Berlin : Mein Dorf, der Stutti

Der Stuttgarter Platz am Bahnhof Charlottenburg wurde gerade aufgehübscht: Mit Parkwegen, Büschen und Bänken. Schmuddelecken sind trotzdem geblieben Unseren Autor stört das nicht, für ihn ist der Kiez die schönste denkbare Heimat – mit allem, was dazugehört.

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Der kahle Stutti. Am Bahnhof Charlottenburg wurde der Platz neu gestaltet.
Der kahle Stutti. Am Bahnhof Charlottenburg wurde der Platz neu gestaltet.

Mein Kiez ist jetzt noch etwas schöner geworden. Er ist ohnehin schon ein schöner Kiez. Mit schönen Straßenzügen, vielen kleinen Geschäften, in meinem Kiez gibt es eine Menge Cafés, viele Kneipen und Restaurants, Kinos, die Schaubühne, den schönsten und besten Wochenmarkt Berlins, einen See, um den man herumspazieren kann undundund. Und jede Menge netter Menschen. Man kennt sich, man sieht sich, man trifft sich. Zum Beispiel „im Dorf“, wie Petra den kleinen Platz nennt, der begrenzt wird von der Windscheidstraße, der Leonhardtstraße, der Rönnestraße und der S-Bahn-Trasse. Petra wohnt nicht mehr im Kiez, ist vor einigen Jahren in die Nähe der Krummen Lanke gezogen, sollte wohl was Besseres werden. Aber sie kommt immer wieder gerne ins Dorf, mit ihrem Hund, den kennt man auch, grüßt ihn, sagt „Hallo Cosma“, und dann grüßt Cosma zurück. Wie auch Smokey, noch ein Hund des Kiezes, den man kennt und der jeden kennt. Auch Cosma, aber ich glaube, die beiden haben nichts miteinander.

Samstags, zum Beispiel, da geht mein Kiez zum Karl-August-Platz, da ist der schon erwähnte Wochenmarkt, einmal im Karree um die Kirche herum. Es gibt alles, die beste selbst gemachte Pasta etwa. Vorne an der Ecke Krumme/Pestalozzi-Straße preist der Dicke seine Bratwurst an, „hier geht’s um die Wurst!“, aber man muss gar nichts sagen, er kennt seine Kundschaft, „morjen, Herr Professor, einmal mit Senf, und n’ schönet Wochenende noch.“ Und im Ostflügel blafft Yuri, der Gemüsehändler, wieder seinen Vater an, immer blafft er ihn an, „Vadder, nun mach ma’, is doch nicht zu fassen, steht da rum, Vadder, die Kundschaft wartet.“ Und Vadder sagt, „ick mach doch, ick bin doch dran, Mann, Mann.“ Es gibt Kiezbewohner, die gehen linksrum, lassen die Kirche in der Mitte also rechts liegen. Für mich ist das antizyklisch, ich fange auf der Südseite an, schau dann bei Yuri im Osten vorbei, an der Schnittstelle zur Nordseite wartet Mirjam schon mit einem Kaffee, ein paar Meter weiter, wir befinden uns auf der Goethestraße, kauft der Verleger des kleinen, feinen Transit-Verlages Artischocken ein, und zurück im Westen kommen einem Achim und Monika entgegen, „ihr lauft ja schon wieder verkehrtrum. Also bis gleich, im Stammhaus.“ Und dann trifft sich mein Kiez im „Gasthaus Lentz“, auf besagtem kleinen Platz, zum fröhlichen Markttreiben. Oft ist Cosma schon da. Und mit Smokeys Besuch ist auch zu rechnen.

Der kleine Platz ist Teil eines großen Platzes, und der ist kein Platz mehr, sondern eine Straße: der Stuttgarter Platz, der Stutti eben, mein Kiez, Westberlin, Charlottenburg. Und da haben sie inzwischen vor dem S-Bahnhof Charlottenburg und vis à vis der U-Bahnstation Wilmersdorfer Straße den hässlichen Parkplatz abgeschafft und stattdessen Büsche gepflanzt und Parkwege angelegt. Wie auch westlich der Lewishamstraße vor dem Regionalbahnhof Charlottenburg und auch auf der anderen Seite der S-Bahn-Trasse auf der Gerviniusstraße an der Ecke zur Windscheidstraße. Und deswegen ist mein Kiez noch schöner geworden. Die Büsche sind noch ein wenig klein, und im Moment ist es auch sehr kahl, aber das wird schon.

Der Stutti, mein Kiez, eigentlich ist er immer schon schlecht beleumundet gewesen, ist im Verruf. Er war das Rotlichtviertel Westberlins, aber davon ist nicht viel geblieben, die Türsteher, die Animateure, sind verschwunden. Nun soll der Drogenhandel am Stutti um sich greifen. Im Herbst des vergangenen Jahres wurde bei einem Bürgerbegehren die Installation einer festen Fixerstube erwogen, aber das ist erst einmal vom Tisch. In der Unterführung der Wilmersdorfer Straße steht ein Spritzenautomat, laut Auskunft der Drogenhilfe „Fixpunkt“, ist er der am zweitstärksten frequentierte Automat der gesamten Stadt, nur der am Kottbusser Tor werde häufiger genutzt. Astrid Leicht aus der Geschäftsführung von „Fixpunkt“, sagt, dass es keine sichtbare Drogenszene am Stutti gebe, „wohl aber intensiven Drogenhandel.“ Das bestätigt Siegfried Pieper, Stadtplaner und Anwohner des Stutti: „Sie bahnen das Geschäft auf der linken Straßenseite an“, – da ist mein Kiez wirklich noch ein wenig schmuddelig mit seinen Billigläden, den Import-, Exportshops und dem Waffengeschäft, an dessen Schaufenster sich testosterongesteuerte Bubis die Nase platt drücken und man gar nicht wissen will, was für Geschäfte hinter der Scheibe ablaufen – „und das Geschäft wird dann entlang der Bahntrasse in den neuen Grünanlagen gemacht“. Auch Stadtrat Carsten Engelmann von der CDU sieht keine „nennenswerte Verbesserung der Drogenszene am Stuttgarter Platz“, obwohl die Deutsche Bahn die Büsche und Bäume an der Trasse zur Gervinusstraße gerodet hat. Das war sichtbar Treffpunkt der Junkies, auch der Ort, an dem sie sich die Spritzen setzten und Fundort vieler, vieler solcher Spritzen. Aber ist der Stutti wirklich ein Problem meines Kiezes? Das Kottbusser Tor von Charlottenburg, ein garstiger Ort wie St. Georg in Hamburg? Laufe ich blind durch meinen Kiez?

Margarete Winkels und Friedhelm Gülink sind seit Jahren schon aktiv in der „Bürgerinitiative Stuttgarter Platz“. Sie haben mit durchgesetzt, dass kein Hotel-Hochhaus den Platz gentrifiziert, sie haben mitgeholfen bei der Begrünung, sie stehen dem vermeintlichen Problem recht gelassen gegenüber. „Natürlich gibt es hier Drogenhandel“, sagt Gülink, „so wie überall in Bahnhofsnähe“. Margarete Winkels sagt, „wir können ja mal eine öffentliche Veranstaltung zu dem Thema fordern.“ Aber ob es was bringe? Auch Charlottenburg sei Teil einer großen Stadt, und in der gebe es nun mal solche Orte, „ob wir wollen oder nicht, sie gehören dazu.“

Ja, so ist das wohl. Ich werde jetzt noch einen Spaziergang machen durch meinen Kiez. Die Wilmersdorfer Straße runter, durch die Mommsenstraße, vorbei an den Wachmännern, die Guido Westerwelles Wohnsitz beschützen, durch die Gervinusstraße, vorbei an der Obdachlosenunterkunft an der Ecke zur Wilmersdorfer Straße, die ein paar Monate geschlossen war, aber nun wieder Unterkunft bietet für einige Flüchtlingsfamilien, die üble Spelunke auf der anderen Straßenseite, die mit dem bezeichnenden Namen „Schnapsdrossel“, die bleibt hoffentlich weiter geschlossen, dann durch die Grünanlagen gehen und wieder nichts sehen vom blühenden Drogenhandel, gewiss werden mir wieder einige der Kiezbewohner begegnen, Schauspieler, Architekten, Juristen, Journalisten, man kennt sich, man grüßt sich, man trifft sich, durch die Unterführung zum Stuttgarter Platz laufen, vorbei am Spritzenautomat, hinüber zum Dorfplatz, eine Stadt eben, mit allem, was eine Stadt lebens- und liebenswert macht. Perfekt ist es nirgendwo, auch nicht auf dem Lande.

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