Marode Infrastruktur in Berlin : Baufällige Brücken bremsen S-Bahn

Von 895 Eisenbahnbrücken in der Hauptstadt sind 90 so marode, dass sich eine Sanierung gar nicht mehr lohnt. Und weitere 138 haben erhebliche Schäden. Die Sicherheit soll aber garantiert sein.

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Unter einer der Eisenbahnbrücken an der Yorckstraße.
Unter einer der Eisenbahnbrücken an der Yorckstraße.Foto: dpa

Berlin ist stolz auf seine Brücken. Zumindest bei der Zahl der Bauwerke liegt die Stadt ganz vorn. Doch aus der Lust ist eine Last geworden. Im Frühjahr war bekannt geworden, dass von 1102 Straßenbrücken, für die das Land zuständig ist, 26 nur noch eingeschränkt genutzt werden können, weil sie marode sind. Und jetzt muss die Bahn nach einer Anfrage der Grünen im Bundestag eingestehen, dass von ihren 895 Eisenbahnbrücken gleich 90 so gravierende Schäden haben, dass eine Instandsetzung unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht mehr sinnvoll sei. Weitere 138 Bauwerke hätten umfangreiche Schäden. Bei diesen sei zwar eine Reparatur möglich, doch deren Wirtschaftlichkeit müsse erst geprüft werden. Die Sicherheit sei aber stets gewährleistet, versichert die Bahn. Die Brücken würden mindestens alle drei Jahre aufwendig geprüft, teilte ein Sprecher mit. Einmal pro Jahr würden sie „im Rahmen einer Begehung per Augenschein“ kontrolliert. Bei Bedarf würden auch Gutachten eingeholt.

Nach 100 Jahren besteht in der Regel Sanierungsbedarf

Ein Großteil der Brücken ist mehr als hundert Jahre alt. Immerhin dampften die ersten Züge im damaligen Preußen bereits 1838 zwischen Berlin und Potsdam. Und Anfang des 20. Jahrhunderts, als das Netz rasant wuchs, wurden auch sehr viele Brücken gebaut, die nun saniert oder gleich durch Neubauten ersetzt werden müssten. Denn nach 100 Jahren besteht in der Regel Sanierungsbedarf.

Diese Ausgaben hat die Bahn in den vergangenen Jahren jedoch gemieden. Der Bereich Netze, der auch für die Brücken zuständig ist, muss einen Großteil des ausgewiesenen Bahn-Gewinns finanzieren, und zwar aus den Einnahmen, die Bahnbetreiber für das Nutzen der Gleise zahlen müssen. Die Entgelte haben sich innerhalb kürzester Zeit erheblich erhöht, die Bautätigkeit ist dabei jedoch nicht mitgewachsen.

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Bundesweit seien von knapp 25.000 Bahnbrücken etwa 10.000 älter als hundert Jahre und müssten erneuert werden, hatte Bahnchef Rüdiger Grube unlängst geklagt – und mehr Geld vom Bund gefordert. Derzeit reiche das Budget für jährlich rund 120 Brücken. Erneuert werden müssten aber jeweils etwa 250.

Weil die Bahn trickst, bemerken Fahrgäste die Verspätungen oft nicht

Auf der Liste der maroden Bauwerke, deren Instandsetzung sich nicht mehr rechnet, stehen in Berlin unter anderem Brücken am Ostkreuz (Wiesenweg), am Teltower Damm in Zehlendorf, an der Gotenstraße in Schöneberg und an der Wollankstraße in Pankow. Aber auch die Brücken am Karower Eisenbahnkreuz gehören dazu. Häufig müssen Züge ihr Tempo drosseln, wenn sie über marode Brücken fahren. Das ist derzeit zum Beispiel zwischen dem Hauptbahnhof und Spandau der Fall, wo statt mit 160 km/h nur noch mit 70 km/h gefahren werden darf. Im November will die Bahn eine Hilfsbrücke einbauen, die dann immerhin wenigstens Tempo 120 ermöglichen wird.

Wegen eines Tricks bemerken viele Fahrgäste nicht, dass sie eigentlich mit Verspätung unterwegs sind. Die Bahn baut die längere Fahrzeit einfach in den Fahrplan ein, so dass die Züge vermeintlich pünktlich ihr Ziel erreichen. Dieses Verfahren hatte die Bahn unter anderem mehrere Jahre an der Brücke über den Hüttenweg in Grunewald praktiziert. Erst 2012 ersetzte sie die heruntergekommene Brücke durch einen Neubau – wie auch zahlreiche andere Brücken zwischen Grunewald und Potsdam.

Die Bahn weist darauf hin, dass es unter anderem auch neue Brücken auf der Görlitzer Bahn Richtung Königs Wusterhausen gebe. Größtes Vorhaben ist hier die Brücke für sechs Gleise am Sterndamm beim Bahnhof Schöneweide. Neubauten gebe es auch an der Treskowallee am S-Bahnhof Karlshorst sowie bei Brücken über die Autobahnen A 10 bei Buch und A 100 in Neukölln. Die Autobahnbrücken müssen allerdings erneuert werden, weil die A 10 sechsspurig ausgebaut und die A 100 im Neuköllner Bereich verlängert wird.

Gelegentlich hat die Bahn aber auch Geld, um Brücken bauen zu können, die sie zumindest derzeit gar nicht braucht – wie am Südring bei den Gütergleisen am Südkreuz und am S-Bahnhof Schöneberg. Dort stehen jetzt Neubauten herum; die Gleise im Anschluss sind aber unbefahrbar oder sogar herausgerissen. An einer Wiederaufnahme des Betriebs arbeite man aber weiter, sagte ein Bahnsprecher. Hierzu gebe es auch Gespräche mit dem Senat.

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