Lydia Nofal : ''Ich trage ja auch kein Kopftuch''

Der Verein "Inssan" will in Charlottenburg eine Moschee für 700 Menschen bauen. Vorstandsmitglied Lydia Nofal über den Vorwurf des Fundamentalismus.

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Engagiert. Lydia Nofal ist Vorstandsmitglied des Vereins Inssan. -Foto: Uwe Steinert

Der Verein Inssan hat seinen Sitz in Kreuzberg, will aber in Charlottenburg eine Moschee für 700 Menschen bauen. Wirkt die Moschee dort nicht wie ein Ufo?

Einige Mitglieder von uns wohnen in Charlottenburg. Außerdem ist das ein bunter Bezirk, in dem viele Muslime leben. In der Klasse der Tochter eines Mitglieds sind muslimische Kinder in der Mehrzahl. Auch gibt es zwei Moscheen.

Können die Mitglieder von Inssan nicht dort beten?

Nein. Zum einen sind das keine richtigen Moscheen, sondern Fabriketagen, die als Gebetsräume genutzt werden. Wenn man Integration will, müssen die Muslime rauskommen dürfen aus den Hinterhöfen. Außerdem wird in diesen Moscheen türkisch gesprochen. Wir wollen deutschsprachige Angebote machen. Nur so kann man die Heimatorientierung und ethnische Teilung der muslimischen Community überwinden und eine europäische Identität der Muslime erreichen. Für viele junge Leute macht es keinen Sinn mehr, sich am Land ihrer Großeltern zu orientieren. Sie sind hier aufgewachsen, für sie ist Deutschland die Heimat. Für sie wollen wir Angebote machen – in einem repräsentativen Zentrum.

Wie soll sich der europäische Islam vom Islam arabischer Länder unterscheiden?

In den Grundsätzen unterscheidet sich das nicht. Aber im Islam hat es immer verschiedene Meinungen zu vielen Themen geben. Zum Beispiel beim Thema Frauenrechte entwickeln wir hier andere Positionen. In vielen muslimischen Vereinen in Deutschland sind mittlerweile Frauen in den Vorständen vertreten.

Inssan vertritt einen sehr konservativen Islam. Männliche Mitglieder geben mir, einer Christin, ungern die Hand. Viele Frauen tragen Kopftuch. Soll es in der Charlottenburger Moschee getrennte Räume für Frauen und Männer geben?

Wir vertreten keinen sehr konservativen Islam. In unserer Moschee werden Männer und Frauen gemeinsam in einem Saal beten. Es soll allerdings Frauenräume und eine Beratungsmöglichkeit für Frauen geben, die Probleme in der Ehe haben, bei der Erziehung, bei der Jobsuche. Es gibt auch keinen Druck, Kopftuch zu tragen. Auch wenn wir es als religiöse Pflicht ansehen – ich trage es ja auch nicht.

Woher soll der Imam für die Moschee kommen?

Das ist ein Problem. Die Imame in Deutschland sind meist importiert. Es gibt ein paar Leute, die in Deutschland aufgewachsen sind und über islamisches Wissen verfügen, das aber noch nicht ausreicht für so ein Zentrum. Wir suchen nach Fortbildungsmöglichkeiten.

In arabischen Ländern?

Vielleicht. Wir schauen uns aber auch in anderen westeuropäischen Ländern und in den USA nach Lehrgängen um, wo der westliche Kontext berücksichtigt wird.

Wie ist es mit Ägypten? Inssan wird eine Nähe zur Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD) nachgesagt. Die gilt für den Verfassungsschutz als Hort der Muslimbruderschaft in Deutschland. Die Muslimbrüder kommen aus Ägypten, wo Teile von ihnen für einen muslimischen Gottesstaat eintreten.

Wir haben Kontakte zur IGD und zu deren Präsidenten Ibrahim al Zayat. Aber zu den Muslimbrüdern oder zu Ägypten haben wir überhaupt keine Beziehungen. Die IGD steht auf dem Boden des Grundgesetzes und wir knüpfen grundsätzlich Kontakte zu allen Gruppen, von denen wir wissen, dass sie auf der Basis des Grundgesetzes stehen und sich zur Mehrheitsgesellschaft öffnen.

Aber die IGD gilt als Hort der in Teilen radikalen Muslimbrüder in Deutschland. Wo ist da die Öffnung?

Jeder kann sich informieren, dass es von der IGD keinerlei verfassungsfeindliche Äußerungen und Aktivitäten gibt. Eine Beobachtung wegen Kontakten zu Personen im Ausland, die der Muslimbruderschaft angehören, macht sie noch nicht zu Verfassungsfeinden. Sind nicht auch die Grünen in ihren Anfangsjahren vom Verfassungsschutz beobachtet worden? Und hier in Berlin ist eine Partei in der Regierung, die einen Flügel hat, der vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Die Beobachtung ist für uns kein K.-o.-Kriterium. Ich finde es falsch, muslimische Vereine, die auf dem Boden der Verfassung stehen, aus zivilgesellschaftlichen Prozessen auszuschließen. Wir sind nicht bereit, das zu machen, auch wenn wir Prügel kriegen. Die IGD sitzt über den Zentralrat der Muslime indirekt auch beim Bundesinnenminister am Tisch der Islamkonferenz. Selbst Schäuble hat gelernt, dass es besser ist, alle Gruppen einzubinden, wenn man Parallelgesellschaften verhindern will.

Wie will Inssan die geschätzten Kosten von sechs Millionen Euro für den Moscheebau aufbringen?

40 Prozent sollen durch Spenden zusammenkommen, 60 Prozent durch Moscheestiftungen in den Golfstaaten.

Wie viel haben Sie beisammen?

Das ist eine völlig falsche Frage.

Wieso? Sie planen ein riesiges Projekt und müssen doch wissen, ob das realistisch ist.

Es ist nicht die Frage, dass wir so viel Geld zusammenbekommen. Wir haben ja auch Geld gesammelt, mit dem wir das Grundstück in Neukölln gekauft haben, auf dem wir die Moschee zuerst bauen wollten. Im Übrigen steht auch jetzt noch nichts endgültig fest. Wir haben bisher weder einen Bauvorbescheid noch das Grundstück gekauft.

Wie viel Geld hat Inssan für das Grundstück in Neukölln gesammelt?

Wir wollen das Grundstück verkaufen. Da wäre es nicht schlau, öffentlich zu machen, was wir dafür bezahlt haben. Wir sind jetzt dabei, eine Stiftung zu gründen, in die Sponsoren Geld geben können. Und wenn der Bauvorbescheid da ist, werden wir in Moscheen in ganz Deutschland sammeln. Die Menschen sind bereit, für ein solches innovatives Projekt Geld zu spenden.

Von welchen Stiftungen erhoffen Sie sich Unterstützung?

Das sind Stiftungen in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait und Katar.

Warum finanzieren diese Länder Moscheen in Deutschland?

Nehmen Sie den Herrscher des Emirats Scharja, Sultan Alkasimi. Er hat auch die Moschee von Wolfsburg finanziert. Dieser Mann ist Großaktionär bei VW. Als er eines Tages in Wolfsburg war, wollte er beten. Es gab aber nur einen kleinen Gebetsraum. Das wollte er ändern. Oder nehmen Sie den Herrscher von Katar, der hat den Anschub des Fernsehprogramms Al Jazeera English finanziert. Das sind keine verbohrten Fundamentalisten, sondern Geschäftsmänner, die das friedliche Zusammenleben von Muslimen und Christen weltweit fördern wollen – auch weil sie sich davon bessere Geschäftskontakte versprechen. Die haben selbst auch Angst vor den Radikalen. Für die war der 11. September 2001 genauso eine Katastrophe wie für uns.

Warum laden Sie die nicht mal ein und stellen sie den Charlottenburgern vor?

Das haben wir vor. Aber erst, wenn der Bauvorbescheid da ist. Diese Leute kann man nicht einbestellen wie kleine Jungs.

Das Gespräch führte Claudia Keller.

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