Liebigstraße 14 : Zwischen Tür und Angel

Die Liebigstraße 14 steht vor der Räumung. Am Freitag gibt es ein Urteil zum Wohnprojekt in Friedrichshain. Doch die Bewohner wollen weiterkämpfen.

Henning Onken/Susanne Thams
309714_0_7b80d26e.jpg
Bedroht. Das Wohnprojekt gibt es seit der Wende in der Liebigstraße 14. -Foto: Mike Wolff

„Wir bleiben alle“ steht auf einem Transparent an der Fassade des Altbaus. Den Mietern des linksalternativen Wohnprojekts in der Liebigstraße 14 in Friedrichshain droht die Räumung, falls sie am heutigen Freitag vor dem Landgericht erneut unterliegen. Der Kündigungsgrund: Eine zusätzlich eingebaute Tür im Treppenhaus, die ungebetene Gäste fernhalten soll. Vor fast 20 Jahren wurde das Gebäude besetzt und die umstrittene Tür eingebaut. Kurz darauf unterzeichneten die Besetzer Mietverträge mit dem damaligen Eigentümer. Inzwischen haben sich die Bewohner komplett ausgetauscht – die Tür blieb.

Der Anwalt der Mieter, Gerhard Fuchs, bedauert, dass die Frage mit der Zwischentür nie vertraglich geregelt wurde. Damit stehe den Vermietern rechtlich ein Schlüssel zu, um in das Haus zu gelangen. Für die Bewohner keine angenehme Vorstellung: Dann könnten die Vermieter jederzeit in ihren Zimmern stehen, denn in den oberen Stockwerken leben die 28 Leute in einer großen Wohngemeinschaft mit vielen offenen Türen. Sie teilen sich vier Bäder und drei Küchen und verbringen viel Zeit miteinander. Ziel des Projekts ist es, gemeinsam statt nebeneinander her zu leben. „Bei uns bestimmt nicht die Mehrheit“, beschreibt ein 29-jähriger Mitbewohner die ungeschriebenen Regeln des Wohnprojekts. „Wir versuchen immer, einen Konsens zu finden.“ Es werde viel diskutiert in der Liebig 14. Die Erfahrung, in so einem Haus zu leben, sei sehr wertvoll. Sogar, wenn es sich um eine Erfahrung des Scheiterns handle. Es gab schon Leute, die nach kurzer Zeit wieder aus der Liebigstraße auszogen seien.

Vor rund zehn Jahren begann der Streit mit den Vermietern. Damals kauften Suitbert Beulker und Edwin Thöne das Eckhaus Liebig 14/Rigaer 96 sowie die angrenzenden Häuser 95 und 94. Auf der Straße und in den Hausfluren der angrenzenden Häuser zeugen Sprüche an den Wänden von den verhärteten Fronten: „Wenn Räumung dann Beule“ und „Beulker auf’s Maul“ steht dort. Hin und wieder überpinseln Anstreicher die Drohungen – wohl wissend, dass der Konflikt zwischen den Bewohnern und Besitzern unter der Oberfläche weiter schwelt.

Miteigentümer Edwin Thöne hat Beulker für den Prozess eine Vollmacht gegeben, bedauert aber offenbar die Verhärtung der Fronten. „Ich versuche zu vermitteln, bin aber keinen Schritt vorangekommen“, sagt Thöne. Die Situation belaste ihn, mehr ausrichten könne er aber nicht. Beim Kauf des Hauses in der Liebigstraße sei ihm nicht bewusst gewesen, dass dort Leute mit alternativen Ideen wohnten.

Die Bewohner glauben nicht, dass es den Eigentümern wirklich um die Zwischentür geht. Sie befürchten, dass die Besitzer das leer geklagte Haus räumen und nach einer Luxussanierung als teure Eigentumswohnungen verkaufen wollen. Sollte auch der letzte Richterspruch am Freitag gegen sie ausfallen, will die Hausgemeinschaft weiterkämpfen. „Wir gehen nicht“, sind sie sich einig. Henning Onken/Susanne Thams

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben