Mehr Geld und neue Routen : Was Brandenburg beim Radverkehr besser macht als Berlin

Potsdam verdoppelt die Ausgaben für den Radverkehr, vier Schnellwege sollen Autofahrer zum Umsteigen aufs Fahrrad bewegen. Berlin ist längst noch nicht so weit.

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In Potsdam geht es voran mit den Radschnellwegen, in Berlin gibt es keinen Plan.
In Potsdam geht es voran mit den Radschnellwegen, in Berlin gibt es keinen Plan.Foto: Andreas Klaer

Potsdam macht Berlin was vor: Die Landeshauptstadt verdoppelt die Ausgaben für den Radverkehr. In den kommenden drei Jahren sollen jeweils 1,75 Millionen Euro investiert werden. Das sind fast elf Euro pro Jahr und Einwohner, teilte die Stadtverwaltung auf Anfrage mit. Zwischen 2009 und 2013 standen nur fünf Euro pro Einwohner zur Verfügung. In Berlin waren es nach Berechnung des ADFC lediglich 3,40 Euro – also ein Drittel des künftigen Potsdamer Etats.

Und Potsdam hat nicht nur Geld übrig, es gibt auch Pläne. Schon seit einem Jahr liegt eine „Machbarkeitsstudie Radschnellverbindungen“ vor, in der vier Routen untersucht werden, und zwar jeweils vom Hauptbahnhof nach Werder, nach Nuthetal, in den Norden und nach Stahndorf/Teltow.

Von dieser Strecke würden auch Berliner profitieren, denn durch Kleinmachnow könnte eine Anbindung nach Zehlendorf erfolgen. Die von der Stadt finanzierte Studie eines Dortmunder Planungsbüros sieht für diese Strecke ein „sehr hohes Potenzial“, geschätzt 1000 bis 1600 Pendler würden umsteigen aufs Rad. Und genau das ist aus Potsdamer Sicht Sinn der Sache: Weniger Autoverkehr macht weniger Dreck. Potsdam strebt einen Anteil des Radverkehrs von 27 Prozent an. In Berlin sollen es derzeit etwa 15 Prozent sein.

Berlin hat keinen Plan, und das seit Jahren nicht

Radschnellwege sind breiter als die herkömmlichen Radwege, weitgehend ampelfrei und verlaufen getrennt vom übrigen Verkehr. Die Autoren der Studie bevorzugen eine Variante, die direkt in Ost-West-Richtung verläuft. In Griebnitzsee soll es durch den Wald Richtung Kleinmachnow führen. Der Aufwand sei vergleichsweise gering, denn die nötige Brücke über die Autobahn existiert bereits. Der Waldweg, die „Alte Potsdamer Landstraße“, müsste lediglich asphaltiert werden. Zwischen Stahnsdorf und Teltow könnte der Radschnellweg auf einer einst für eine Bahnstrecke frei gehaltenen Trasse verlaufen.

Für diese Strecke und die nach Werder wird es Fördermillionen aus dem EU-Programm „Nachhaltige Entwicklung von Stadt und Umland“ geben. Denn auch die Radschnellstrecke nach Werder soll Autofahrer zum Umstieg bewegen. Derzeit quält sich der Autoverkehr durch die Zeppelinstraße. Mit einer speziellen Ampel wird hier der Autoverkehr künstlich gedrosselt, um die Feinstaubbelastung in der Innenstadt zu senken. Jeder Umsteiger aufs Rad würde die Situation verbessern, heißt es in der Studie.

Berlin hat keinen Plan, und das seit Jahren nicht. Und weil Berlin keinen Plan hat, profitiert es auch nicht von den 25 Millionen Euro, die das Bundesverkehrsministerium für Radschnellwege übrig hat. Zwar hatte der Senat 2012 in seiner Radverkehrsstrategie versprochen, zwei – nicht genannte – Routen auf ihre Tauglichkeit als Radschnellweg zu testen. Passiert ist allerdings gar nichts.

Der Senat steht unter Druck

Im Sommer dieses Jahres stellten ADFC und Grüne deshalb eigene Ideen für Radschnellwege vor. „Wir machen die Arbeit für den Senat“, spottete der Verkehrspolitiker der Grünen, Stefan Gelbhaar. Der Senat hatte zugesagt, die zwölf besten Ideen ab Frühjahr 2017 „im Detail“ zu untersuchen. Dafür sollen 400.000 Euro bereitstehen.

In Berlin ist das Thema erst durch den Volksentscheid Fahrrad ins Blickfeld geraten. Die Initiative fordert bekanntlich „100 Kilometer Radschnellwege für den Pendelverkehr“, in kurzer Zeit hatte die Initiative 100.000 Unterschriften gesammelt – und den Senat gehörig unter Druck gesetzt. Die CDU propagierte in den vergangenen Monaten einen Radschnellweg von Kleinmachnow bis in die City. Dieser würde auf der Trasse der ehemaligen Stammbahn bis Zehlendorf und dann neben den Gleisen der Wannseebahn verlaufen. Allerdings gibt es Pläne, die Stammbahn wieder aufzubauen. Wo Eisenbahn und Fahrräder kollidieren, müsste der Radschnellweg in parallele Straßen gelegt werden.

Die Organisatoren des Volksentscheids wollen am heutigen Montagabend vor dem Roten Rathaus ein „Asthmalazarett“ veranstalten – wenn drinnen die neue Rot-Rot-Grüne Koalition die Gesundheitspolitik verhandelt. Der Volksentscheid kritisiert seit Monaten, dass Berlin die Bedeutung des Radverkehrs für die Klimapolitik völlig verkannt wird: „Die neue Koalition hat es in der Hand, uns zu schützen – mit dem Radverkehrsgesetz Autofahrer aufs Rad zu locken oder mit Fahrverboten.“ (mit mar)

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