Berlin : Mit Nadel und Faden

Weil es immer mehr Modemacher in die Hauptstadt zieht, gibt es wieder Bedarf für Nähereien

Grit Thönnissen

Renata Pawlik handelt antizyklisch. Während in Berlin die Zahl der Schneidereibetriebe von 81 im Jahr 2000 auf 31 bis Ende 2004 sank, machte die Geschäftsfrau vor drei Jahren eine neue Zwischenmeisterei auf. Das ist ein Betrieb, der nicht für den Endverbraucher fertigt, sondern Kollektionen für Designer und Modefirmen herstellt. Zufällig hörte sie, dass ein Zwischenmeister seinen Betrieb aus Altersgründen abgeben wollte. Eine große Kundenkartei konnte er nicht vorweisen, aber Renata Pawlik, seit vielen Jahren im Schneidergeschäft, witterte eine neue Chance für sich.

Denn seit einigen Jahren ist Berlin wieder auf dem Weg, eine europäische Modemetropole zu werden. Dazu tragen Modemessen wie die Bread & Butter, Premium und B-in-Berlin bei, die in den nächsten Wochen wieder viele Modebegeisterte in die Stadt locken werden. Vor allem kleine, feine Design-Firmen siedeln in der Hauptstadt. Viele von ihnen gibt es nicht länger als zwei, drei Jahre und ihre Entwicklung ist ebenso rasant wie die Berlins zur Modestadt. Für ihre geringen Stückzahlen lohnt es sich nicht, die Produktion nach Asien zu verlagern. Andererseits sind sie zu umfangreich, um alles selbst zu nähen: Daher gibt es jetzt wieder einen kleinen Markt für Zwischenmeistereien.

Vor 16 Jahren kam Renata Pawlik mit ihren Eltern aus Polen nach Berlin. Ihr Vater, in der dritten Generation Schneider, eröffnete in Tempelhof eine Änderungsschneiderei, und auch die Tochter machte sich vor 15 Jahren im gleichen Gewerbe selbstständig. Mit der Zwischenmeisterei übernahm Pawlik 2003 zwei Mitarbeiter und ein paar Maschinen des Vorgängers und ließ einen Stapel Visitenkarten drucken. Jetzt musste sie nur noch neue Kunden suchen: Sie fand sie im Januar 2003 auf der Modemesse Premium, auf der neben Streetwear- und Jeansmarken auch einige junge Designerfirmen ihre Produkte ausstellten.

Inzwischen gehören Berliner Designerlabels wie Just Marriot, C.Neeon, Kaviar Gauche, Frank Leder und Pulver zur Klientel von Renata Pawlik. Dass sie nicht ganz neu im Geschäft ist, sieht man auch ihrem Laden in der Reinickendorfer Residenzstraße an. Die roten Klebebuchstaben „Änderungsschneiderei Pawlik“ auf der Schaufensterscheibe sind eine perfekte Untertreibung.

Zwar sitzen darin ein paar Schneiderinnen und kürzen Hosen für die Kunden aus der Nachbarschaft. Aber das Geschäft mit Zukunft wird in einem Raum im ersten Stock gemacht, den man über den Hinterhof erreicht. Mindestens 300 Kollektionsteile werden hier jeden Monat zugeschnitten, gesäumt, genäht und gebügelt. Gerade kämpft eine Mitarbeiterin mit einem zarten, bunt gemusterten Stoff für ein mehrlagiges Kleid von C.Neeon, die Zuschneiderin zählt die eben gelieferten kupferfarbenen Reißverschlüsse von Kaviar Gauche.

Vor kurzem übernahm Renata Pawlik auch die Fertigung von Musterteilen für die Designerin Evelin Brandt. Und auch SaiSo, die Shootingstars unter den Berliner Modefirmen, die in den USA für Furore sorgen, klopfte schon an ihr bescheidenes Atelier. Ihre Visitenkarten braucht sie kaum noch – dass es jemanden gibt, der in Berlin auch heikle Stoffe und komplizierte Schnitte verarbeitet, hat sich inzwischen bis nach Hamburg herumgesprochen. Designerware zu fertigen ist nicht billig – ein Viertel des späteren Verkaufspreises kalkulieren viele Designer auch wegen der geringen Stückzahl.

Von der Designerin Anuschka Hoevener, die gerade eine Lieferung von 50 Teilen nach Japan vorbereitet, liegen die zugeschnittenen Stoffe auf Renata Pawliks Zuschneidetisch. Hoevener weiß es zu schätzen, dass sie sich nur in die U-Bahn zu setzen brauchen, wenn es Probleme mit einem zu kurzen Futter oder falschen Reißverschlüssen gibt. Ein Industriebetrieb würde einen Auftrag über nur 50 Teile kaum annehmen – aber die vier Schneiderinnen, die Pawlik dafür einstellte, sind voll ausgelastet.

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