Berlin : Liebe ist…

… eine Sucht, manchmal. Den anderen immer im Kopf, die Zeit ohne ihn fast schmerzhaft – ab wann ist das ungesund? Die Geschichte einer Frau, die immer die falschen Männer liebte und krank darüber wurde

Verena Friederike Hasel

„Portemonnaie dabei?“ steht auf einem Zettel, der an Katja Fegerts* Wohnungstür in Berlin-Charlottenburg klebt, darunter „Schlüssel nicht vergessen!“ und daneben, am größten: „Beware of the man who isn’t there“.

So lauten die Anweisungen von Katja Fegert an sich selbst, Verhaltensmaßregeln auf dem Weg nach draußen: alles dabei haben, was man braucht, und vor allem – sich in Acht nehmen vor dem Mann, der nicht da ist. Für diese Sorte hat Katja einen Riecher. „Die finde ich wie ein Polizeihund am Flughafen das Kokain“, sagt sie und lacht, stutzt dann. Ob die wohl drogenabhängig sind? Sie überlegt hin und her. „Wie auch immer“, sagt sie, „am Anfang bin ich auf jeden Fall wie ein Spürhund. Und am Ende, da werde ich zum bettelnden Hund.“

Dies ist die Geschichte einer Sucht. Katjas Stoff sind Männer, die in ihrem Leben nicht da sein können oder wollen, die einsamen Wölfe ebenso wie die verheirateten Familienväter. „Eben all jene, die emotional nicht verfügbar sind“, sagt sie im astreinen Therapeutenjargon, und wenn sie von Männern und Beziehung spricht, dann bedient sie sich des Suchtvokabulars: Seit vier Monaten macht sie eine Therapie, seitdem ist sie „trocken“, will heißen ohne Mann, die ersten Wochen waren „härtester Entzug“.

Katja verschwindet und kommt zurück mit einem Ordner, darin Handyrechnungen: hohe Summen, 234 Euro im Januar, 249 Euro im Februar, immer wieder dieselbe Nummer, bis zu 50 Mal gewählt, teilweise im Zehnminutentakt. Das sei die Nummer von Jan, sagt Katja. Mit dem habe sie „so eine Sache“ gehabt im letzten Jahr. Als sie dann um Weihnachten herum darauf drängte, aus der Sache eine Beziehung zu machen, zog er sich zurück. „Und ich…“, Katja stockt, dann purzeln Sätze ohne Anfang und Ende aus ihrem Mund, immer wieder setzt sie neu an: Wie amputiert habe sie sich gefühlt, wie in Trance, wie unter Strom und zugleich wie gelähmt. „Alles, was ich konnte, war das“, sagt Katja und deutet auf das Telefon. Wie ein Alkoholiker zur Flasche, so habe sie zum Telefon gegriffen, ein ums andere Mal habe sie Jan angerufen, immer wieder sei sie mit dem Fahrrad durch die Eiseskälte zu seinem Haus gefahren. „Und dann stand ich da, habe zu seinem Fenster hochgeschaut und geklingelt, geweint und gefleht: Lass mich rein, mir ist so kalt! Ist das nicht erbärmlich?“

Katja kratzt mit ihrem Fingernagel auf dem Küchentisch herum, über ihrem Gesicht liegt ein blonder Haarvorhang, immer wieder kommt „Kälte“ in ihrer Rede vor, „Hunger“ und „Leere“ – Begriffe, die einen Mangelzustand beschreiben.

Unbefriedigte Bedürfnisse haben eine lange Geschichte in Katjas Leben, sie reichen zurück bis in die Kindheit der heute 31-Jährigen. „Für Mama war ich nur ein lästiger Klammeraffe“, sagt sie. Der Vater? „Den habe ich kaum gesehen.“

Der Vater, der nicht da ist – laut der Psychoanalytikerin Benigna Gerisch findet er sich in den meisten Biographien von Frauen, die bis zur Besessenheit lieben, er formt ihr Verhältnis zur Männerwelt gerade durch seine Abwesenheit. Gerisch ist Privatdozentin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die weibliche Leidensbereitschaft in all ihren Facetten – von obsessiver Liebe über Masochismus bis hin zum Selbstmord.

Unbewusst würden sich Frauen wie Katja – und da gerade die Väter oft nicht ausreichend präsent sind, leiden vor allem Frauen – selbst die Schuld für den Mangel an väterlicher Zuwendung geben, sich der Liebe für nicht würdig halten und in der Folge einen Mann zu erobern suchen, der ähnlich unerreichbar wie der Vater ist. „Intellektuell weiß man, dass das nicht funktionieren kann, aber das Gefühl weiß das nicht“, sagt Gerisch und verweist auf den von Freud geprägten Begriff des Wiederholungszwangs: „Wider besseren Wissens reinszenieren Frauen mit dem unerreichbaren Mann ihre unzureichende Beziehung zum Vater und versuchen so, die ursprüngliche schmerzliche Situation zum Guten zu wenden.“

Und so fühlt sich Katja stets dort gebunden, wo sie leer ausgeht, ersehnt sich Heimat da, wo kein Platz für sie ist, wie bei Tobias, dem Mann vor Jan, verheiratet, zwei Kinder. Einen gab es mal, der war gut zu Katja. „Der war nett, der war bemüht, der war verlässlich“, zählt sie auf. Das „Aber“ lässt sich förmlich greifen, und da kommt es schon: „Das tat überhaupt nicht weh, das war keine Liebe.“ Liebe gleich Zurückweisung, Liebe gleich Schmerz – das hat Katja schon sehr früh gelernt, sogar bevor sie Lesen und Schreiben konnte; und sie ist damit weder allein noch absonderlich. „Das sind oft Frauen wie du und ich“, sagt Benigna Gerisch. „Beruflich erfolgreich, oft auch mit Familie, die sich aber immer wieder, oft auch parallel zu ihren Ehen, in solche Geschichten verstricken.“

Auf ihre Veröffentlichungen in Fachzeitschriften und Büchern ging, hat Gerisch „überbordende Reaktionen“ bekommen. Das kommt nicht von ungefähr: Bisher ist dieses Gebiet wissenschaftliches Brachland; weder gibt es Statistiken zur Häufigkeit dieses Phänomens noch taucht die Diagnose „Beziehungssucht“ in den medizinischen Handbüchern auf. Bis zur Selbstaufgabe lieben, das ist eben keine Krankheit – oder? Die meisten Männer wie Frauen lernen doch mindestens einmal im Leben den Liebeskummer so kennen wie Katja Fegert, mit all seinen peinlichen, peinigenden Symptomen. Macht einen das gleich therapiebedürftig?

Für Gerisch ist die Grenze fließend, entscheidend ist für sie aber unter anderem, inwiefern man auch freudvolle und gesunde Liebesbeziehungen führen kann. Ob der nicht erreichbare Partner also eher eine Ausnahme ist oder die Regel.

In Katjas Leben bargen alle Begegnungen mit Männern von Anfang an vor allem Schmerz. So auch die mit Jan. Der tauchte plötzlich in ihrem Leben auf, aber „er kam nur, um wieder zu gehen, und das monatelang“, erzählt Katja. Und sie habe kaum noch etwas getan, außer darauf zu warten, dass er kommt. „Kennst du das? Wenn warten richtig körperlich wird?“ fragt Katja. Sie knetet ihren Nacken, schüttelt den Kopf. Selbst wenn sie etwas unternommen habe, habe sie schon währenddessen daran gedacht, wie sie ihm davon erzählen würde, wenn sie etwas las, dann habe sie unterkringelt, was ihn daran interessieren könne.

Katja kommt auf das Bild mit dem Hund zurück: „Wenn ich der bettelnde Hund war, dann war Jan das Herrchen, das die Wurst immer wieder hinhielt, aber im entscheidenden Moment wegzog. Und das ist beides ganz schön verrückt.“

Bis sie das erkannte, habe es ein bisschen gedauert, sagt sie; erst habe sie Jan als ganz normal und sich selbst als total krank gesehen. Es habe Zeiten gegeben, da habe sie sich regelrecht verabscheut. „Ganz schlimm war’s damals an der Mülltonne“, sagt Katja. Es dauert eine Weile, bis sie weiterredet. Es sei irgendwann im Februar gewesen, als Jan abtauchte und sie durchdrehte. Sie habe seine Nummer aus dem Handy gelöscht und alle Telefonrechnungen in den Müll geworfen, weil da die Nummer ja auch draufsteht. „Das war an einem Sonntagmorgen“, sagt Katja. „Und am Abend stand ich unten und habe mich durch den Abfall gewühlt.“ Als sie den Arm gerade ellbogentief in der Tonne hatte, kam die Nachbarin. „Und da dachte ich: Was machst du hier eigentlich? Da wusste ich, dass ich Hilfe brauche.“

Im Alltag fährt Katja nun, wie andere Süchtige auch, erst einmal eine Politik der kleinen Schritte, sie schneidet ihr Leben in Scheiben und bewältigt es so. Einmal die Woche geht sie zu einem Psychotherapeuten, „Großreinemachen in der Seele“ nennt sie das. Das Ziel: begreifen, warum sie sich gerade nach dem unerreichbaren Partner sehnt, begreifen, dass sie mit ihm nicht gestillte Kindersehnsüchte befriedigen will. Sie durchlebt noch einmal Situationen ihrer Kindheit. Trauerarbeit leisten, so nennen Experten das. Bis man die Kindersehnsüchte aufgibt. Und allein mit sich sein kann. „Ich stelle mir nicht vor, dass ich für immer ohne Jan sein muss“, sagt sie, „ich beschäftige mich nur mit dem Heute.“

Wie es mit den Männern weitergeht, weiß sie nicht so recht. Erst einmal hat sie sich eine Beziehungsabstinenz verordnet. „Manchmal habe ich Angst, dass ich nie eine Beziehung haben werde, weil ich immer nach den falschen giere.“

*Name geändert

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