Berlin : Mauer auf der Mauer – Streit um eine Ausstellung

An der East Side Gallery will der Fotograf Kai Wiedenhöfer auf 306 Metern Bilder der israelisch-palästinensischen Grenzanlagen ausstellen

Matthias Jekosch

In Friedrichshain-Kreuzberg spaltet die Mauer in zwei Lager. Kritiker und Befürworter streiten darüber, ob der Fotograf Kai Wiedenhöfer Bilder der israelisch-palästinensischen Mauer auf der East Side Gallery ausstellen darf. Auf einer Länge von 306 Metern will er mit Tapetenkleister 30 großformatige Fotos anbringen. Das „Wall on Wall“ genannte Projekt soll so bald wie möglich auf einem bezirkseigenen Mauerteil verwirklicht werden. Es handelt sich um eine Übergangslösung bis er im April saniert wird.

Mauer auf Mauer – das finden viele Kritiker problematisch. Der Kulturausschuss des Bezirkes hörte sich zusammen mit Mitgliedern des Bezirksamtes in der vergangenen Woche ihre Argumente an. „Die Mauern werden gleichgesetzt“, fürchtet Rainer Klemke von der Abteilung für kulturelle Angelegenheiten bei der Senatskanzlei. Er ist Leiter einer Arbeitsgruppe, die für das berlinweite Mauerkonzept zuständig ist. In ihr vertreten sind beispielsweise die Senatsverwaltungen, der Verein Berliner Mauer und die Stiftung für die Aufarbeitung der SED-Diktatur. Sie lehnten das Vorhaben einstimmig ab. Klemke weist auf die Unterschiede zwischen den Mauern hin. Die Berliner Mauer sei gegen die eigenen Bürger gerichtet gewesen, in Israel wolle eine demokratisch gewählte Regierung ihre Bürger schützen. Erklärungen durch Text oder Begleitveranstaltungen wären auf jeden Fall notwendig, jedoch sei dies nicht möglich. „Da kommen vor allem Bustouristen, die steigen aus, schießen Fotos und steigen wieder ein. Die erreicht man so nicht.“

Die Mauern seien nicht gleich, hält Wiedenhöfer dagegen. Aber eines hätten sie gemeinsam: „Das ist die einfachste Antwort auf ein Problem: Eine Mauer bauen und sich abgrenzen.“ Er wolle zeigen, dass dies keine Lösung sei. Der Fotograf war zwischen 2003 und 2006 insgesamt sechs Mal in Israel und Palästina. Für die 2007 in einem Buch veröffentlichten Bilder erhielt er unter anderem den World Press Photo Award. Aycan Demirel von der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus kritisiert Wiedenhöfer in einem anderen Aspekt. „Die Einseitigkeit erschwert den Dialog“, wirft er dem Konzept vor. Wiedenhöfer sympathisiere vor allem mit der palästinensischen Seite. „Wo ist der Dschihad-Kämpfer mit einem Schwert in der Hand?" fragt Demirel vorwurfsvoll.

Der Fotograf findet auch Zuspruch. Leonie Baumann von der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst lobt zum einen die Qualität der Fotos. Zum anderen hält sie die Ausstellungsform für geeignet. Kunst habe die Aufgabe, nachdenklich zu machen und unterschiedliche Positionen zusammenzubringen. Auch die ehemalige Kultursenatorin von Berlin und Kuratorin der geplanten Ausstellung, Adrienne Goehler, hält die East Side Gallery für geeignet. „Hier ist ein prominenter Ort, an dem Künstler schon immer sagten, was sie von der Mauer halten.“

Am Ende könnte es zu einem Kompromiss kommen. So könnte die Ausstellung in einem geschlossenen Raum, etwa dem Kunstraum Kreuzberg, gezeigt werden. Nach einem anderen Vorschlag könnten ebenfalls von Wiedenhöfer aufgenommene Bilder der Grenzmauern und -zäune weltweit, beispielsweise in Mexiko oder Zypern, mit an der East Side Gallery ausgestellt werden. Beide Vorschläge hätten den Vorzug, dass sie nicht nur zwei Mauern verbinden und so womöglich Missverständnisse provozieren.

Das Bezirksamt tut sich schwer mit einer Entscheidung. „Je mehr wir uns damit befasst haben, desto mehr Aspekte sind hinzugekommen", sagt Kulturstadträtin Sigrid Klebba. Eine Entscheidung muss bald fallen, bevor das Mauerstück restauriert wird. Danach wird es keine Ausstellungen dieser Art mehr geben. Wie schon 1990 sollen Künstler die dann grundierten Wände dauerhaft gestalten.

Buch: Kai Wiedenhöfer: Wall. Erschienen 2007 im Steidl-Verlag, 30 Euro.

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