Meine Meinung : Kreative Stadtreparatur

Früher lebte der Moritzplatz. Es würde sich lohnen, die Geschichte aufzufrischen.

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Foto: ddp
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Im Jahr 1945 waren es Bomben, 1970 Abrissbirnen. Nur Restbauten erinnern an den historischen Moritzplatz. Auch diesseits der Mauer in Kreuzberg SO 36 sollten Altbauviertel Großsiedlungen weichen, die kunstvolle Stadtkomposition, das geometrische Raster gemischter Quartiere, Grünachsen und Schmuckplätze sollte geopfert, das Trio Oranienplatz, Heinrichplatz und Moritzplatz unter einem Autobahnkreuz begraben werden. Als Architekturstudenten eröffneten wir 1970 am Oranienplatz ein Bürgerbüro für soziale Stadterneuerung. Beim Wahlkampfauftritt des Regierenden in der Naunynstraße wurden wir in „Schutzhaft“ genommen – wir hatten Flugblätter gegen den Kahlschlag verteilt. Durch das Gitter der Sammelzelle am Kottbusser Tor fütterte uns der Verleger Klaus Wagenbach mit Südfrüchten. Mit Ärzten und Krankenschwestern demonstrierten wir gegen den Abriss des Krankenhauses Bethanien. Heute steht der romantische Bau am Mariannenplatz mit Fontanes Apotheke unter Denkmalschutz. SO 36 wurde zum Modellprojekt behutsamer Stadterneuerung und Ziel von Multikulti-Touristen.

Der Moritzplatz war einmal einer der lebendigsten Plätze Berlins. Wo heute Pflanzkübel von Öko-Gärtnern grünen, eröffnete 1913 Georg Wertheim, der Erfinder des Warenhauses, ein prächtiges Großkaufhaus. Gegenüber floss die Bierquelle Aschinger, Gast- und Vergnügungsstätte, Konzerthaus und Theater. Das Aufbau Haus versucht die kulturelle Wiederbeatmung als Verlag, Theater, Galerie und Kreativ-Kaufhaus. Stadtreparatur und produktive Kreativität kann die urbane Geschichte des Ortes wiederbeleben. Das Schlüsselgrundstück ist die Wertheim-Ecke. Welcher Bauherr wagt den großen Eckbau, der Kreuzberger Mischung in moderne Architektur verwandelt? Damit der Moritzplatz seinen Zwilling Heinrichplatz wiedererkennt, müssen Platzwände die Platzfigur nachzeichnen, ein Quadrat auf der Spitze – auch durch Lückenschluss von Aufbau-Haus und Elsnerhaus, dem künftig größten Musikgeschäft Europas. Vis-a-vis beginnt die grün aufgelockerte Stadt der Nachkriegszeit mit einem Westentaschenpark. Der kennt weder Bänke noch Wege, nur Trampelpfade. Hinter grüner Platzwand könnte er zur Oase werden. Wartespuren erinnern an den Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße. Bäume in Reih und Glied sollten dies markieren und den Zickzack-Hochhäusern ein grünes Vordach geben. Wartespuren, verwilderter Park und das trostlose Rund in Platzmitte lohnen einen Wettbewerb, der den hektischen Kreisel auch für Fußgänger und Behinderte gestaltet und den ringsum wild geparkten Fahrrädern einen Bike-and-Ride-Stellplatz bietet. Das Gedächtnis des Moritzplatzes aufzufrischen wäre ein erster Schritt. Die leeren Bilderrahmen auf den gefliesten Wänden der U-Bahn-Station schreien nach Illustration seiner Geschichte: Hobrechts und Lennés Luisenstadt, Wertheims Kaufhaus und Arisierung, Kriegszerstörung, Sektorengrenze, Bau und Fall der Mauer, Kahlschlagwahn und Stadterneuerung, Prinzessinnengärten und Aufbau-Haus!

Der Autor ist Stadtplaner. Von 1995 bis 2009 war er Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung.

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