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Militärputsch in der Türkei : Mehr als 2000 Berliner Türken beschwören vor der Botschaft die Einheit

Der Aufruf des Präsidenten, auf die Straße zu gehen, führt die Türken auch in Berlin zusammen - ob sie Erdogan mögen oder nicht. Lautstark demonstrieren sie gegen die Putschisten.

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Die Botschaft als Symbol der Staatsmacht: In der Tiergartenstraße bekunden Berliner Türken ihre Solidarität mit dem Land.
Die Botschaft als Symbol der Staatsmacht: In der Tiergartenstraße bekunden Berliner Türken ihre Solidarität mit dem Land.Foto: Ingo Salmen

Die Meldungen aus Istanbul und Ankara wühlen am späten Freitagabend auch die Türken in Berlin auf. Viele folgen dem Impuls, zur türkischen Botschaft in der Tiergartenstraße zu fahren. Gegen Mitternacht strömen immer mehr zu dem Bau hinter der Philharmonie. Mehr als 2000 Demonstranten, schätzt die Polizei, bekunden bald lautstark ihren Protest gegen den Militärputsch in der Türkei. Die Beamten riegeln die Straße ab.

Unentwegt schwenken die Demonstranten Fahnen, skandieren den Namen ihres Landes und rufen den Namen Gottes an. "Allahu akbar!" Ein ergrauter Imam ergreift das Wort, stimmt ein Gebet an, beschwört die Einheit des Landes. "Amin!", hallt es hundertfach und immer wieder aus entschlossenen Kehlen durch den Tiergarten. "So sei es."

Zu jenen, die in den Ruf einstimmen, gehören Ilhan (28) und Ciftci (30). Sie haben die Nachrichten im TV gesehen. Erdogans Aufruf, auf die Straßen zu gehen. Dann sind sie hergekommen. Es wäre besser für das Land und dessen Stabilität, wenn der Putsch keinen Erfolg hätte, meint Ilhan. "Wir sind nicht für Erdogan hier, sondern für die Türkei", betont Ciftci. Die Leute gehen in Richtung Botschaftszaun. Es soll ihr symbolischer Beitrag zum Widerstand gegen die Putschisten sein.

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Putschversuch stürzt Türkei ins Chaos
Putschversuch stürzt Türkei ins Chaos

Präsident Erdogan findet in der türkischen Gemeinde in Berlin einen sicheren Rückhalt. Es ist eine gemischte Menge, die sich vor der Vertretung zusammengefunden hat. Anhänger von Milli Görüs sind dabei, ein Gemeinschaft mit extremistischen Tendenzen, der auch der Imam angehören soll, aber genauso völlig ungebundene Türken. Sie alle eint mindestens die Sorge um die Heimat - genauso wie die Überzeugung, die Mehrheit der Türken zu repräsentieren.

Unter Zorn, Sorge und Anspannung mischt sich bei den Türken an der Botschaft zunehmend auch Zuversicht.
Unter Zorn, Sorge und Anspannung mischt sich bei den Türken an der Botschaft zunehmend auch Zuversicht.Foto: Ingo Salmen

"Es geht um den Schutz der Demokratie", sagt Talha, ein 31-jähriger Steglitzer. "Egal, was man von Erdogan hält: Er ist der demokratisch gewählte Präsident." Er sei kein Fan Erdogans, wirft ein anderer Teilnehmer ein, der seinen Namen nicht nennen will. Aber es gebe einfach keine Alternative zu ihm - und ganz gewiss nicht die Gülen-Bewegung, der er die Putschisten zurechnet.

Am Kotti hoffen die Kurden auf Erdogans Ende als Präsident

Viele in Berlin sehen das ganz anders. Zum Beispiel im Cafe Diyar am Kotti. "Egal, was kommt, für uns kann es nur besser werden", sagt Erol. Er ist einer von einem guten Dutzend Männern in der neonhell beleuchteten Stube. Einige kleben am Spieltisch fest. Die meisten schauen gebannt CNN Turk zu. "Wir sind alle Kurden." Der 43-Jährige ist seit 1992 in Deutschland. Unter Erdogan habe sich die Lage der Kurden nur noch weiter verschlechtert. Ein Kollege sieht die Nachrichten mit Sorge. "Hoffentlich schaffen es die Putschisten", flüstert der 50-jährige Keser. "Wenn Erdogan das übersteht, wird's erst richtig schlimm."

Im Café Diyar am Kottbusser Tor schauen die Kurden gebannt auf den Bildschirm - und anfangs mit leiser Hoffnung.
Im Café Diyar am Kottbusser Tor schauen die Kurden gebannt auf den Bildschirm - und anfangs mit leiser Hoffnung.Foto: Ingo Salmen

Doch je weiter die Zeit voranschreitet, je mehr Nachrichten über Niederlagen der Aufständischen auf den Smartphones eintrudeln, desto zuversichtlicher wird die Stimmung vor der Botschaft am Tiergarten. "Erdogan wird es schaffen, bis morgen früh, spätestens morgen Abend", sagt Ahmet. "Das ist safe." Der 26-Jährige stammt aus Berlin, ist aber vor vier Jahren zum Studium nach Ankara gegangen. Seit einer Woche ist er zum Urlaub in Deutschland. Immer wieder hat er im Laufe des Abends mit Freunden telefoniert. Doch einer hat sich mittlerweile schlafen gelegt. Erdogan wird es schon regeln. "Er hat einfach die Macht dafür."

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