiß, worauf er sich einlässt, der bezahlt sogar tausende Euro Miete dafür, in einem lebendigen Kiez zu wohnen.“

Wie hoch die Miete ist, die der Nachbar zahlt, der neben dem SO 36 in Kreuzberg wohnt, ist nicht bekannt, und eigentlich spielt es auch keine Rolle. Der Mann fühlt sich durch die laute Musik des Clubs gestört. Es gab eine Geländebegehung mit der Vermieterin, nun soll eine Schallschutzmauer errichtet werden. 80 000 Euro kostet das, eine Summe, die die Betreiber nicht haben. Deshalb haben sie ein Spendenkonto eingerichtet und T-Shirts mit Solidaritätsbekundungen gedruckt. Am kommenden Freitag findet eine Benefizveranstaltung statt, die Einnahmen sollen dem Schallschutz zugute kommen. „Wir sind froh um jeden Euro“, sagt ein Sprecher. Er verweist darauf, dass der Club in den letzten Jahren schon einiges Geld in die Schalldämmung investiert hat. Und dem Nachbarn habe man den Einbau spezieller Schallschutzfenster angeboten, doch der habe abgelehnt.

Die Volksbühne behilft sich unterdessen mit Kopfhörern, die nach 22 Uhr an die Besucher verteilt werden. In den angrenzenden Wohnhäusern haben Mitarbeiter Infoblätter ausgehängt, in denen um Verständnis gebeten wird und eine Telefonnummer angegeben ist, unter der sich Anwohner melden können, sollte es zu laut werden. Bis Mitte Juli ist die Freiluftspielstätte in Betrieb, so lange muss Bernd Schütze ausharren. Einen Teil der Zeit überbrückt er mit einem zweiwöchigen Urlaub. In seinem Elternhaus, in einem kleinen Dorf in der Nähe von Mittweida. In Sachsen. Im Grünen. In Ruhe.

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