Mykonos-Attentat : Auftragsmord in Wilmersdorf

Die Gästeliste ist streng geheim. Doch die Killer wissen Bescheid. Am 17. September 1992 stürmen sie ins Restaurant Mykonos und erschießen vier kurdische Aktivisten. Im Prozess wird klar: Die Fäden zog Irans Geheimdienst.

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Beim Prozess müssen Kameraleute draußen bleiben, aus Sicherheitsgründen dürfen weder die Bundesanwälte noch die Richter fotografiert werden.
Beim Prozess müssen Kameraleute draußen bleiben, aus Sicherheitsgründen dürfen weder die Bundesanwälte noch die Richter...Foto: Mrotzkowski

Wilmersdorf im September. Mütter schieben Kinderwagen durch die Prager Straße. Links ein Baugerüst, rechts ein Restaurant. Zwei Fahrräder lehnen an der Fassade. Auf einem Zettel steht, das Restaurant habe leider schließen müssen.

Genau hier stand vor 20 Jahren der Pressefotograf Wolfgang Mrotzkowski und schaute durch das Fenster nach drinnen. Seine Aufnahme mit den toten Männern, den dunklen Blutflecken und den weißen Papierstößen ging um die Welt. Vier Leichen lagen am 17. September 1992 im Hinterzimmer. Das Restaurant an der Prager Straße hieß damals „Mykonos“, und unter diesem Namen ist der dreieinhalb Jahre und 246 Verhandlungstage währende Prozess in die deutsche Rechtsgeschichte eingegangen.

Zur Verhandlung stand ein Fall von Staatsterrorismus. Auf der Anklagebank saßen die Killer, im Geiste aber auch Außenminister, Staatspräsident und der religiöse Führer der Islamischen Republik Iran. Das Berliner Kammergericht verhängte zweimal lebenslänglich und zwei weitere langjährige Haftstrafen. Doch als Auftraggeber des Massakers wurde in der Urteilsbegründung ausdrücklich der iranische Geheimdienstchef Ali Fallahian genannt. Damit geriet der Prozess für Bonn, der Regierungsumzug war beschlossen, hatte aber noch nicht begonnen, zu einer peinlichen Angelegenheit. Denn eben jener Fallahian war ein bevorzugter Gesprächspartner der Bundesregierung.

Die Geschichte des Mykonos-Attentats beginnt im April 1992. Der iranische Geheimdienst bringt in Erfahrung, dass die Sozialistische Internationale, der auch die SPD angehört, im September in Berlin einen Kongress abhalten und dazu eine kurdische Delegation einladen will. Die Kurden im Iran hatten nach der islamischen Revolution 1979 vergeblich auf Autonomie gehofft. Die Mullahs wollten nichts wissen von einem föderalen Staat und ließen die kurdischen Dörfer bombardieren.

Seitdem kämpfen die Kurden in der Illegalität und im Exil für ihre Sache. Ihr politischer Arm ist die Demokratische Partei Kurdistan-Iran. Auf dem streng geheimen Teil der Gästeliste für den Berliner Kongress im Herbst 1992 steht auch Sadegh Charafkandi, Generalsekretär der Partei. Charafkandi lebt unter falschem Namen an ständig wechselnden Orten. Seinen Vorgänger hat das iranische Regime drei Jahre zuvor in Wien exekutieren lassen.

Die geplante Berlin-Reise des Staatsfeindes Charafkandi wird in Teheran mit großem Interesse aufgenommen. Mit der Bundesregierung können die Mullahs gut – so gut, dass sie keine ernsthafte Strafverfolgung fürchten. In Bonn regieren CDU und FDP, zum Unwillen der USA hat sich Außenminister Klaus Kinkel verliebt in die Idee des „kritischen Dialogs“, mit dem er die Machthaber in Teheran zur Achtung der Menschenrechte bewegen will.

Mit der Planung des Attentats betraut der Geheimdienst Kazem Darabi, den Berliner Statthalter der islamischen Revolutionsbewegung Hisbollah. Darabi lebt seit 1983 in Berlin und widmet sich eher lustlos einem Bauingenieursstudium. Hauptberuflich späht er Gegner des Teheraner Regimes aus. Der britische Geheimdienst bezeichnet ihn 1991 als „höchst gefährlich“. Im Februar 1992 drängt der Bundesnachrichtendienst Berlins Verfassungsschutz auf eine Telefonüberwachung Darabis. Innensenator Dieter Heckelmann aber misst der Angelegenheit keine größere Bedeutung zu. Erst elf Tage nach dem Attentat findet sich ein Dolmetscher, der Darabis auf Farsi (Persisch) geführte Telefonate übersetzen kann. „Es hat keine konkreten Hinweise gegeben auf einen Anschlag. Man kann sich also nichts vorwerfen“, sagt Heckelmann später vor dem Mykonos-Untersuchungsausschuss aus.

In aller Ruhe kann Darabi seinen Plan ausarbeiten, zur Zufriedenheit seiner Auftraggeber. Am 30. August 1992 verkündet der iranische Geheimdienstchef Fallahian in einer Fernsehansprache: „Uns ist es gelungen, die zentralen Organisationen dieser Kleingruppen zu infiltrieren und die meisten ihrer Mitglieder zu verhaften. Wir verfolgen sie jetzt und beobachten sie ständig außerhalb des Landes.“ Mit diesen Zitaten wird die Bundesanwaltschaft später beim Mykonos-Prozess den Vorwurf belegen, Teheran plane die „Liquidierung der Führung der DKP-I“.

Charafkandi und seine Vertrauten reisen aus Sicherheitsgründen unter falschen Namen nach Berlin. Der 17. September ist ein Donnerstag. Der Kongress ist am Nachmittag zu Ende gegangen, am Abend wollen die Kurden ihr künftiges Vorgehen abstimmen. Dazu kommt gegen 22 Uhr ein ausgewählter Kreis von acht Männern im Restaurant Mykonos zusammen. Zu ihnen gehören neben dem Generalsekretär Sadegh Charafkandi noch die Repräsentanten der Partei in Deutschland und Frankreich. Als Übersetzer dient ein iranischer Sozialarbeiter aus Schöneberg.

Keiner dieser vier Männer wird den 17. September 1992 überleben.

Das „Mykonos“ hat bis vor kurzem einem Griechen gehört. Jetzt wird es von einem Exil-Iraner unter dem alten Namen betrieben. Den auf Konspiration bedachten Männern ist das ganz recht. Wer rechnet schon mit kurdischen Dissidenten in einem griechischen Restaurant?

Einer im Kreis der acht Männer im Mykonos muss ein Verräter sein.

Am späten Abend erreicht ein Anruf die von Darabi gemietete konspirative Wohnung am Senftenberger Ring im Märkischen Viertel. Es ist das Zeichen für das Killerkommando. Zur Ausführung des Massakers hat Darabi vier Libanesen ausgewählt und einen Iraner mit dem Decknamen „Sharif“, der bis heute flüchtig ist.

Über die leere Stadtautobahn machen sich die Mörder auf den Weg nach Wilmersdorf. Um 22.54 Uhr betreten sie das Restaurant. Sie wissen genau, wo ihre Opfer sitzen. Sharif hat eine Maschinenpistole Marke „Uzi“ im Anschlag, der Libanese Abbas Rhayel eine halbautomatische „Llama Especiale“. Beim Betreten des Hinterzimmers brüllt Sharif auf Farsi: „Ihr Hurensöhne!“ Dann bricht das Inferno los. 26 Schüsse in zehn Sekunden, Schalldämpfer schlucken das Stakkato.

Am Tag danach schildert ein Überlebender im Gespräch mit dem Tagesspiegel, was sich im Restaurant Mykonos abgespielt hat: „Plötzlich kamen zwei Männer in den Raum. Sie standen hinter meinem Rücken, ich blickte mich um, sah ihre Masken. Einer hielt eine Maschinenpistole in der Hand, die mit einem Tuch verdeckt war. Sofort warf ich mich unter den Tisch, da gab er schon wahllos auf uns alle drei Feuerstöße ab.“ Für Charafkandi, den dolmetschenden Sozialarbeiter und einen der kurdischen Parteiführer kommt jede Hilfe zu spät. Der andere, der zunächst schwer verletzt überlebt, wird von Rhayel mit einem regelrechten Fangschuss hingerichtet.

Wolfgang Mrotzkowski ist als einer der ersten Fotografen am Tatort. Er wohnt nicht weit entfernt am Bayerischen Platz und kommt zu Fuß. Noch 20 Jahre später hat er das Chaos in der sonst so ruhigen Prager Straße vor Augen. „Polizei, Spurensicherung, Feuerwehr – alle waren da.“ Das Restaurant ist abgesperrt, doch die Fotografen dürfen vor bis an das große Fenster, die Tür zum Hinterzimmer steht offen. Wolfgang Mrotzkowski macht seine Aufnahmen.

Noch bevor das berühmte Foto mit den toten Männern, den dunklen Blutflecken und den weißen Papierstößen um die Welt geht, fliegt der Chefplaner Darabi zur Berichterstattung nach Teheran. Er fühlt sich so sicher, dass er nach ein paar Tagen nach Berlin zurückkehrt. Aber das von ihm zusammengestellte Kommando hat sein Mordwerk nachlässig verrichtet. Schnell werden in der Nähe des Tatorts die Waffen gefunden: Der Weg der halbautomatischen „Llama Especiale“ lässt sich über die Seriennummer nach Teheran zurückverfolgen. Am 2. Oktober werden zwei Attentäter mit gefälschten Papieren festgenommen, sechs Tage später erwischt die Polizei Darabi in Berlin.

Die um ihren „kritischen Dialog“ besorgte Bundesregierung scheint an einer Aufklärung zunächst nicht besonders interessiert zu sein. Obwohl durch Telefonprotokolle, V-Männer und abgehörte Funksprüche schnell klar ist, dass der iranische Geheimdienst die Fäden zog, wird dessen Chef Fallahian noch im Oktober 1993 in Bonn empfangen. Mehrmals wird er im Kanzleramt vorstellig und drängt darauf, den Prozess zu verhindern. Die Bundesanwaltschaft aber lässt nicht locker, und im Hintergrund macht Washington Druck. Im März 1996 wird Fallahian zur Fahndung ausgeschrieben.

Als Kronzeuge hat Irans früherer Staatspräsident Banisadr einen spektakulären Auftritt vor dem Kammergericht. Er vermittelt den Kontakt zu einem Überläufer aus dem iranischen Geheimdienst, im Prozess wird er aus Sicherheitsgründen als „Quelle C“ geführt. „Quelle C“ zeichnet ein detailliertes Bild von der Verwicklung der iranischen Führung. Demnach kam der Befehl zum Mykonos-Attentat von einem Expertenrat, bestehend aus Staatspräsident, Religiösem Führer, Außenminister und Geheimdienstchef. Für die Glaubwürdigkeit des Zeugen spricht, dass er den Richtern das Codewort zur Durchführung des Attentats nennt: „Fardschad Bozorg Allawi“. Einen gleichlautenden Funkspruch hatte der Verfassungsschutz aus der iranischen Botschaft abgefangen.

Am 10. April 1997 spricht das Berliner Kammergericht unter Vorsitz von Richter Frithjof Kubsch das Urteil. Für Darabi und Rhayel lautet es lebenslänglich. Spektakulärer ist, was Richter Kubsch in der Begründung des Urteils anführt: „Durch das Ergebnis der Beweiserhebung ist offenbar geworden, dass iranische Machthaber terroristische Anschläge im Ausland nicht nur billigen und ihren Tätern unverständlicherweise Ehrungen zukommen lassen, sondern dass sie selbst solche Anschläge gegen Menschen ins Werk setzen, die ihnen allein wegen der politischen Einstellung missliebig geworden sind. Ihre politischen Gegner lassen sie um der reinen Machterhaltung liquidieren.“

Am Tag der Urteilsverkündung wird das Moabiter Gerichtsgebäude weiträumig gesichert. Richter Kubsch und seine Kollegen vom 1. Strafsenat tauchen noch am selben Tag unter. Die Bundesrepublik beruft ihren Botschafter aus Teheran ab und weist vier mutmaßliche iranische Agenten aus. Demonstranten ziehen durch Teheran und brüllen: „Nieder mit dem faschistischen deutschen System!“

Seit 2004 erinnert eine Tafel in der Prager Straße an das Mykonos-Attentat. Die Tafel nennt die Opfer und schließt mit dem Zusatz: „ermordet durch die damaligen Machthaber im Iran“.

Die Haupttäter Kazem Darabi und Abbas Rhayel werden im Dezember 2007 in den Iran und den Libanon abgeschoben. Wolfgang Mrotzkowski wohnt immer noch am Bayerischen Platz und geht öfter dort vorbei, wo er vor 20 Jahren Weltgeschichte fotografiert hat. Ein paar Mal war er auch in dem Restaurant, das früher „Mykonos“ hieß. „Sehr gutes Essen. Schade, dass es schließen musste.“

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