Update

Mieten in Berlin : Wohnen wird noch teurer

20000 neue Haushalte entstanden in Berlin innerhalb von nur einem Jahr - aber nur 4500 Wohnungen wurden neu gebaut. Um die Wohnungsnot zu lindern, fordert der Mieterverein nun eine Tauschbörse.

von
Für Mieter geht vor allem eins aufwärts: die Preise. Die Politik versucht zu steuern, mit mäßigem Erfolg.
Für Mieter geht vor allem eins aufwärts: die Preise. Die Politik versucht zu steuern, mit mäßigem Erfolg.Foto: dpa

Einer der kürzesten Witz über Berlin geht so: „Ich suche eine günstige Wohnung“. Kaum ein Tag vergeht, ohne neue Berichte über den Anstieg der Mieten und Kaufpreise für Berliner Immobilien. Wer eine Wohnung im vergangenen Jahr gesucht hat, musste im Durchschnitt neun Prozent mehr Miete dafür bezahlen als ein Jahr zuvor – und zwar 8,02 Euro je Quadratmeter und Monat im Durchschnitt. Neben dem Erwartbaren überrascht die Studie allerdings vor allem mit dieser klaren Botschaft: An der Nachfrage geht der Bauboom weitgehend vorbei. Gut, dass der Berliner Mieterverein einen Vorschlag hat, wie die Versorgung der vielen Berliner mit überschaubarem Einkommen aufgebessert werden kann.
„Wir benötigen wie in den 1960er Jahren gesetzliche Regelungen, damit Mieter untereinander ihre Wohnung tauschen dürfen, ohne Änderung der Mietkonditionen“, sagt Berlins Mieterchef Reiner Wild. Auf diese Idee kam er nach einem Gespräch mit einem Wohnungsunternehmer. Dieser hatte dem Mieterchef davon berichtet, dass er seine Wohnungen eher an Familien und Paare vermiete und dadurch in seinem Wohnungsbestand sehr viel mehr Menschen untergebracht hat als zuvor. Und er errechnete, dass er ohne diese „Belegungspolitik“ für diese Menschen 900 Wohnungen zusätzliche Wohnungen hätte bauen müssen. „Wenn das im ganzen Stadtgebiet gelingen würde, könnten wir uns den Bau von tausenden Wohnungen sparen“, glaubt Wild.

18000 neue Wohnungen bis 2016 - so viele bräuchte es im Jahr

Sinnvoll wäre es, denn sicher ist: Der Bauboom in Berlin reicht nicht aus, um die Nachfrage nach Wohnungen zu bedienen – und die meisten können sich die neu gebauten Immobilien eh nicht leisten. Die Wohnungsexperten haben in Berlin zwar „250 Projekte identifiziert“, wodurch bis zum Jahr 2016 „rund 18000 Wohnungen“ neu entstehen sollen. Sollte aber die Zahl der Haushalte weiter so stark wachsen – zuletzt um 20000 im Jahr – wächst die Wohnungsnot weiter kräftig. Schwierig ist es vor allem für Haushalte mit geringen Einkommen. Denn „nach wie vor entstehen Wohnungen hauptsächlich im Eigentumsbereich“. Und wer kann sich die schon leisten. Für diese Menschen böte eine Tauschbörse eine Chance, sich auch bei Familienzuwachs zu verändern – ohne gleich doppelt so viel Miete zu zahlen.
Zwar wird in allen zwölf Bezirken kräftig gebaut, am meisten allerdings in der Innenstadt: Über 4600 Wohnungen sind in Mitte geplant oder in Bau. An zweiter Stelle steht der Bezirk Lichtenberg, wo allerdings mehr als die Hälfte der neu entstehenden Objekte Einfamilienhäuser sind. Außerdem für Investoren interessant: Friedrichshain-Kreuzberg sowie Pankow, wo sie jeweils mehr als 2000 Wohnungen errichten. „Wenn das Bevölkerungswachstum anhält, wird sich jedoch trotz des Neubaus die Anspannung am Markt vergrößern“, so CBRE–Wohnungsmarktexperte Michael Schlatterer.

Berliner ziehen viel um - weil sie müssen

Dass die Berliner gerne umziehen, zeigt der Marktbericht und auch das: Dass sie in kleinen Schritten aus dem Zentrum herausgedrängt werden. Aus der „Innenstadt“, innerhalb des S-Bahn-Ringes, zogen im Jahr 2012 fast 14000 Menschen mehr in andere, weiter außen gelegene Stadtteile weg als in der gleichen Zeit vom Rand ins Zentrum. Die meisten Umzüge führen den Marktexperten zufolge in die nächst ferner gelegene Quartiere. Da ist es noch etwas billiger, aber das Band zum alten Kiez ist noch nicht zerrissen. Tagesspiegel-Leser kennen es von unseren Berichten aus diesen Stadtgebieten: Nord-Neukölln und Lichtenberg sind Profiteure dieser Entwicklung, dort zieht es die „Clubber“ hin, die sich Kreuzberg und Friedrichshain nicht mehr leisten können. Dann gibt es noch die – wenn man so sagen darf: – Nestbauer. Sie finden in Britz, Buckow, im Norden von Pankow oder Süden von Treptow-Köpenick noch bezahlbare große Wohnungen mit Gärtchen oder das Häuschen im Grünen.

3462 Euro je Quadratmeter, Mitte kostet

Allerdings bleibt, wer eine Wohnung kaufen möchte, ebenso wenig verschont von den steigenden Preisen: Im Durchschnitt fordern Verkäufer von Eigentumswohnungen 2474 Euro je Quadratmeter, auch das sind 9,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Wer gleich ein ganzes Miethaus erwirbt, muss rund 1472 Euro je Quadratmeter aufbringen, ein Plus von 9,1 Prozent. Mit Abstand am teuersten in der Stadt sind Eigentumswohnungen in Mitte, für die je Quadratmeter 3462 Euro im Durchschnitt bezahlt werden muss (plus 2,9 Prozent). Auch deshalb zieht es viele Haushalte raus.
Nicht ganz so erschütternd sind die hohen Mieten und Kaufpreise im Zentrum offenbar für viele Neuberliner: Fast jeder zweite von ihnen zieht es dem Bericht zufolge in die City-Quartiere. Dabei liegen die Mieten für die im Netz angebotenen Wohnungen dort im Schnitt bei 9,95 Euro je Quadratmeter und Wohnung – und toppen dem Bericht zufolge schon die Mieten in Köln (9,25 Euro) und Düsseldorf (9,07 Euro). Vielleicht sind es aber auch die Neuberliner aus München, die klaglos die hohen Mieten bezahlen. Denn in der Bayerischen Landeshauptstadt kostet eine City-Wohnung sogar noch mehr: 13,67 Euro je Quadratmeter und Monat. Nebenkosten, Wärme und Strom müssen natürlich noch extra bezahlt werden.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

Autor

28 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben