Berlin : Lust aufs erste Mal

Noch nie den Molecule Man besucht? Alle Eissorten auf einmal bestellt? Auf einem Müllwagen mitgefahren? Um solche Lücken im Leben eines Berliners zu schließen, hat Martin Fleck ein Start-up gegründet.

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Das ist ja reizend. Martin Fleck (mit Muscle-Shirt), Gründer des Start-ups „Firsty“, und sein Kollege Carlos Nilgen machen mit dem Schlauchboot einen Ausflug zum „Molecule Man“ in der Spree am Osthafen. Fotos: D. Spiekermann-Klaas
Das ist ja reizend. Martin Fleck (mit Muscle-Shirt), Gründer des Start-ups „Firsty“, und sein Kollege Carlos Nilgen machen mit dem...

Martin Fleck setzt sich auf den Fuß des 30-Meter-Giganten, klettert sogar ein kleines Stück hoch, während Carlos Nilgen seine Hand durch eines der Löcher im Körper des dreifachen Riesen steckt. Damit haben die beiden Berliner ihre Mission erfüllt: zum ersten Mal die Füße des „Molecule Man“ in der Spree berühren. „Den sieht man halt sonst nur vom Ufer aus oder wenn man mit der U1 über die Oberbaumbrücke fährt“, sagt Nilgen.

Das erste Mal – für Martin Fleck und Carlos Nilgen, 30 und 34 Jahre alt, passiert es immer wieder. „Firsty“ nennen sie dieses Erlebnis, und es kann eigentlich alles sein: sich zum ersten Mal einen ganzen Tag lang nicht beschweren, zum ersten Mal am Landwehrkanal Boule spielen, zum ersten Mal tanzen in der Rollschuhdisco. Und sie regen andere an, ebenfalls aus ihrer Alltagsroutine auszubrechen. Dazu hat Flecki, wie ihn seine Freunde nennen, im vergangenen Jahr das Start-up „Firsty“ gegründet. Die beiden Kollegen Carlos Nilgen und Marcel Matzke sind später hinzugekommen. Von ihrem Büro in Kreuzberg aus stellen sie Ideen für mögliche erste Male auf ihre Plattform. Die inzwischen rund 400 Nutzer können sich für das Firsty anmelden und sich dazu verabreden – gemeinsam durchbricht man den Alltagstrott am besten.

Nach seinen ersten zwei, drei, vier Firstys habe sich der Blick darauf verselbstständigt, sagt Nilgen. Er denkt sich jetzt ständig: „Hey, das wär ja voll das Firsty!“ Endlich mal auf dem Weg in die Arbeit in die Seitenstraße einbiegen, in der man noch nie war; endlich mal herausfinden, was es mit dem Namen der Straße auf sich hat, in der man wohnt – Nilgen und Fleck verschieben diese Vorhaben nicht mehr, sie tun es einfach. Zwar sei es immer ein bisschen Überwindung, sagt Fleck. „Aber es ist wie ein Muskel, den man trainiert.“

Im vergangenen Jahr war er auf der Suche nach einer neuen Aufgabe. Sein erstes Unternehmen war gescheitert. Zur Inspiration schickte er E-Mails an Freunde und fragte sie, was sie gerne zum ersten Mal in ihrem Leben tun würden. Die Antworten kamen schnell. „Das Abgefahrenste war Sex im Weltall“, sagt Fleck. Ihm fiel auf, dass erstaunlich viele ihre Wünsche teilten. Beispielsweise wollten sie Bungee-jumpen oder vorne im U-Bahn-Fahrerhäuschen mitfahren. Da fragte Flecki sich: Warum nicht die Leute miteinander verbinden? Momentan ist der Wirkungskreis von Firsty noch auf Berlin beschränkt. Langfristig wollen Fleck und Nilgen die Stadtgrenzen überwinden.

Auf der Plattform gibt es nach erfüllter Mission die Möglichkeit, Erfahrungsberichte zu schreiben. Außerdem veranstalten Flecki und seineAnhänger jeden Monat ein sogenanntes Firsty-Happening, zu dem sie alle Nutzer einladen. Wie die Grillparty im Schnee oder die Verabredung in der Eisdiele, bei dem jeder alle Eissorten auf einmal bestellt – Fleck hatte dafür einen Sonderpreis ausgehandelt. Besonders gern erinnert er sich an das Hüpfburgrangeln. Ein Betreiber hatte ihm zugesagt, seine Burg zwei Stunden lang nur für Erwachsene zu öffnen. Die Zeit sei extrem schnell vorbeigegangen. „Da standen dann lauter Erwachsene in der Burg und haben alle ,Neiiiiin!’ gerufen, als es vorbei war“, erzählt Fleck und lacht.

Er habe auch schon oft die Anregung erhalten, eine Datingplattform aus „Firsty“ zu machen – Firstys eignen sich prima zum Flirten. „Wenn du in eine Bar gehst, erlebst du relativ wenig. Wenn du zum Molecule Man fährst, fällst du vielleicht ins Wasser, aber danach hast du wenigstens was zu erzählen“, sagt Fleck. Das mit der Partnervermittlung ist jedoch nicht das, was er will. Carlos Nilgen erklärt die Philosophie von Firsty so: „Das Firsty führt dich raus aus der Komfortzone.“ Und hinein in ein Leben voller besonderer Momente.

Dann tragen Fleck und Nilgen ihr Boot über die Straße zurück in ihr Büro. Ihr nächster Traum vom ersten Mal? Beide würden unheimlich gerne hinten auf einem Müllwagen mitfahren.

Das nächste Firsty-Happening findet am Donnerstag statt. Das Firsty ist: Kreidebotschaften in der ganzen Stadt hinterlassen. Treffpunkt ist um 21 Uhr an der Weltzeituhr am Alexanderplatz. Näheres unter www.firsty.net

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