Meine Heimat - Die letzte Montagskolumne von Hatice Akyün : Es war mir eine Ehre

Hatice Akyün nimmt heute Abschied als Montags-Kolumnistin von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, und sagt Danke.

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Tagesspiegel-Kolumnistin, Hatice Akyün.
Tagesspiegel-Kolumnistin, Hatice Akyün.Foto: Promo

Alles im Leben hat einen Anfang und ein Ende. Um aber das Zwischendrin genießen zu können, muss irgendwann ein Deckel drauf. Aus, Ende, Amen. Nun neige ich dazu, an Dingen und an Menschen festzuhalten. Schon als Kind hasste ich lange Abschiede. In unserem anatolischen Dorf, wenn wir nach den Sommerferien wieder zurück nach Deutschland fuhren. Türken sind Meister darin, Abschiede lang und theatralisch auszuweiten. Ich mag auch nicht dieses nicht enden wollende letzte Gespräch im Hausflur, an der Garderobe oder in der Tür des Restaurants. Entweder gehen oder bleiben.

Es muss kein Ende sein

In dieser Hinsicht fasziniert mich meine Tochter immer wieder. In einem Moment spielt sie mit ihrer Freundin, total vertieft, beide in Dialoge verstrickt, die von ihrer Spielwelt handeln, dann klingelt es an der Tür, die Mutter holt ihre Tochter ab, meine Tochter sagt kurz „Tschüss“ und wendet sich etwas anderem zu. Warum können Kinder das und viele von uns Erwachsenen tun sich so schwer damit? Es muss ja nicht immer ein Ende sein, es kann auch eine Unterbrechung bedeuten. Also nehme ich mir ein Beispiel an meiner Tochter und mache es kurz: Heute schreibe ich meine letzte Kolumne an dieser Stelle.

„Gestatten, Hatice. Wenn Sie jetzt spontan Gesundheit gewünscht haben, sind Sie eindeutig noch nicht bereit für den interkulturellen Dialog.“ Mit diesen Worten habe ich mich Ihnen vorgestellt. Kinder, wie die Zeit vergeht, vier Jahre ist das jetzt schon her. Dass der Migrationshintergrund ein leidiger Dauerschnupfen sein kann, dafür sorgen regelmäßig unsere Politiker. Aber das ist ein anderes Thema. Was ich sagen möchte ist, dass es mir Spaß gemacht hat, über das zu schreiben, was mich in der Woche beschäftigte. Direkt und ohne Umschweife zum Thema zu kommen, ohne Gegenrede seinen Senf dazuzugeben und schön tief in Wunden zu bohren oder den kleinsten Hoffnungsschimmer erstrahlen zu lassen. Das stieß bei Ihnen manchmal auf Zustimmung, manchmal auf berechtigte Kritik oder endete in wüsten Beschimpfungen. Jede Reaktion brachte mich aber zum Nachdenken.

Den Dingen auf den Grund gehen

Was hat sie denn, werden sich nun manche fragen. Nichts, und genau da liegt das Problem. Ich glaube nicht, dass einem die Empathie durch die Routine verloren geht. Und hier liegt der eigentliche Grund für meine dringende Auszeit. Mich treibt es um, den Dingen auf den Grund zu gehen und den Geschichten, Ereignissen und Charakteren mehr Kontur zu geben. Dafür muss man sich einlassen können, akribischer arbeiten, zum ersten Eindruck die Zeit für eine zweite Meinung zulassen.

Wenn ich nun „danke“ sage, meine ich das nicht artig, sondern als Kompliment an Sie, meine Leser, mit denen ich wöchentlich ein Thema geteilt habe. Es war mir eine große Ehre, für Sie zu schreiben. Ich werde auch weiterhin mit Verve an die Themen herangehen, die mich nicht loslassen. Darauf sollen Sie sich auch in Zukunft verlassen können: Da, wo Akyün draufsteht, ist Hatice drin. Oder wie mein Vater sagen würde: „Bir ipte iki cambaz oynayamaz.“ Auf einem Seil können nicht zwei Akrobaten tanzen.

Hatice Akyün ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause. Immer montags schrieb sie für den Tagesspiegel über ihre Heimat.

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