Linksextreme Gentrifizierungsgegner in Berlin : "Berliner Liste" irritiert Anwohner

Durch die „Berliner Liste“ geraten auch alteingesessene Kreuzberger ins Visier der Linksradikalen. Die Anwohner reagieren irritiert - kennen sie doch noch aus eigenem Erleben das Kreuzberg der Hausbesetzerzeiten.

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Ein Plakat gegen Gentrifizierung in Tiergarten.
Ein Plakat gegen Gentrifizierung in Tiergarten.Foto: dpa

Nach dem Einzug in den Neubau in der Kreuzberger Fontanepromenade wurde erst mal wieder „abgerüstet“. Die aufwendig gestaltete Beleuchtung des Hauses nachts, wie sie der Architekt vorsah, wollten die Bewohner nicht. Trotzdem flogen Farbbeutel an die Wände. Das Haus in der Fontanepromenade steht als ein potenzielles Ziel von Gentrifizierungsgegnern auf der „Berliner Liste“ der Linksextremisten. Viele Eigentümer wissen das, aber Angst haben die wenigsten. Im Gegenteil. „Die Berliner Liste hat immerhin ein Gutes“, sagt Anwohner Manfred Kriener, ein Umweltexperte. „Man diskutiert über das soziale Problem in der Stadt, das sich nur politisch lösen lässt.“

Nachbarn reagieren argwöhnisch auf die neuen Mieter - sie fürchten die Gentrifizierung

Wie viele andere Bewohner in der Fontanepromenade ist Kriener ein „Alt-Kreuzberger“, der schon seit Jahrzehnten in dem Bezirk wohnt. Er hat sich für den Neubau, ein Niedrigenergiehaus, aus ökologischen Gründen entschieden und seine Wohnung in der Kreuzbergstraße aufgegeben. Manche Nachbarn hätten am Anfang, vor zwei Jahren, noch argwöhnisch auf die neuen Mieter reagiert. „Das waren Reaktionen wie: Die kommen alle aus München“, erzählt eine Bewohnerin, „aber wir sind keine Spekulanten, sondern fast alles Berliner, die hier wohnen.“ Und einige kennen noch aus eigenem Erleben das Kreuzberg der achtziger Jahre, die Hausbesetzerzeiten, den Kampf um Häuser, bezahlbare Wohnungen, gegen Spekulanten.

Das Problem sind nicht die Neubauten, sondern die modernisierten Altbauten

Auf der linken Berliner Liste ist über die Fontanepromenade zu lesen: „in bester Nachbarschaft zu anderen Kiezen, in denen Verdrängung zum Alltag der ärmeren BewohnerInnen gehört“. Doch sind dieses und andere dort gelistete Neubauobjekte wie die „Puccini Hofgärten“ in Weißensee oder höherpreisige Studentenappartements von „The Fizz“ ausschlaggebend für soziale Verdrängung und steigende Mieten? „Das Problem sind nicht die Neubauten. Es sind die vielen Altbauten, die modernisiert werden oder leerstehen, um sie dann teuer wieder zu vermieten“, sagt eine Anwohnerin. „Und muss sich derjenige, der sich gute, gehobene Wohnungen leisten kann, dafür rechtfertigen?“

Auf der Berliner Liste ist über die Politik zu lesen: „Der Senat verfolgt eine klare Politik der Verdrängung und unterstützt steigende Mieten.“ Viele Jahre hat der Senat tatsächlich die Mieten- und Wohnungsproblematik in Berlin nicht erkannt oder schlicht ignoriert. Jetzt muss korrigiert werden: mehr Wohnungsbau, Kappungsgrenzen bei Bedarfsmieten und ein gesetzlich verordneter Stopp der Ferienwohnungen.

Die "Berliner Liste" - ein Zeichen für die Zunahme linker Gewalt?

„Mit gesellschaftlichen Entwicklungen muss man sich friedlich auseinandersetzen“, sagt der SPD-Innenpolitiker Thomas Kleineidam. Farbattacken auf die kürzlich fertiggestellten „Choriner Höfe“ in Mitte will er nicht überbewerten. Auch nicht die Berliner Liste. „Einzelne machen Stimmung, werfen Farbbeutel auf Luxushäuser. Aber diese Leute akzeptieren nicht, dass die Gesellschaft sich entwickelt.“ Der SPD-Politiker glaubt nicht, dass solche Attacken ein Zeichen für zunehmende linke Gewalt sind.

Für den CDU-Integrationspolitiker Burkard Dregger dagegen steht fest: „Gewalttätigen Linksextremismus gibt es die ganze Zeit. Er ist in den öffentlichen Diskussionen nur etwas aus dem Auge verloren worden.“ Dregger fordert, dass es „ebenso im linksextremistischen Bereich Verbote von Gruppen geben muss wie im rechtsextremistischen Bereich“. Solche Strukturen müssten „rücksichtslos verfolgt werden“. Auch Christopher Lauer von der Piratenfraktion sieht in Gewalt nicht das Mittel, Forderungen durchzusetzen. „Legitime Forderungen delegitimiert man damit.“

Auch am Sonntag gab es in Berlin wieder eine „Sachbeschädigung mit politischem Hintergrund“, wie die Polizei mitteilte. Ein 53-Jähriger bemerkte am Sonntag, dass sein Jaguar in der Ritterstraße komplett mit dem Inhalt eines Feuerlöschers eingesprüht war. An die Heckscheibe schmierten die bisher unbekannten Täter einen Schriftzug und ein Hakenkreuz. Der Staatsschutz ermittelt.

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