Plötzlich Käpt'n : Drei Monate im Leben des Piraten Heiko Herberg

Fast 100 Tage an Deck: Können die Berliner Piraten die Politik verändern? Oder verändert die Politik am Ende sie? Wir haben den Abgeordneten Heiko Herberg drei Monate lang begleitet.

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15 Piraten zogen in das Berliner Abgeordnetenhaus ein - als die ersten Gruppenfotos geschossen wurden, waren sie aber noch nicht einmal vollzählig versammelt. Auf dieser Aufnahme fehlen Gerwald Claus-Brunner und Pavel Mayer.Weitere Bilder anzeigen
Foto: dapd
20.09.2011 12:0015 Piraten zogen in das Berliner Abgeordnetenhaus ein - als die ersten Gruppenfotos geschossen wurden, waren sie aber noch nicht...

Einen Tag vor Amtsantritt passiert dem designierten Abgeordneten das, was Politikern so häufig geschieht. Er muss die Geister der Vergangenheit abwehren. Allerdings geht es nicht um einen Häuserkredit oder die Doktorarbeit, sondern um ein Relikt aus seiner Schulzeit. „Ich hatte überlegt, ob ich den Anzug mitbringe, den du damals zum Abiball getragen hast“, sagt die blonde Frau, die ihm gegenübersitzt. „Mutti, doch nicht den!“, unterbricht der Abgeordnete sie, „schon gut“, beschwichtigt sie. Die beiden sitzen im Restaurant eines Kaufhauses am Kurfürstendamm, vor ihm steht ein Stück Kuchen. Seine Mutter sagt: „Aber wir könnten dir ja ein Hemd kaufen. Oder einen schönen Pulli?“ Der Abgeordnete nickt und folgt ihr in die Herrenabteilung.

Doch knapp 20 Stunden später im ersten Stock des Abgeordnetenhauses, wo sich die Fernsehreporter um die Mitglieder der Piratenfraktion drängen, sieht der Abgeordnete aus wie immer. Jeans und eine sportliche Jacke mit Reißverschluss. Doch, doch, sagt er, die Mutter habe ihm einen Pulli gekauft, blau und wirklich schön, „aus dieser tollen Wolle, Merino“. Aber, sagt er, „einfach zu perfekt“. Dann geht er Richtung Plenarsaal, den Laptop unter den Arm geklemmt wie andere Abgeordnete ihre Aktentasche.

Seit diesem Tag, dem 27. Oktober 2011, ist Heiko Herberg – 24 Jahre alt, Jurastudent aus Interesse und Pirat aus Überzeugung – einer der 149 Menschen, die Berlin regieren. Seinen Einstieg in die Politik macht er zum öffentlichen Experiment. Wenn er bei Karstadt einkaufen geht, steht in seinem Online-Terminkalender zwischen „Einweisung ins Plenum“ und „Konstituierende Sitzung“ für alle einsehbar „Shoppen mit Mutti“. Das kann man albern finden. Aber genauso ein Kalendereintrag mag einer der Gründe sein, warum die Piraten, die aus dem Internet kommen, 130 000 Berlinern im September letzten Jahres als die beste Wahl erschienen. Viele Menschen wollten vor allem eins: Politiker, denen man nicht anmerkt, dass sie Politiker sind. Selbst wenn es dann Nerds sind.

Mit Wahlslogans wie „Warum häng ich hier eigentlich, du gehst ja eh nicht wählen“ gelang es den Piraten, die stetig wachsende Gruppe derer anzusprechen, die sich in den etablierten Parteien nicht wiederfinden. Dass die Piraten umfängliche Unwissenheit eingestanden, schien Wähler für sie einzunehmen anstatt zu verschrecken. Vermutlich hatte da die Finanzkrise Anteil dran. Selbst angebliche Experten hatte die Entwicklung auf den Finanzmärkten kalt erwischt – die Piraten gaben wenigstens zu, keine Ahnung zu haben, und kreierten damit einen Hype. Nun, da der langsam abklingt, die Piraten bald 100 Tage im Amt sind, ist es Zeit für ein erstes Resümee: Können die 15 Piraten nur Internet oder auch Politik? Werden sie es schaffen, die Politik zu verändern? Oder verändert die Politik am Ende sie?

Bei der ersten Wahl seines Lebens wählte Heiko Herberg die Grünen, später war er bei Attac aktiv. In seiner Wohnung im Studentenwohnheim, im siebten Stock eines Plattenbaus in Lichtenberg, lehnt hinter der Tür ein Glücksrad aus dieser Zeit. „Banken“ steht auf einem Feld. Mit diesem Rad stellte sich Herberg auf die Straße und lud Passanten zum Spielen ein. Gewonnen haben sie nie – das Rad war so konstruiert, dass es immer beim Banken-Feld stoppte. Attac, sagt Herberg, war schön und gut, aber er habe nicht nur reden wollen, und da habe er die Piraten entdeckt. Wobei Herberg das anders formuliert, er sagt, die Partei sei „hochgepoppt“, ganz so wie man es über Fenster im Internet sagt.

Für junge Piraten wie Herberg ist das Netz stilbildend: Seine Generation beherrscht das Internet wie keine zuvor, zugleich beherrscht das Internet aber auch sie. Solche wie Herberg sind nicht oder zumindest nicht nur wie andere vor ihnen auf dem Sportplatz oder im Musikverein sozialisiert worden, sondern im Netz. Die Verhältnisse, die dort herrschen, haben sie geprägt. Herberg etwa hat sich seine Freunde in den Harry-Potter-Foren des Internets gesucht. In dem Dorf im Nordwesten Brandenburgs, wo er aufwuchs, gab es zu wenig Spielgefährten. „In diesen Foren ist eine ganze Generation herangewachsen, alle Jahrgang ’85 bis ’90“, sagt er. Sie spielten sogenannte Fan Fictions, in denen jeder eine Figur für sich erfand und ihr eine Geschichte auf den virtuellen Leib schrieb, die andere dann fortführten. Oft gab es Streit, Moderatoren mussten zwischen den verschiedenen Geschichten vermitteln. Diese Moderatoren sind Vorbilder für den Abgeordneten Herberg. Auch er will eher moderieren als gestalten. „Politiker müssen aufhören, ihr eigenes Buch zu schreiben“, sagt er.

Und hier kommt das Netz ins Spiel: Internet, das ist für die Piraten nicht nur Facebook oder schnell mal was googeln, sondern die Chance zur Teilhabe. Mit Liquid Feedback meinen die Piraten eine Plattform gefunden zu haben, mit der die Bürger ihr Buch langfristig mitschreiben können. In dem Online-System können Teilnehmer Anträge einbringen, verändern, über sie abstimmen und hierarchisieren, so dass mehr möglich wird als Ja-Nein-Alternativen. Endlich, glauben die, die daran glauben, ist Basisdemokratie möglich. Alles, was man braucht, ist ein Rechner und Internetzugang.

Nur ist WLAN gar nicht in allen Räumen des Abgeordnetenhauses verfügbar. Als René Rögner-Francke vom Referat Öffentlichkeitsarbeit die Piraten im Oktober durch das Haus führt, begleitet von einem Kamerateam, und ihnen die Gemälde und Ehrenbürgergalerie zeigt, schauen die neuen Abgeordneten fast ebenso oft auf ihre iPhones wie an die Wand. Überhaupt erinnern sie in diesen Anfangstagen an Missionare, die eine rückständige Kolonie besuchen. Dass man auf der Besuchertribüne nicht twittern darf! Dass die meisten Dokumente nur in Papierform vorliegen! Die Piraten wollen alles besser, elektronischer und transparenter machen. Ihre Fraktionssitzungen sind nicht nur öffentlich, es gibt auch Wort- und Tonprotokolle und Videomitschnitte im Netz. Der Ansturm der Interessierten ist groß und für die anderen Parteien bitter: Die Fraktionssitzungen der Grünen und der Linken sind auch öffentlich, nur kommt da kaum jemand hin. Als Heiko Herberg den Piraten in seinem Heimatbezirk Lichtenberg von den ersten Wochen berichtet, schließt er mit den Worten: „Klappt gut im Abgeordnetenhaus. Wir werden schon Spaß haben da drinnen.“

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die Piraten mit der Geschlechterfrage umgehen - und wie sie mehr und mehr Probleme bekommen.

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