Mehr Grün für Berlin : Lasst es sprießen!

Die Wunden der Stadt mit Stein verkrusten – das war lange Programm im Nachwende-Berlin. Auf der Strecke blieb dabei das innerstädtische Grün. Bis heute fristet es ein prekäres Dasein. Seine Existenz gilt es unbedingt zu schützen.

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Es grünt aus der Dose: Kreative Bepflanzung an der Donaustraße Ecke Roseggerstraße in Neukölln. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Berliner Urban-Gardeing-Fotos an leserbilder@tagesspiegel.de!
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Foto: Joachim Schörbach
27.05.2016 08:45Es grünt aus der Dose: Kreative Bepflanzung an der Donaustraße Ecke Roseggerstraße in Neukölln. Liebe Leserinnen, liebe Leser:...

Ganz schön groß geworden. Fast 28 Jahre ist es her, dass Walter Momper, damals aufstrebender Kreuzberger Bezirkspolitiker, gemeinsam mit SPD-Genossen die beiden Linden pflanzte. Damals war die Welt am Moritzplatz zu Ende: Die Bäume waren grünes Leben am Todesstreifen, propagierte Verheißung eines Kiez-Parks auf dem Trümmergrundstück. Der ehemalige Regierende Bürgermeister Momper ist jetzt Polit-Rentner, die Kronen der Linden aber beschatten die Tische der Bar und Kantine des Prinzessinnengartens.

Zeitkurven gehören zu Berlin. Die kann man überall finden, weil unterm Pflaster nicht der einst von Spontis erträumte Strand liegt, sondern die Geschichte einer malträtierten Stadt. Einst stand am Moritzplatz ein modernes Wertheim-Kaufhaus: verglüht, ausgebombt, in Schutt versunken. Jahrzehntelang ungenutzte Brache; eine im Verwaltungsdeutsch „Erwartungsland“ genannte Fläche für den glücklicherweise nie erfolgten Bau einer Stadtautobahn quer durch das alte Kreuzberger Herz. Geändert haben sich über die Jahrzehnte nur die Deutungsmuster der Zeitkurven. Was damals zeitgemäß war, ist heute unvorstellbar; was jahrzehntelang verpönt war, nun schlagend aktuell.

Die Brache am Moritzplatz, die es immer noch gibt, ist ein Beispiel dafür. Jetzt blüht es hier in vielfältigster Weise – die Blumen und der Bürgersinn. Schafgarbe, Laubkraut oder Johannisbeeren sprießen auf Pflanzsäcken oder Holzkübeln. Kinder wuseln umher, Workshops zur Kartoffelvielfalt werden angeboten, im Schatten des Robinienhains treffen sich Aktivisten, und Naturkenntnis vertieft eine kleine Bibliothek im Bauwagen.

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Saisoneröffnung im Prinzessinnengarten

Muss das sein? Hier im Zentrum einer Metropole, die stolz darauf ist, cool genannt zu werden und deshalb von Jahr zu Jahr mehr Menschen zum Wohnen und Leben nach Berlin lockt. Was braucht es da einen Garten mitten in der Stadt? Mit Brachen sollte doch Schluss sein nach dem Mauerfall, als es mehr leere Flächen gab, als die Stadt ertragen konnte. Vorbei das Regime der Schrebergärtner, die jahrzehntelang im ummauerten West-Berlin eine politische Macht waren, mit der sich der Senat tunlichst nicht anlegte. Weg mit den Kleingärten, wenn es draußen vor den Stadtgrenzen, den nun unbewachten, doch Wald und Feld im Überfluss gibt! Das galt vor 20 Jahren. Es ging bloß nicht auf. Im Prinzessinnengarten kann man täglich feststellen, dass für viele Kinder und Erwachsene die Natur draußen vor der Stadt zu fern ist, ob im Alltag oder am Festtag.

Deshalb gilt: Es lebe das Gemüsebeet im Großstadt-Dschungel! Die Natur kehrt zurück in die Städte, die chlorophylle Entschleunigung macht sich breit und wuchert wie die Tempo-30-Zonen. Oben und unten. Das Hotel Intercontinental hält für seine Gäste eigene Bienenvölker – auf dem Dach des Hotels. Und auf dem Flugfeld Tempelhof dürfen die Hobbygärtner auf abgeteilter Fläche Kräuter und Tomaten aufziehen. Occupy Kräuterbeet. Berlin ist nicht allein: Auf der Chelsea Flower Show in London, jahrzehntelang das Hochamt der Gartenfreaks, wird gerade das Loblied des begrünten Bauwagens und des grünen Recyclings ausgedienter Schrottautos gesungen. Und New York feiert just eine kilometerlang begrünte ehemalige Hochbahntrasse als naturnahe Großstadtidylle.

Der Prinzessinnengarten am Moritzplatz ist eine prekäre Existenz. Ein Mietvertrag, jederzeit kündbar, bedroht von jedem Investor, der das städtische Grundstück bebauen möchte – egal womit. Dem Bezirk, der helfen will, sind die Hände gebunden. Jetzt, wo sehr vieles zugebaut ist, wo die Brachen rar werden, die Wunden verkrusten mit Stein, bekommt das Projekt eine neue Bedeutung. Es ist Erinnerungsstelle in doppelter Hinsicht. Der Prinzessinnengarten ist eine Mahnung, dass die Stadt ohne Natur nichts ist. Sie erinnert zugleich daran, dass hier etwas war, was nicht in historischer Selbstvergessenheit verschüttet werden sollte. Berlin braucht das wuchernde Grün am Moritzplatz, so oder so.