Matthies meint : Kehrwende im Genderwinter

Weil Frauen mehrheitlich den Bürgersteig benutzen, werden in Stockholm bei Schneefall zuerst die Gehwege geräumt - und dann erst die Straßen. Ein Konzept, das unbedingt näher erforscht werden muss. Zum Beispiel in Berlin. Eine Glosse.

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Anfang November brach der Winter über Stockholm und Umgebung herein.
Anfang November brach der Winter über Stockholm und Umgebung herein.Foto: AFP

Viele fragen sich jetzt natürlich, was R2G uns Berlinern bringen wird? Eine Prognose bietet sich an: Junge, sportliche Radfahrerinnen und Radfahrer mit Freude an sexueller Vielfalt werden profitieren, zumindest, wenn sie innerhalb des S-Bahn-Rings wohnen und arbeiten. Aber über eine solche Trendmeldung hinaus lässt sich noch sehr wenig Konkretes sagen.

Immerhin mag ein Blick über die Landesgrenzen helfen, dorthin, wo die Zukunft schon heute gemacht wird. Stockholm ist eine Art Muppet-Labor frisch ausgedachter politischer Ideen; meist fliegt den Machern die Versuchsanordnung um die Ohren, aber das spornt sie nur noch mehr an. Im letzten Jahr zum Beispiel hat die Stadtkoalition, eine R1G, den "gendergerechten Winterdienst" eingeführt. Er basiert auf der Annahme, dass Männer überwiegend – mit ihren Volvos – die Fahrbahnen der Straßen benutzen, Frauen hingegen mehrheitlich den Bürgersteig.

Schneit es heftig, bricht in Stockholm der Verkehr zusammen

Daraus folgte als politische Konsequenz, dass nun im ersten Angriff immer die Gehwege geräumt werden, um die im Vorrang der Straßen liegende Benachteiligung der Frauen auszugleichen. Schneit es nicht oder nur minimal, wie offenbar im vergangenen Jahr, ist das ein tolles Konzept. Schneit es aber heftig, wie in dieser Woche, bricht der Verkehr zusammen. Auch das kann man als gendergerecht betrachten, weil dann weder Frauen noch Männer noch Transgender aller Art vom geräumten Gehsteig aus irgendwo hinkommen, aber so war es wohl doch nicht gedacht; Stockholm diskutiert nun recht heftig.

Der zuständige Vizebürgermeister, so hört man, bestreitet, dass der Grund für das Chaos im neuen Prioritätskonzept zu suchen sei, ist sich aber auch nicht ganz sicher. Das bedeutet: Hier ist empirische Feldforschung vonnöten, in einer großen Stadt, wie Berlin eine ist. Wir sind nicht empfindlich, schließlich hat auch der Wowereit-Senat seligen Angedenkens (R1S) ein astreines Winterchaos hinbekommen, und das ganz ohne eine so schicke Begründung.

Also, R2G, ran an den Schnee. Die BSR klebt ein paar Sprüche auf ihre Autos, juxt über die Kehrwende im Genderwinter, und alsbald wird sich zeigen, was das Stockholmer Konzept wirklich taugt. Jene, die dabei verärgert auf der Strecke bleiben, können sich zumindest zielgerichtet abreagieren: Sie bauen aus dem Schnee lauter rasch alternde, weiße Hetero-Männer, mit denen gesellschaftlicher Fortschritt bekanntlich nicht zu machen ist. Die wählen R2G dann bei Gelegenheit wieder ab.

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