Aktionskunst : Poetischer als die Polizei erlaubt

Strafanzeige für das Aufsagen eines Gedichts: Das "Zentrum für politische Schönheit" will irritieren, aber auch beraten.

Ferda Ataman
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Post für Köhler. Politaktivist Ruch und seine Kollegen arbeiten gegen Konventionen. Foto: Mike Wolff

Wer sagt eigentlich, dass Wahlkampf nur für Politiker da ist? Vor vier Monaten beschloss der Politologe Philipp Ruch ebenfalls mitzumischen und gründete das „Zentrum für politische Schönheit“. Seither hat er die Öffentlichkeit mit seiner Gruppe immer wieder irritiert: Etwa, als er als „Chefunterhändler der Schönheit“ auf einem Pferd zum Reichstag ritt und zehn Thesen an die Tür nagelte. Eine davon: „Hoffnungen sind nicht dazu da, aufgegeben zu werden.“

Viele Passanten schauten auch hin, als die Gruppe bei einer Mahnwache vor dem Brandenburger Tor meterlange Attrappen von Nato-Bomben aufstellte, „um den Opfern des Massakers von Srebrenica zu gedenken“. Und manchmal verteilen die Aktionskünstler auf Straßen „Tüten der verbrannten Hoffnungen“, darin: Kohlestücke und nachdenkliche Sätze.

Am vergangenen Mittwochabend stand Ruch mit seinem Team und einem Megaphon auf der ordentlich gestutzten Wiese vor dem Schloss Bellevue und sprach den Bundespräsidenten per Megaphon an: „Herr Köhler, ich habe Post für Sie, kommen Sie raus und holen Sie sie ab!“ ruft er. Im Hof, hinter dem Gitter, versammeln sich fünf Polizisten, die unruhig den Sack beäugen, den Ruch vor dem Tor abgestellt hat: Darin liegen ein Brief für Horst Köhler und ein Berg Kohlebricketts – „das sind die verbrannten Hoffnungen der deutschen Bürger“, erklärt Ruch. Kohle ist das Markenzeichen der Streiter für politische Schönheit, die immer mit Ruß im Gesicht auftreten.

Zu Köhler haben die jungen Aktionskünstler inzwischen ein besonderes Verhältnis: Das letzte Mal, als sie über Lautsprecher zu ihm sprachen, erhielt der 28-jährige Ruch eine Strafanzeige „wegen Verstoßes gegen das Versammlungsrecht“. Am Tag der Bundespräsidentenwahl hatte seine Kollegin Nina van Bergen ein Gedicht des Expressionisten Ernst Stadler aufgesagt – „An die Schönheit“. Die Polizisten vor dem Reichstag hielten das harmlose Gedicht für eine politische Kundgebung. Erst vergangene Woche hat er deswegen beim Landeskriminalamt vorsprechen und sich rechtfertigen müssen. Das war dem selbsternannten Gesellschaftsritter nicht unlieb – der Auftritt ist nun Teil seines „Werks“: Den LKA-Beamten erklärte er, „Poesie ist ein Rohstoff, der knapp werden kann“. Die seien „hingerissen“ gewesen, mal etwas Neues zu erleben. Irritation ist durchaus sein Ziel. „Aktionskunst macht keinen Sinn, wenn man sie vorher anmelden muss“, schimpft Ruch. Ideenreiche Leute wie er hätten damit zu kämpfen, dass die Rechtslage für Darbietungen in der Öffentlichkeit verstockt und borniert sei.

Was er mit dem Theater erreichen will? Politik werde schön, wenn mehr Ehrlichkeit zugelassen wird. Und Politiker, wenn sie mutiger und demütiger werden. Und: „Deutschlands Rohstoff-Zukunft liegt in der Poesie.“ Der junge Mann, im schwarzen Anzug mit rußverschmiertem Gesicht, meint das durchaus ernst. Das Zentrum für politische Schönheit bietet sich als Think Tank für Politiker an. „Denn Kunst kann in Momenten der höchsten Krise durchaus gute Antworten liefern.“ Bisher hat allerdings noch kein Politiker das Beratungsangebot angenommen. Ferda Ataman

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