Mord in Kreuzberg : Die Nacht der Messer

Eine Familientragödie mitten in Berlin. Die Eheleute S. streiten sich, der Mann rastet aus und tötet seine Frau auf bestialische Weise. Selbst für einen Ermittler ist es "mit Abstand der grausigste Fall".

von und
Tatort. In dem Wohnblock in der Köthener Straße, in direkter Nachbarschaft zum Potsdamer Platz, geschah das Verbrechen.
Tatort. In dem Wohnblock in der Köthener Straße, in direkter Nachbarschaft zum Potsdamer Platz, geschah das Verbrechen.Foto: dpa

Auf Holzbänken hocken sie. Gebeugt, ja beinahe zusammengekrümmt stecken sie neben der Tischtennisplatte, die mit Graffiti übersäht ist, neben den Holztürmchen und der Rutsche ihre Köpfe zusammen. Hier, am Spielplatz in der Bernburger Straße, wo die Menschen eigentlich Spaß haben sollen, trauern sie jetzt. Acht Frauen, Jeans und T-Shirt tragen einige und Kopftücher.

Aber ihre Trauer ist nicht still. Nicht erfüllt von dem Gefühl für eine höhere Ordnung. Sie reden unaufhörlich durcheinander und miteinander, als ließe sich diese brutale, dunkle Tat in Worte auflösen. Und je mehr sie reden, desto deutlicher wird, dass sich das Ganze vielleicht angedeutet hat. Hätte es vielleicht sogar verhindert werden können? Noch vor wenigen Tagen saß Semanur S. ebenfalls in dieser Runde. Sie soll den Frauen, ihren Freundinnen, von ihrer Angst berichtet haben. Von der Angst vor ihrem Ehemann. Und jetzt das.

Semanur S., 30 Jahre, ist tot. In ihrer Wohnung hat man sie gefunden, aber wie? Orhan S., 32 Jahre, ist dringend tatverdächtig sie in der Nacht zu Montag auf so bestialische Art und Weise getötet zu haben, dass man die Einzelheiten kaum in Worte fassen kann. „Es ist mit Abstand der grausigste Fall, von dem ich seit Jahren gehört habe“, sagt ein Ermittler, der schon häufiger mit dem Straftatbestand der häuslichen Gewalt zu tun hatte. 16 108 Mal ist die Berliner Polizei im vorigen Jahr ausgerückt, um einzuschreiten, weil Männer auf ihre Frauen eingeschlagen oder getreten haben. Drei Morde und drei Mordversuche waren im Jahr 2011 die Folge dieser häuslichen Gewalt. Und die Polizeistatistik weiß noch von einem Totschlag und fünf versuchten Fällen die Ehefrau zu töten. Diesmal sprechen die Umstände dafür, dass es mehr ist als das. „Er hat sie regelrecht geschlachtet.“

Sehen Sie hier Bilder zu dem Fall:

Mord an Ehefrau: Gedenkveranstaltung in Kreuzberg
"Frauen, habt Mut, holt Euch Hilfe!" Nach dem grausamen Mord an einer Frau in Kreuzberg findet am Dienstagabend eine Mahnwache am Tatort statt.Weitere Bilder anzeigen
1 von 19Foto: Kai-Uwe Heinrich
05.06.2012 21:16"Frauen, habt Mut, holt Euch Hilfe!" Nach dem grausamen Mord an einer Frau in Kreuzberg findet am Dienstagabend eine Mahnwache am...

So drückt es eine Nachbarin aus, die das Verbrechen mit ansehen musste, weil sie vom Lärm wach geworden war. Auf der Dachterrasse im fünften Stock des Wohnblocks in der Köthener Straße in Berlin-Kreuzberg stand Orhan S. und wetzte zwei Messer. Nachbarn konnten es sehen. Was dann geschah, fand außerhalb ihres Blickfeldes statt. Seiner Frau, die er zuvor getreten und geschlagen hatte, schnitt er den Kopf ab. Der flog hinunter in den Innenhof. Orhan S. trennte sogar noch weitere Körperteile von der Leiche ab und warf sie teilweise ebenfalls vom Dach, wie Ermittler berichten.

Er machte das wahr, was er, wenn man den Nachbarn glaubt, schon zwei Tage zuvor angekündigt hatte. Und auch deshalb stehen die Familien des Wohnblocks am Morgen, Stunden nach der Tat, im Hof zusammen und versuchen, das Unbegreifliche zu verstehen, während ihre Kinder hinter Fenstern und Haustüren hervorlugen. Viel wissen die Nachbarn eigentlich nicht über den Mann. Er ist Kurde, soll in der Bauwirtschaft tätig sein. In seiner Polizeiakte finden sich nur mehrere kleine Delikte: Verkehrsverstöße, ein Drogenverfahren aus dem Jahr 2004, eine fahrlässige Körperverletzung und Verstöße gegen das Ausländerrecht.

Die Anwohner erzählen, dass er noch zwei weitere Kinder mit einer anderen Frau hat, einer Iranerin. Dass es zwischen dem Ehepaar häufiger lautstarken Streit gab und dass Orhan S. seine Frau oft verprügelte, haben einige Nachbarn im Wohnblock mitbekommen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

15 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben