Memoiren : Ein Bürgermeister zum Kuscheln

Morgen erscheint Klaus Wowereits Erinnerungsbuch. Großer Rummel um seine Veröffentlichung ist dem Regierenden gewiss. Der SPD-Politiker lässt es kräftig menscheln. Politik spielt eher eine Nebenrolle.

Bernd Matthies

Die ersten Schlagzeilen sind schon auf dem Markt, und sie verheißen das Übliche: „Frauen-Knutschen-Männer-Liebe“. Die Klaus-Wowereit-Woche hat begonnen, mit einem Vorabdruck in der Bild-Zeitung, dem alsbald viele Nachabdrucke folgen werden. Denn am morgigen Donnerstag kommt Wowereits Erinnerungsbuch „. . .und das ist auch gut so“ auf den Markt, beginnend am Nachmittag mit einer Signierstunde bei Dussmann, gefolgt von einer Abendveranstaltung des Verlags, in der der Regierende mit Günter Jauch plaudert, dem größten anzunehmenden und deshalb zweifellos passenden Moderator. Es folgt eine PR-Tour durch Deutschland. Über das weitere Vorgehen ist bislang nichts bekannt – allerdings wäre es seltsam, wenn nicht jede inhaltlich passende Talkshow die dezente Selbstentblößung Wowereits demnächst angemessen herausstellen würde.

Der Vorabdruck in der Bild-Zeitung mag finanziell lukrativ sein, aber er ist auch inhaltlich kein Zufall. Denn das Buch, geschrieben von Hajo Schumacher, zielt pfeilgerade auf den Boulevard. Soweit das dem Vorabdruck zu entnehmen ist, menschelt es in kurzen, übersichtlichen Sätzen, tiefschürfende Analysen werden nicht angestellt, für die historische Wissenschaft fällt vermutlich nichts Weltbewegendes ab, außer, dass es ein solches Buch von einen deutschen Politiker, zumal einem aktiven und weiter aufstrebenden, wohl noch nie gegeben hat. Wowereit präsentiert sich als Pragmatiker des Lebens und der Politik, einer wie du und ich, nur irgendwie ein bisschen cleverer, zupackender als der durchschnittliche Sozialdemokrat.

Die auf dem Boulevard entscheidenden Fragen sind per Vorabdruck bereits beantwortet. War da mal was mit Frauen? Ja, es gab Sabine: „Wir haben geknutscht, bis uns schwindlig war, unsere Auftritte waren legendär.“ Die Musik dazu, „Nights In White Satin“, teilte er mit seiner gesamten Generation; allerdings ist davon offenbar eine problematische Vorliebe für Kuschelrock zurückgeblieben. Wenn auch der ideologische Handapparat der 68er mehr oder weniger folgenlos an ihm vorbeirauschte, blieb doch in Sachen sexuelle Revolution allerhand hängen: „Wir wollten ja an den Körper, das war ja gesellschaftlich verordnete Pflicht.“

Der Womanizer aus Lichtenrade drängte alsbald zur Verfeinerung seines gesellschaftlichen Schliffs. In der Tanzschule „Für Sie“ systematisierte er den Umgang mit Frauen, blonden zumal, hatte zwei langjährige Beziehungen, und er gibt amüsiert zu Protokoll, noch in seiner Zeit als Stadtrat habe er bei Elternvertreterinnen als „lohnendes Zielobjekt“ gegolten. Doch die Hetero-Erfahrungen ließen ihn „ratlos und irritiert“ zurück, in heißen Nächten im „Riverboat“ und der „Dachluke“ stellte er fest, „dass ich ein wenig anders tickte als die anderen Jungs“.

Die Lage stabilisierte sich bekanntlich später, präzise am 29. März 1993, als ihm in der Kreuzberger „Bar Centrale“ Jörn Kubicki erschien, „mein Anker, mein Freund, mein Berater, meine Erdung“. Seine Mutter, die wichtigste Figur seines Lebens, „hatte keine Probleme damit, dass ich mich nicht für Frauen interessierte, auch wenn sie sich eine Familie für mich gewünscht hätte“.

Zentrales Thema des Buchs ist zwangsläufig das legendäre Outing auf dem SPD-Parteitag 2001. „Ich musste das Thema offensiv behandeln“, schreibt er, „ich musste einfach unangreifbar sein.“ Den Vorwurf, mit seinem Geschichtsbuch-Satz „Ich bin schwul, und das ist auch gut so“ einen wohl berechneten PR-Coup gelandet zu haben, lässt er nicht gelten: „Es brach ein Orkan los, den ich mir in meinen wildesten Träumen nicht hätte ausmalen können.“

Gemessen daran wird das Buch in den nächsten Wochen allenfalls ein Orkanchen hervorrufen. Aber auch der dürfte dabei helfen, Klaus Wowereit weiter populär zu machen, als einen, der sich nicht drängt, aber doch sehr gern gedrängt wird.

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