Landwehrkanal : Ein Sack voll Maßnahmen

Streit um den Landwehrkanal war gestern. Bürger und Behörden kooperieren: Ufer werden mit Bausteinen gesichert, Riesenquader entfernt, Bäume gepflanzt.

Annette Kögel
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Vom Schiff ans Ufer. Derzeit wird am Landwehrkanal in der Baerwaldstraße in Kreuzberg die Böschung befestigt. Die Arbeiter bringen...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Sie waren vielen Baumschützern ein Dorn im Auge – und sind bald alle weg, die insgesamt 40 tonnenschweren Betonquader, mit denen das Wasser- und Schifffahrtsamt Berlin (WSA) sturzgefährdete Bäume an den Ufern des Landwehrkanals gesichert hat. „Wir werden die speziell für die Baumbeschwerung angefertigten Klötze nach und nach abtransportieren und ins Lager in einen Außenbezirk bringen“, sagt Gerrit Riemer, im WSA zuständig für die Unterhaltung der Bundeswasserstraße. Zudem lassen Arbeiter an vier Stellen entlang des Kanals sogenannte „Big Bags“ ein, mit Wasserbausteinen gefüllte Plastiksäcke, mit denen das marode Ufer vorübergehend abgestützt wird. Baumfällungen soll es in dieser Saison nicht geben. Vielmehr würden für jeden gefällten Baum drei nachgepflanzt, sagt Baustadträtin Jutta Kalepky (Bündnis90 / Die Grünen) aus Friedrichshain-Kreuzberg.

Damit beginnt die Saison aus Sicht der Baumschützerinitiative aus dem Kiez mit guten Nachrichten. Vor zwei Jahren war die Situation für rund 500 000 Anwohner anders: Das für die Ufer des Landwehrkanals zuständige Schifffahrtsamt wollte zunächst 200 Bäume an dem elf Kilometer langen und durch fünf Bezirke führenden Kanalgrünzug fällen. Nach Protesten der spontan gegründeten Bürgerinitiative „Rettet die Bäume am Landwehrkanal“ mit Telefonketten auch in den frühen Morgenstunden und Unterstützung von Robin Wood reduzierte sich die Zahl schließlich auf 38. Die anderen Bäume, die auf Spaziergänger oder Ausflugsschiffe hätten stürzen können, wurden nur beschnitten. An 20 Bäumen brachte das Amt die riesigen Klötze an. Nun wird untersucht, ob ihre Last die Wurzeln geschädigt hat.

Die Baumschützer aus dem Kreuzberger Kiez trafen sich fast zwei Jahre lang täglich auf der Admiralsbrücke. Seit langem gibt es eine Mediationsrunde zur Sanierung des längsten Grünzugs an einem Kanal Berlins mit einem vom WSA bezahlten Mediator, also einem Vermittler, und mit 25 unterschiedlichen beteiligten Behördenvertretern von Bund und Land, Anrainern, Wirtschaftsvertretern.

Die Baumschützer verfolgen intensiv die aktuellen Sicherungsmaßnahmen. Kaum macht ein Arbeitsschiff an einer der Uferstellen fest, laufen Anwohner zusammen, zücken Handys und Kameras. Wie am Ufer der Baerwaldbrücke nahe dem Urbanhafen. „Da sind zuletzt Natursteine von der Mauer ins Wasser gefallen, dahinter sind Wurzeln zu sehen“, sagt Gerrit Riemer vom Schifffahrtsamt. Auf einer Länge von zehn Metern wurden nun 120 Steinsäcke zu Wasser gelassen, in Pyramidenform aufgeschichtet – nicht schön, aber wirkungsvoll. An anderer Stelle, wie vorm Stadthaus Böcklerpark, kletterten Anrainer auf diese Säcke, um sie von Glasscherben zu befreien, weil Schwäne und Enten hinaufwatscheln.

„Wir sind jetzt alle gespannt, wie die Pläne des WSA zur Kanalsanierung aussehen“, sagt Franz Schulz (Grüne), Bürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg. Die Initiative der Baumschützer, mit allen Anliegerbezirken und unter Federführung der Senatsstadtentwicklungsverwaltung einen Masterplan für die Kanalsanierung beim Bund zu beantragen, ist laut Stadträtin Kalepky am Desinteresse anderer Bezirke gescheitert. Nun will Kreuzberg-Friedrichshain in Kooperation mit der Verkehrsverwaltung regeln, wohin neue Radwege kommen – auf die Straße oder auf den Uferweg. „Weil die Spazierwege entlang dem Ufer nach dem Winter immer Rillen bekommen, müssen wir auch diese erneuern“, sagt Kalepky.

Der einstige Transportkanal wurde 1850 öffnet, heute gehört er zum Naherholungsgebiet in der City. Viele Weltkriegsbomben liegen noch auf dem Grund. Auf rund 130 Millionen Euro wird die Komplettsanierung geschätzt. In diesem Herbst soll die abgebrochene Uferstelle an der Anlegestelle der Reederei Riedel erneuert werden, die einst den Anlass für Diskussionen um die Sanierung des Landwehrkanals bot. Es sollen, wie auch an anderen bröckelnden Stellen, Spundwände eingebracht werden. Zunächst hatte es beim WSA immer geheißen, das sei wegen der Erschütterungen nicht möglich. Doch nun kommen zunächst Säcke und dann Wände auch ans Tempelhofer Ufer, unterhalb der Möckernbrücke. Die Stelle am Bauhaus-Archiv soll im Mai/Juni repariert werden, wenn auch das Museum wegen Sanierungsarbeiten leer geräumt ist.

Sperrungen für die Schifffahrt wie noch 2007 soll es nicht mehr geben. Inzwischen ist die beliebteste innerstädtische Touristenstrecke Landwehrkanal mit dem Schiff nur noch in eine Richtung befahrbar. Die Boote dürfen nur noch sechs und nicht mehr acht Kilometer pro Stunde fahren, der Tiefgang darf nur noch 1,40 statt 1,60 Meter betragen.

Der Schandfleck vorm Ufer des Urbanhafens, das „Haifischbecken“-Theaterschiff Tau, soll Bürgermeister Schulz zufolge bald wegkommen. Es gebe einen ernst zu nehmenden Interessenten, der das mit Graffiti beschmierte, fensterlose Boot aufarbeiten und für Gastronomie und Kultur in die Spree schleppen will. Die Stelle vorm Urbankrankenhaus wird künftig frei bleiben.

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