Berlin : Leben mit Marys Schatten

Die Rolle der schillernden Diva hat den Schauspieler berühmt gemacht. Nun hat Georg Preuße seine Autobiografie vorgelegt

Heidemarie mazuhn

Der Mann ist sehr blass, sehr schmal und sehr erkältet. Mit „Mary“ – seinem glamourösen zweitem Ich – hat er an diesem Nachmittag wenig gemein. Georg Preuße sitzt in der Lobby des Hotels Kempinski – augenblicklich die Bleibe des Künstlers, der vom 20. bis 30.Oktober zum vierten Mal im Berliner Dom den „Jedermann“ im gleichnamigen Stück von Hugo von Hofmannsthal spielt. Beifall für seine Leistung in der diesjährigen Inszenierung von Brigitte Grothum bekam Preuße jüngst schon in der Schweiz – beim Open-Air-„Jedermann“ in Schwyz.

Derzeit aber geht es nicht um „Jedermann“ und auch nicht um seinen „Mackie Messer“, den er ab Dezember in der „Dreigroschenoper“ im Alten Schauspielhaus in Stuttgart gibt. Es geht vielmehr um sein Buch. „Mary – Mein Leben in ihrem Schatten“ hat Georg Preuße, der unter anderen mit der Goldenen Kamera und drei „Goldenen Vorhängen“ des Berliner Theaterpublikums gewürdigt wurden, seine Autobiografie genannt. Darin setzt er sich mit der Person auseinander, die ihn im doppelten Sinne berühmt machte. In die extravagant bekleidete Haut der schillernden Mondänen auf atemberaubend hohen Stöckelschuhen schlüpfte er erstmals 1978 – damals noch als „Mary & Gordy“ gemeinsam mit seinem Bühnenpartner Reiner Kohler.

Wie es trotz des grandiosen Erfolgs des Duos 1988 dazu kam, dass „Mary“ vor einem harten künstlerischem Neuanfang stand und warum der in Ankum im Teutoburger Wald in einem streng-konservativem Elternhaus aufgewachsene Georg Wilhelm Johannes Preuße weder ins väterliche Elektrogeschäft einstieg noch das Informatikstudium in Bielefeld beendete – das alles und mehr erzählt er seinen Fans auf 300 Seiten. Beendet sei seine Autobiografie noch nicht – „in 55 Jahren erscheint der zweite Teil“, scherzt der 55-Jährige. Klatschspalten-Voyeure werden im Buch nicht befriedigt – aus dem ganz privatem Nähkästchen plaudert der Autor nicht.

Das könne er schon gar nicht, weil er privat eben keine schillernde „Mary“ sei, sondern eher flau. Allen Glanz, der ihm möglich sei, stecke er lieber in seine Kunst. Schon lange nicht mehr nur in „Mary“, sondern eben auch in Rollen wie 1999 am Kurfürstendamm die des Conférenciers in „Cabaret“. Darüber schrieb an der Concordia-Universität in Montreal eine Theaterwissenschaftlerin sogar ihre Doktorarbeit, was Preuße im vergangenem Jahr eine Einladung nach Kanada einbrachte.

Nicht intim, aber privat ist das Buch über Preußes Leben in „Marys“ Schatten trotzdem. Wie er sich mit ihrer Hilfe von den Verletzungen der Kindheit und Jugend im ländlich-sittlich-kirchlichem Ankum befreit, liest man. Auch über seine Bühnenpartnerschaft mit Reiner Kohler und dessen tragischen Tod 1995 schreibt er und über seinen Lebensgefährten Jack Amsler, den er 2002 heiratet – nach 25 Jahren glücklicher Beziehung. In dessen schweizerischer Heimat Ringwil im Zürcher Oberland haben sie ihr gemeinsames Refugium, in dem auch Platz für die Pflege von Jacks an den Rollstuhl gefesselter 81-jähriger Mutter ist. Und wo sich Preuße von „Mary“ und anderen Bühnenrollen und dem damit verbundenen Leben aus dem Koffer erholt.

Wann und wo Frau Marys letzter Vorhang fällt, weiß Herr Preuße noch nicht. Dankbar wird er ihr sein Leben lang sein – sie schenkte ihm die Liebe und Verehrung des Publikums. Sich wie einst Romy Schneider über ihre lebenslange Verehrung als „Sissi“ zu beklagen, käme ihm nie in den Sinn. „Das grenzte für mich an Publikumsverachtung“, sagt der Preisträger des „Beauty Face Award“. Den Preis des Bundesverbandes der Kosmetikerinnen bekam er 2001 – nicht für „Marys“ schönes Gesicht, sondern für Preußes gutes Herz, das seinen zehn Patenkindern von Plan International und der Aids-Hilfe zugute kommt.

Für die Wiener schlüpft er demnächst wieder in „Marys“ Haut. Hiesige Verehrer müssen sich dagegen mit dem Buch begnügen. „Berlin hat momentan keine Spielstätte frei für Mary“, sagt Georg Preuße. „Bissel sein Leben sortieren“ gehört zu seinen nächsten Plänen, und vielleicht schafft er es sogar, seine Videosammlung aufzuräumen und mit Jack in den Skiurlaub zu fahren.

Georg Preuße: „Mary – Mein Leben in ihrem Schatten“ – ab 1.Oktober im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, 300 Seiten, 50 Abbildungen, 19, 90 Euro.

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