Berlin : Mit dem Beigen ins Blaue

Heute ist Lange Nacht der Opern und Theater Die Ufa-Fabrik spielt sogar in einem alten BVG-Bus.

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Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Schlimm, was die Menschen den Dingen antun. Hat der Büssing E2U nicht treu und brav tausende Fahrgäste durch den Westen Berlins befördert? Am 1. Oktober 1964 rollte die rundherum verglaste beige Metallbadewanne zum ersten Mal vom BVG-Betriebshof Lichterfelde und versah von Stund an zuverlässig ihren Liniendienst. Zwei Versetzungen zum Betriebshof Müllerstraße und zum Betriebshof Zehlendorf hat der Bus klaglos ertragen, ebenso die Banderolenwerbung für Tisserand Weinbrand. Und der Dank? Schnöde Ausmusterung nach zwölf Jahren und der Abstieg zum Wohnmobil, zur Gartenlaube, zum Hühnerstall! Bloß gut, dass dann die Arbeitsgemeinschaft Traditionsbus kam. Sie holte den übel ausgeweideten Eindecker mit dem bollernden Unterflurmotor zurück aus der norddeutschen Provinz in seine Heimatstadt, wo es so segensreiche Sachen wie die Lange Nacht der Opern und Theater gibt, die alten Bussen einen großen Auftritt schenken.

Am Sonnabend karriolt die von der Ufa-Fabrik in Tempelhof gemietete alte Karre samt Schauspielern und Publikum herum – als Theaterbus. Der Bus sei extrem laut, sagt Ninja Schröder von der Improtheatergruppe „frei.wild“, die den Bus schon zum zweiten Mal bespielt. „Eine ziemliche Herausforderung für uns Schauspieler.“ Stefan Freytag von der AG Traditionsbus nickt. Der Büssing E2U sei halt alles andere als ein Luxusgefährt. „Die BVG hat in den Sechzigern nicht aufs Prestige geguckt“, sagt er, „die waren effizienzorientiert.“

Das lustig schaukelnde Modell ist ein Unikum und wurde bei Orenstein und Koppel in Spandau eigens für die BVG gebaut. Der mit dunkelgrünen Kunstledersitzen, einem Riesenlenkrad und einem Aschenbecher für den Fahrer ausgestattete Bus ist der letzte fahrtüchtige dieser Art in der Stadt. Aschenbecher gehe ja heute nicht mehr, bemerkt Jörg Zander, der ebenfalls zur Theatertruppe gehört. Damals schon. Paffende Fahrer waren Standard, weiß Omnibus-Freak Freytag, „bis 1973 war Rauchen auf allen Oberdecks erlaubt“.

Nun nicht mehr, gibt im Büssing E2U ja eh kein Oberdeck. Auch getrunken wird bei der Theaterfahrt ins Blaue nicht. Ausschank ist keiner an Bord. Dafür drei Schauspieler von „frei.wild“, der Truppe, die die Ufa-Fabrik schon nachmittags mit Kinderimprovisation bespielt und abends dann für Große – parallel zum maximal 45 Personen fassenden Theaterbus. Vorgefertigtes Konzept für die Fahrt gibt’s keins, ist ja Impro. „Die Idee ist: einsteigen und gucken was passiert“, sagt Zander. Das Publikum bestimmt die Geschichte, auch wenn die Fahrtroute von Tempelhof nach Charlottenburg feststeht, wo es über die Schaubühne am Lehniner Platz zum Theater des Westens in der Kantstraße geht. Im vorigen Jahr, als der Theaterbus erstmals tourte, wurde gar eine Safari durch Afrika daraus.

Die Idee hatte übrigens Rudolf Brünger, der Geschäftsführer der Ufa-Fabrik. Das Kulturzentrum wird bei der Busrouten-Planung der Langen Nacht der Opern und Theater wegen seiner Tempelhofer Randlage nämlich hartnäckig ignoriert. Doch was ein rechter Sponti ist, der wird dadurch eben zum Einfall Theaterbus inspiriert. Gunda Bartels

Der Bus: Sonnabend, 18 Uhr, Ufa-Fabrik, Viktoriastraße 10-18, Tempelhof. Die Nacht: Sonnabend, 18.30–1 Uhr, in 57 Bühnen, Infostellen: Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und Schaubühne am Lehniner Platz, Tickets kosten 15, ermäßigt 10 Euro, Kinder bis zwölf Jahre 5 Euro, Karten erhältlich bei Bühnen, Theaterkassen, Berlin Infostores, BVG-/S-Bahn-Verkaufstellen. Weitere Informationen im Netz unter www.berlin-buehnen.de/langenacht, Telefon 47 99 74 74

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