Berlin : Mit „Tante Ju“ auf Abwegen

Die Lufthansa lud ihren 100-jährigen Testpiloten zur Ehrenrunde über Berlin ein. Doch wegen des Flugverbots musste der Kurs geändert werden

Rainer W. During

1935 war Richard Perlia der wohl einzige Pilot, der es schaffte, mit der dreimotorigen Junkers Ju 52 einen Looping zu drehen. Das war südöstlich vom Müggelsee. Im April feierte der ehemalige Testflieger seinen 100. Geburtstag. Gestern stand er in Tempelhof wieder vor einer „Tante Ju“. Die Lufthansa hatte dem in Grunewald lebenden Jubilar einen Flug mit ihrer Traditionsmaschine geschenkt. Doch die Ehrenrunde über der Innenstadt fiel aus – wegen des seit Montag geltenden Flugverbots.

Noch ist die Sperrzone in keinem Pilotenhandbuch verzeichnet. Flugkapitän Uwe-Karsten Badow legte ein Zwei-Euro-Stück auf die Karte der Berliner Kontrollzone und zog einen Kreis. Der Durchmesser entspricht etwa den elf Kilometern mit dem Reichstag als Mittelpunkt, die jetzt für Flugzeuge tabu sind. Die Lufthansa lässt die für dieses Wochenende seit langem geplanten Rundflüge trotzdem starten. Der Blick auf Fernsehturm, Potsdamer Platz und Brandenburger Tor bleibt Perlia und den übrigen Passagieren aber verwehrt. Der Kurs führt jetzt über Funkturm und Olympiastadion zum Wannsee. Über Potsdam geht es zurück nach Tempelhof. Badow, der hauptberuflich eine Boeing steuert, hofft, bald auch wieder über das Regierungsviertel fliegen zu dürfen. 15 „gute Argumente“ hat der Flugbetriebsleiter der Lufthansa Berlin-Stiftung, die den Oldtimer betreibt, im Ausnahmeantrag aufgelistet. Perlia, der seinen Pilotenschein 1977 nach 50 Jahren Flugpraxis abgab und sich 1985 – als 80-Jähriger – vergeblich als Astronaut für die D2-Weltraummission bewarb – ist auch als Passagier in seinem Element. Das vielfach kritisierte Flugverbot findet er „völlig idiotisch“, weil es keinen wirklichen Schutz bietet.

Für den Air Service Berlin als größtem Berliner Rundfluganbieter kommen Alternativrouten nicht in Betracht. „Das kann ich meinen Kunden nicht mit gutem Gewissen anbieten“, sagt Geschäftsführer Frank Hellberg. „Die Leute haben gebucht, um den Fernsehturm und den Reichstag zu sehen, nicht das Dreieck Havelland.“ Über die beantragten Ausnahmen vom Flugverbot wurde noch immer nicht entschieden. Das Innenministerium hatte am Dienstag erklärt, man werde noch in dieser Woche auch die „berechtigten Interessen“ der gewerblichen Luftfahrt diskutieren. Auch die in Aussicht gestellte Genehmigung für den Hi-Flyer am Potsdamer Platz liegt noch nicht vor. Geprüft wird offenbar immer noch, wie lang das bisher 150 Meter messende Seil, an dem der Ballon hängt, künftig sein darf. Nach einem Rundschreiben des Verkehrsministeriums sollen Ausnahmeanträge künftig nicht mehr von der Luftfahrtbehörde der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, sondern vom Innensenator entgegengenommen werden.

Das bis zu einer Höhe von 1500 Metern geltende Flugverbot war erlassen worden, nachdem sich am 22. Juli ein unter Mordverdacht stehender Pilot mit seinem Ultraleichtflugzeug vor dem Reichstag in den Tod gestürzt hatte. Piloten und ihre Verbände kritisieren seitdem, dass sich Terroristen und Selbstmörder von keinem Sperrgebiet abhalten lassen. Rundflug- Passagiere durchlaufen wie Linienfluggäste eine Sicherheitskontrolle.

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