Berlin : Musik im Herzen

Nach 52 Jahren traf sich ein im Krieg getrenntes Paar wieder

Viola Volland

Horst Prentki kommt jetzt wieder gern nach Deutschland. Als 18-Jähriger war der jüdische Musiker 1940 mit seinen Eltern nach Uruguay geflohen. Seine Jugendliebe Gisela Scheel, ebenfalls Jüdin, ließ er zurück. Jahrzehntelang wussten beide nichts von Verbleib des anderen, dann fanden sie sich wieder – in Berlin.

Jetzt sitzen sie friedlich nebeneinander auf dem Sofa, Horst Prentki spielt Gisela Jacobius, geborene Scheel, auf der Klarinette vor. Die Musik war es auch, die das zerrissene Liebespaar wieder zusammenführte. Vor fast elf Jahren organisierte die Akademie der Künste ein Konzert mit Prentki. Gisela Jacobius erfuhr davon durch Zufall in der Zeitung. „Ich gab der Akademie meine Adresse, und am 1. März 1992 klingelte das Telefon“, erzählt die 79-Jährige. Am Rathaus Steglitz trafen die beiden sich wieder – zum ersten Mal seit 52 Jahren, in denen sie nicht einmal wussten, ob der andere den Holocaust überlebt hatte oder nicht. Seit ihrem Wiedersehen kommt der Klarinettist jedes Jahr für ein paar Monate in seine Heimatstadt. Mit im Gepäck hat er immer einen großen Stapel Notenblätter. Die lagern dann bei Frau Jacobius im Wohnzimmer. Sie managt auch seine Konzertauftritte in Deutschland. Diesen Dienstag- und Mittwochabend spielt der mittlerweile 80-jährige Prentki im Jüdischen Museum. In der szenischen Lesung „Die Straßen komme ich entlanggeweht“ versuchen Studierende der Universität der Künste, die Geschichte lebendig zu machen, eine Geschichte, die von Flucht und Wanderungen geprägt ist: die Geschichte der europäischen Juden.

Horst Prentki weiß genau, was es heißt, ein Fremder zu sein. Er konnte kein Wort Spanisch, als er in Uruguay ankam. Mit Auftritten in Bars schlug er sich durch, spielte dann in Radio-Orchestern und in den zwei städtischen Symphonieorchestern Montevideos. Er begleitet die Lesung auf der Klarinette.

Die Musik war es auch, die 1940 die Romanze stiftete. Gisela Scheel und Horst Prentki lernten sich nämlich in einer Konzertpause im Berliner Jüdischen Kulturbund kennen. Prentki war die Erste Klarinette des Orchesters. „Wir haben mit dem Fahrrad Ausflüge in die Berliner Umgebung gemacht, ich spielte für sie auf der Klarinette“, erinnert er sich an die damalige Zeit. Der Musiker hatte noch aus Uruguay versucht, Gisela zu sich zu holen, doch es war zu spät. Die Grenzen waren da schon dicht. „Wir hätten bestimmt geheiratet“, sagt Prentki heute und schaut versonnen neben sich auf Gisela. „Ich war ein wenig geschockt, ich hatte ihn nicht so klein in Erinnerung“, sagt sie in Erinnerung an das späte Wiedersehen. Heute seien die beiden „sehr gute Freunde“.

„Die Straßen komme ich entlanggeweht. Szenen und Texte über die Ankunft“, Jüdisches Museum, 20 Uhr. Karten kosten 12 Euro (8 Euro ermäßigt). Wiederholung: Mittwoch, 22. Januar.

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