Berlin : Mehlschwalbenhaus: Eine kalte Platte wird abserviert

Ole Töns

Zwischen zwei Blechlawinen, die sich im Rhythmus der Ampelphase an der hoch aufragenden Ruine an der Kreuzung Mollstraße Ecke Otto-Braun-Straße vorbeiwälzen, herrscht relative Ruhe. "Zu DDR-Zeiten haben hier einmal Rosenrabatten geblüht und viele Menschen ihren Sonntagskaffee getrunken", erinnert sich Anwohnersprecher Günther Bahn. Der hohle Betonzahn gähnt hier schon über ein Jahrzehnt lang in den Himmel und hat als Mehlschwalbenhaus einen gewissen Ruhm erlangt. Mehlschwalben waren die letzten Bewohner, seit der realsozialistische Renommierbau 1988 wegen statischer Mängel geräumt werden musste. Seither fehlte für die Beseitigung das Geld. Ein Ärgernis, auch für die alteingesessenen Bewohner des umliegenden Barnimviertels.

Jetzt endlich soll er abgerissen werden. Ein neuer Investor ist gefunden. Unterschrieben ist der Vertrag zwischen der Bauart-Beteiligungs GmbH & Co. Mollstraße KG und dem Senat bereits, versichert Baustadtrat Franz Schulz (Bündnis 90 / Die Grünen). Nur das Abgeordnetenhaus müsse noch zustimmen, sagt Schultz, weil der Senat wegen des Abrisses beim Preis Zugeständnisse gemacht habe.

Dass die ruinöse Platte weichen soll, entspricht den langjährigen Wünschen der Anwohner, die Günther Bahn vertritt. Doch deren Freude ist so wenig ungetrübt wie die Profithoffnungen des Investors. Der will die Ruine durch ein Bürohochhaus ersetzen und auf dem Parkplatz dahinter fünf Stadtvillen über einer lang gestreckten Geschäftszeile bauen. Der laut Planung unumgängliche Verlust der bisher öffentlichen Stellplätze für rund 120 Autos ist der vordergründige Gegenstand des Streits mit den Anwohner. Für den Architekten Manfred Herrmann von der Bauart ist aber gerade die hier geplante Mischung aus Einzelhandel und Gastronomie unverzichtbarer Bestandteil einer Investition in einer "zweifellos nicht einfachen Gegend". Herrmann, der die Bauart auch während der Diskussion mit Anwohnern am vergangenen Dienstag vertrat, will dadurch eine lebendige Zone schaffen, die sich von der verkehrsreichen Mollstraße bis ins ruhige Innere des Areals zieht.

Auf diese Weise soll wettgemacht werden, was Hermann "nicht ganz einfach" nennt: Dass es sich, von außen besehen, bisher eher um eine laute Ecke ohne viele Einkaufsmöglichkeiten von eher kühlem Charme handelt.

Immerhin, das versichert Hermann, die Vorverhandlungen für die Vermietung gestalteten sich vielversprechend. Bis auf den bröckelnden Betonklotz schätzen die Anwohner ihr Viertel dagegen durchaus so, wie es ist. Was die Parkplätze angeht, hat die Bauart ihnen versprochen, in einer Tiefgarage, die unter dem Neubau an der Mollstraße entstehen soll, rund 120 Stellplätze zu reservieren. Doch dafür soll Miete gezahlt werden. "Das ist für uns eine Art Enteignung", sagt Bahn. Aber der Streit ist nach seiner Darstellung ohnehin der Kern eines zwiespältigen Ringens, in dem es vor allem um Mitbestimmung der Bewohner, um ein Stück Identität und um Sicherheit über die Zukunft des Areals geht. Die hohe Identifikation der Bewohner mit ihrer schon in DDR-Zeiten hochgeschätzten Umgebung spielt dabei eine ganz besondere Rolle. "Dies ist ein Viertel, wie es in so zentraler Lage kaum noch zu finden ist", sagt Bahn, der schon vor dem Mauerfall an der Planung des Areals beteiligt gewesen war. Tatsächlich: was auf den ersten Blick eine triste, verkehrsumtoste Ecke zu sein scheint, hat bei genauerem Hinsehen durchaus Vorzüge. Der Volkspark Friedrichshain ist in wenigen Minuten Fußweg zu erreichen ebenso wie der Alexanderplatz. Und die in hellen Pastelltönen gehaltenen, zehnstöckigen Wohnblöcke bezeichnet Bahn liebevoll als "Edelplatten".

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