Berlin : Mudd-Club: Von Soho nach Mitte

Guido Schirmeyer

Keith Haring war hier zu seinen Lebzeiten Türsteher, Jean-Paul Basquiat Booker und Madonna machte das Liftgirl. Calvin Klein zeigte seine erste Kollektion und Jim Jarmush Super-8-Material, lange bevor sein erster Film in die Kinos kam. Der Mudd-Club im New Yorker Stadtteil Soho war der Ur-Sumpf des Underground. Jetzt soll er wieder erstehen, nicht in Manhattan, nicht in Amerkia, sondern Downtown Berlin. In einer Katakombe in Mitte, einem historischen Weinkeller, bastelt das New Yorker Club-Urgestein Steve Mass an einer neuen Spielwiese für junge Berliner Avantgardekünstler. Interessante Clubveranstalter will Mass in seinen Keller zu ziehen. Heute zieht der Szenemagnet "Kunst & Technik" mit seiner neuen Partyreihe unter dem avantgardistischen Namen ":blank" in den Mudd-Club ein. Los geht es ab 22 Uhr. Boulevard Berlin:
Was die Stadt bewegt... Der New York Times war die Wiedergeburt des Mudd-Clubs eine Titelgeschichte wert. "Die Rückkehr der Achtziger" schrieb das Blatt und erinnerte an die großen alten Zeiten in Soho, auch, weil der Mudd-Club früher Brutstätte vieler Modetrends war. Inzwischen ist Club-Chef Steve Mass Ostalgiker und sammelt in dem Keller DDR-Devotionalien; sein Szenepublikum will er mit Berliner Pilsener abfüllen, weil auch "Andy Warhol auf die Etiketten abfahren würde". Der Subkultur-Dandy mit dem nappaledernen Beatnikhütchen möchte wie einst experimentelle Musiker, Modemacher, Maler, Filmemacher in seinen Keller in der Großen Hamburger straße 17 locken.

In der Katakombe musste das Mittelalterlokal "Excalibur" aufgeben. Gothic-Freaks rennen dem Mudd-Club-Betreiber schon die Bude ein, während große Teile der Tanzszene noch immer das Cookies ansteuern. Vor zwanzig Jahren, nannte die New Yorker "Downtown Scene" ihren Herbergsvater "Dr. Mudd" - nach dem Arzt Samuel Alex Mudd, der den Attentäter John Wilkes Booth behandelte, nachdem dieser Präsident Lincoln erschossen hatte. "Baader und Meinhof waren für uns seinerzeit inspirierend", sagt Dr. Mudd im Rückblick und schüttelt den Kopf über die Posse um Außenminister Joschka Fischer.

Szene-Häuptlinge zu Gast

Love-Parade-Häuptling Dr. Motte stattete dem amerikanischen Stammesführer bereits einen Besuch ab, die "Trompete"-Wirte Dimitri Hegemann und Ben Becker inspizierten die Höhle, Künstler der Szene-Kuratorin Danielle de Picciotto, Mauermaler Kiddy Citny und Dead Chicken Breeda C.C. zeigten zum Galerie-Rundgang Club-Kunst, und der italienische Schlagzeuger Nico hat in der Katakombe aufregende, eklektizistische Electronic-Jazz-Sessions an den Start gebracht, die an die Asphaltdschungel-Soundtracks von John Zorn oder Bill Laswell erinnern.

Die legendäre Nico aus Berlin, die im Mudd-Club (1978 bis 1984) mit den einstigen Velvet-Underground-Musikern sang und längst auf dem Grunewalder Selbstmörder-Friedhof ruht, war nur eine aus dem Schwarm der Club-Ikonen. Der John-Cale-Freund "Dr. Mudd", der mit Brian Eno ein Loft teilte, erinnert sich: "Nico kam nach ihrem brillianten Auftritt rauf in mein Büro und sah plötzlich aus wie ein Wrack. Sie brauchte Geld für den nächsten Schuss. Den besorgte sie sich an so einem miesen Platz, gegen den Euer Kotti ein Spielplatz ist. Bei uns haben wir Dutzende von Kottis. Tragisch." Viele der Helden des Mudd-Clubs, jenem künstlerischen Drogenpfuhl und Hexenkessel in der Gegend von Tribeca unterhalb der Canal Street, leben längst nicht mehr. Klaus Nomi ist gestorben; er gehörte wie Nina Hagen zu den deutschen Artisten, jener deutschen Kolonie in New York, die den Mudd-Club zu ihrem Hang Out auserkoren hatten.

"Irgendwann standen Penck und Fetting vor meiner Tür. Kathy Acker und Lydia Lunch lasen erste Texte. Blondie sang." Die Sex Pistols schockierten uns Amis mit Hammer und Sichel an ihren Plateaustiefelabsätzen." Dr. Mudd schwelgt in Erinnerungen. Installationskünstlerin Colette, die einen Salon im Grunewalder Löwenpalais zeigt, leistete im Mudd-Club stilistische Pionierarbeit. "Caroline von Monaco wagte sich mit Caroline Bouquet in unseren Club. Undenkbar für US-Verhältnisse, dass sich Mitglieder der Gesellschaft in so einen Nachtclub trauten. Die Europäer waren da hemmungsloser." Die Zeiten ändern sich: In Berlin ließ sich Peter Radunski als Kultursenator "I.M. Eimer" blicken und unsere Finanz- und Wirtschaftskapitäne tanzen in den Szenediskos auf den Tischen. Jenny Holzer ist quasi vom Mudd-Club in die Berliner Nationalgalerie aufgestiegen.

Für Steve Mass, diesen Ingenieur der Subkultur, ist all das Vergangenheit, über die er sich lieber ausschweigt. "Bloß keine Nostalgie aufkochen". Seine Stammgäste hießen Lou Reed, David Bowie und Iggy Pop. Und über Basquiat, der sich als Gelegenheits-Stricher sein Zubrot verdiente, sang Frank Zappa in seinem "Mudd Club"-Song auf dem "Thingfish-Album": "In schwerem Leder, schwarzen Sackkleidern und auf zwanzig Zentimeter hohen Absätzen schneit ein Typ mit blauem Irokesen-Schnitt herein..."

Szene-Kindergarten

Gegen den Mudd-Club war Berlins "Dschungel" ein Kindergarten, dennoch annähernd ein Pendant, ein Club-Universum mit eigenen Helden. Mudd-Manager Steve Mass, den jetzt die Liebe nach Berlin getrieben hat, war bemüht, den Sex auf seinen Transgender-Toiletten, die heute im Cookies der Knaller sind, etwas einzuschränken, obwohl Andy Warhol ganz glücklich darüber war. Er hatte nach der legendären Glitzer-Disco "Studio 54" endlich einen Sumpf gefunden, den er schätze und liebte: den "Mudd-Club".

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