Mieter in Berlin : Hausbewohner fühlen sich von Vermieterfirma gemobbt

Mehr als 120 Mieter beklagen sich in einem offenen Brief an die Berliner Regierung über die Praktiken ihres Vermieters „ALW-Gruppe“. Sie fürchten Verdrängung aus ihren Wohnungen.

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Harter Wohnungsmarkt. Die Unterzeichner berichten, dass Häuser entmietet werden und dann leer stehen.
Harter Wohnungsmarkt. Die Unterzeichner berichten, dass Häuser entmietet werden und dann leer stehen.Foto: dpa

Das hat es so noch nicht gegeben: Mehr als 120 Mieter eines Firmenverbundes, der einer Familie in Baden-Baden zugerechnet wird, prangern in einem offenen Brief an Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) und Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) die Geschäftspraktiken der „ALW-Gruppe“ an.

Die Betroffenen unterzeichnen das Schreiben mit ihrem Namen und legen dazu noch ihre Adresse offen. Sie seien keine politischen Aktivisten, sondern ganz gewöhnliche Berliner Mieter, begründen sie den Schritt. Der Firma werfen sie vor, Wohnhäuser zu kaufen, Mieter zu verdrängen, um die Objekte mit Gewinn als Eigentumswohnungen verkaufen zu können. Die Firma bestreitet die Vorwürfe.

Ein Leben in Angst, trotz pünktlicher Mietzahlung

„Wir sind die typische Berliner Mischung, vom Arbeiter bis zur Zahnärztin, vom Kleinkind bis zum Rentner, sind Single oder auch Großfamilie“, heißt es in dem Schreiben. Und: „Wir zahlen unsere Miete pünktlich.“ Trotzdem seien sie in ständiger Angst, weil ihr Vermieter „Methoden zur vorzeitigen Entmietung“ anwende: „Abmahnungen“ und „Kündigungen“ aus geringfügigem Anlass (Schuhe vor der Tür, zu große Pflanzen) zum Beispiel. Am Ende dieser „Entmietungen“ blieben die Häuser häufig leer stehen. Die Wohnungen verteilen sich den Unterzeichnern zufolge auf mehrere Bezirke.

Eine Verdrängung von Mietern „ist nicht in unserem Interesse und findet nicht statt.“

Vertreter der Firmen bestreiten die Vorwürfe, sprechen von „Mietvertragsverstößen“, auf die man reagiert habe. „Wohnungskündigungen stellen für unser Unternehmen stets eine Ausnahme und nicht die Regel dar.“ Bei den „meisten Mehrfamilienhäusern“ handle es sich um „Bestandsobjekte“. Doch „je nach Gebäude und Lage verkaufen wir auch einen Teil der Wohnungen an Mieter oder an Dritte“. Eine Verdrängung von Mietern „ist nicht in unserem Interesse und findet nicht statt.“ Klagen über ruppigen Umgang bei Sanierungen seien „bewusste, unwahre Panikmache von dritter Seite“.

Grünen-Baustadtrat will die Vertreter der ALW-Gruppe um ein Gespräch bitten

Von den Auseinandersetzungen zwischen Mietern und ALW-Firmen weiß auch Florian Schmidt, Grünen-Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg. In dem Bezirk hat die Gruppe viele Häuser gekauft. Schmidt will die Vertreter der ALW-Gruppe um ein Gespräch bitten und wirft ihnen „Verdrängung“ durch den Einsatz „perfider Strategien“ vor.

Strategien "am Rande des menschlich Zumutbaren"

Auf dem Wohnungsmarkt drohten „einige Akteure“ mit aufwendigen Sanierungen und happigen Mieterhöhungen, lockten Mieter zugleich mit „geringen Entschädigungen“, damit diese möglichst schnell ausziehen. Dies seien Strategien „am Rande des menschlich Zumutbaren“, oft aber finde Verdrängung innerhalb des bestehenden gesetzlichen Rahmens statt, sagte Schmidt. „Dieser Umstand an sich ist eine Gefahr für den sozialen Zusammenhalt und Frieden“.

Schmidt will deshalb die Kriterien des Milieuschutzes verschärfen oder neu fassen. Außerdem plant er eine Runde mit Berliner Bundestagsabgeordneten, um vor der Wahl die Vorschläge der Parteien zur Bekämpfung der Entmietungsstrategien zu sammeln.

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