Mobilität in Berlin : Autofahrer müssen Platz machen

Berlin ist die Stadt mit dem geringsten Anteil an Autoverkehr und die Zahl sinkt weiter. Erstmals entschieden sich mehr Berliner für den Fußweg als für das Auto. In Zukunft sollen Fußgänger und Radfahrer mehr Platz bekommen.

von
Verkehr rund um das Einkaufscenter "Mall of Berlin" am Leipziger Platz 12 in Berlin-Mitte.
Verkehr rund um das Einkaufscenter "Mall of Berlin" am Leipziger Platz 12 in Berlin-Mitte.Foto: Thilo Rückeis

Erstmals werden in Berlin mehr Wege zu Fuß als mit dem Auto zurückgelegt. Der Anteil des Autos sank in den vergangenen fünf Jahren von 33 auf 29,6 Prozent, während der Anteil der Fußwege geringfügig auf 31 Prozent sank. Zuwächse gab es beim ÖPNV und beim Fahrrad: Der Anteil des öffentlichen Nahverkehrs stieg deutlich von 24 auf 27 Prozent, der Anteil des Radverkehrs von elf auf 13 Prozent. Diese Zahlen nannte Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler (SPD) am Mittwoch. Sie stammen aus der Haushaltsbefragung „Mobilität in Städten“, die alle fünf Jahre von der TU Dresden gemacht wird. Im Jahr 2013 haben sich mehr als 15.000 Berliner beteiligt.

Der Nahverkehr soll stärker werden

Die Ergebnisse der Studie sollen die Grundlage für die Verkehrspolitik der kommenden Jahre bilden. Nach Angaben von Gaebler muss über eine „Umverteilung“ des vorhandenen Straßenraumes nachgedacht werden. „Berlin will den öffentlichen Nahverkehr stärken, die Stadt noch fahrradfreundlicher machen und den Anteil des Autoverkehrs reduzieren“, sagte Gaebler: „Der Autoverkehr muss einfach zur Kenntnis nehmen, dass er an bestimmten Stellen Platz abgeben muss.“ Dies gelte sowohl für fahrende als auch für parkende Autos. Durchschnittlich steht ein Auto in Berlin täglich 23 Stunden nur herum, sagte Gaebler, in Fahrt ist es eine. Mittlerweile haben nur noch 43 Prozent der Berliner ein Auto. Nur noch 54 Prozent aller Pkw werden noch täglich genutzt.

In Berlin gibt es den geringsten Autoverkehr

Im Jahr 2011 hatte Berlin beschlossen, den Anteil des Autoverkehrs bis zum Jahr 2025 auf 25 Prozent zu senken. Durch den Rückgang auf unter 30 Prozent sei man auf einem „guten Wege“, sagte der Staatssekretär – und pries die Vorreiterrolle der Hauptstadt: Denn Berlin ist die Stadt mit dem geringsten Anteil Autoverkehr. In Düsseldorf sind es zum Beispiel 41 Prozent, in Dresden und Leipzig zwischen 38 und 39 Prozent und in Frankfurt (Main) 35 Prozent.

Abgefahren - Ihre unbeliebtesten Radstrecken
Anstrengend, diese Senserei! Da braucht man mal eine Pause ... Brigitte Siegfried begegnete diesem Stillleben an der Jafféstraße in Westend.Weitere Bilder anzeigen
1 von 475Foto: Brigitte Siegfried
25.07.2017 12:14Anstrengend, diese Senserei! Da braucht man mal eine Pause ... Brigitte Siegfried begegnete diesem Stillleben an der Jafféstraße...

Ein bemerkenswertes Ergebnis der Studie sei, dass der Autoverkehr trotz der deutlich wachsenden Stadt in absoluten Zahlen kaum zugelegt habe. Zwischen 2008 und 2013 wuchs Berlin um 155.000 Menschen. „Mehr Menschen bringen mehr Verkehr“, sagte Gaebler. Durch den Zuwachs stieg der Kfz-Verkehr nur um fünf Prozent. 95 Prozent dieses Zuwachses landeten beim so genannten „Umweltverbund“ (ÖPNV plus 50 Prozent, Fußverkehr plus 25, und Radverkehr plus 20). Neubaugebiete wie die „Elisabeth-Aue“ in Pankow sollen über neue Straßenbahnstrecken angebunden werden.

Aus Autospuren werden Radwege

Trotz dieses eindeutigen Trends müssen Autofahrer nicht befürchten, dass sofort ganze Straßen zurückgebaut werden. Die SPD-geführte Verkehrsverwaltung setzt auf eine „breite Diskussion in der Stadt“. In der kommenden Woche geschieht dies erstmals, und zwar auf dem Stadtforum mit Verkehrssenator Andreas Geisel unter dem Titel „Wem gehört der öffentliche Raum?“

Berlin - du und deine S-Bahn
Platte Schnauze: So sieht Berlins neue S-Bahn aus. Vorgestellt wurde die Designstudie im Dezember 2015.Weitere Bilder anzeigen
1 von 118Simulation: S-Bahn
22.12.2015 15:35Platte Schnauze: So sieht Berlins neue S-Bahn aus. Vorgestellt wurde die Designstudie im Dezember 2015.

Schon jetzt ist Autofahrern in zahlreichen Straßen eine Spur weggenommen worden, berichtete der Leiter der Verkehrsabteilung im Senat, Burkhard Horn. Nur selten gebe es dabei noch Proteste der Autofahrerlobby. Als jüngstes Beispiel nannte Horn die Brückenstraße in Mitte. Auch auf stark befahrenen Hauptstraßen wie der Stralauer Straße fiel bereits eine Autospur zu Gunsten einer markierten Radspur auf der Fahrbahn einfach weg.

Trotz dieser Verbesserungen hatte der Fahrradclub ADFC in der vergangenen Woche die Verkehrspolitik des Senats heftig kritisiert und deutlich mehr Geld und Personal in den Verwaltungen für den Radverkehr gefordert. So sollen 30 der 300 Millionen Euro, die Berlin jährlich in den Straßenbau steckt, dem Radverkehr zugute kommen. Dies lehnt die Verkehrsverwaltung aber ab.

Autor

132 Kommentare

Neuester Kommentar