Messerattacke in Neukölln : Polizei sieht Rachegefahr

Nach der tödlichen Messerattacke auf einen 18-Jährigen sprechen Jugendliche in Neukölln von Vergeltung. Polizeibeamte besuchen Familien und Treffpunkte im Kiez, um über die Freilassung des mutmaßlichen Täters zu sprechen.

von , und Christopher Henrichs
Foto: dpa

NeuköllnEs ist eine explosive Mischung. Trauer und Wut bestimmen die Atmosphäre im Kiez rund um die „Weiße Siedlung“ in Neukölln. In dem Neubauviertel macht bei den Jugendlichen nach der tödlichen Messerattacke auf den 18-jährigen Jusef El-A. das Wort „Rache“ die Runde. „Ich kann zu hundert Prozent garantieren, dass das ein Nachspiel haben wird. Das hier ist ein eigener Kosmos mit eigenen Gesetzen“, beschreibt Burak K. die angespannte Lage. Sein ganzes Leben hat er hier verbracht, das Opfer Jusef kannte er vom Sehen. Alle im Kiez würden momentan über Jusef reden – und den Täter, den die Polizei am Dienstag schon wieder freigelassen hatte.

Der mutmaßliche Messerstecher Sven N. (34) hatte sich nach der Tat bei der Polizei gestellt und die Attacke gestanden. Nach den Vernehmungen erging allerdings kein Haftbefehl, weil die Staatsanwaltschaft davon ausgeht, dass er aus Notwehr handelte. Die Ermittler wissen, dass dies im Kiez viele nicht verstehen – und reagierte offenbar sofort. „Uns ist eine mögliche Bedrohungslage bekannt“, sagt Polizeisprecher Stefan Redlich. Deshalb seien Beamte in die Familien, zu Betroffenen und zu Begegnungsstätten geschickt worden, um Gespräche zu führen. Keine normalen Streifenbeamten, sondern Fachkräfte des Arbeitsgebiets Integration und Migration. Sie verstehen sich als „Bindeglied" zwischen Polizei und Migrantenorganisationen. „Wir haben den bisher bekannten Tatablauf transparent gemacht und auch deutsche Gesetze erklärt – etwa, was Notwehr ist“, erklärt Redlich. Es sei wichtig gewesen, früh auf die Kiezbewohner einzuwirken, damit sich keine Gerüchte verselbständigen, die „zu einer emotionalen Aufladung führen können“. Ob Sven N. nun von der Polizei geschützt wird und wenn ja, wie – dazu gibt es am Mittwoch keine Auskunft. Derzeit liegt der 34-Jährige mit dem Verdacht auf Schädelbasisbruch in einer Klinik. Er war bei der Auseinandersetzung am Sonntag selbst verletzt worden. Sein Zustand hatte sich während der Vernehmung immer weiter verschlechtert.

Sven N. war am Sonntag seinem Freund Oliver H. (39) nach einer Prügelei auf dem Bolzplatz der Siedlung zur Hilfe geeilt. Vor dem Haus des Freundes in der Fritzi-Massary-Straße kam es dann zur tödlichen Auseinandersetzung: Eine Gruppe von etwa 20 Jugendlichen hatte sich bewaffnet vor dem Haus aufgebaut und die Männer herausgefordert. Ohne die Polizei zu alarmieren war Sven N. daraufhin mit einem Küchenmesser nach draußen gegangen – laut Ermittlern und Zeugen, um die Lage zu beruhigen. Erfolglos. Nach eigener Aussage wurde Sven N. von mehreren Jugendlichen attackiert – aus Angst um sein Leben, habe er um sich gestochen und dabei Jusef El-A. ins Herz getroffen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

147 Kommentare

Neuester Kommentar