Mykonos-Attentat : Exil-Iraner fühlen sich schutzlos in Berlin

Iraner in Berlin reagieren empört auf die Abschiebung der Mykonos-Attentäter nach Teheran. Sie würden in Iran bald in hohe Staatsämter befördert und wie Helden verehrt, befürchten sie. Einer kündigte bereits an, ein Buch veröffentlichen zu wollen.

Thomas Loy
Mykonos
Ort des Anschlags: Im Restaurant Mykonos in Wilmersdorf wurden 1992 drei kurdische Politiker und ein Dolmetscher ermordet. -Foto: dpa

Die Wunde bricht wieder auf. Schohreh Baddi, Witwe des Exil-Iraners Nouri Dehkordi, kann nicht verstehen, dass die Mörder ihres Mannes acht Jahre Haft geschenkt bekommen und ausreisen dürfen. „Wir fühlen uns ausgeliefert und im Stich gelassen.“ 15 Jahre nach dem blutigen Attentat auf vier kurdisch-iranische Oppositionelle im Wilmersdorfer Lokal „Mykonos“ ist das Gefühl wieder da, schutzlos zu sein vor einem Regime, das Terror und Hass verbreitet. Im Mykonos-Prozess hatten die Richter beweiskräftig festgestellt, dass die Drahtzieher in Teheran sitzen.

Die vorzeitige Haftentlassung und Abschiebung der verurteilten Haupttäter des Anschlags von 1992 haben in der iranischen Gemeinde in Berlin Empörung und Enttäuschung ausgelöst. Die Iraner, die überwiegend gut integriert sind, fühlen sich von der Bundesregierung allein gelassen. „Es ist sinnlos, in Afghanistan gegen den Terrorismus zu kämpfen und gleichzeitig Terroristen freizulassen“, sagt Haci Cundi, Vertreter der Demokratischen Partei Kurdistans, deren führende Köpfe 1992 getötet wurden.

Hamid Nowzari, Vorsitzender des Vereins Iranischer Flüchtlinge, spricht von einem „falschen Signal“. Wenn „Mörder wieder in die Hände der Auftraggeber zurückgegeben werden, ist das eine Verhöhnung der Opfer“. Der in den Iran ausgeflogene Attentäter Kazem Darabi werde sicher bald in hohe Staatsämter befördert und wie ein Held verehrt, vermutet Nowzari. Seine Freilassung war in den staatlichen Nachrichten des Irans die Topmeldung. Jetzt will der Ex-Terrorist sogar ein Buch schreiben, meldet die iranische Nachrichtenagentur Irna. Er kenne Darabi gut, sagt Nowzari, habe mit ihm zusammen an der Technischen Fachhochschule in Berlin studiert und im Prozess gegen ihn ausgesagt. Er fühle sich dennoch sicher, sagt Nowzari. „Ich rechne damit, dass ich beobachtet werde. Es gibt aber keine konkreten Hinweise.“

Die Geheimdienstaktivitäten Irans haben sich nach Meinung Nowzaris in den letzten Jahren verstärkt. Am Rande der Grünen Woche im Februar hätten iranische Agenten massiv Druck auf Berliner Landsleute ausgeübt. Iranische Vereine in Berlin sollten unterwandert werden, um die Opposition zu schwächen. Javad Dabiran vom „Nationalen Widerstandsrat Iran“ beobachtet eine neue Strategie. „Früher wurden die Agenten von der Iranischen Botschaft aus aktiv, heute geht das über Tarnfirmen und -vereine.“ Dabiran befürchtet, dass die Arbeit der Opposition nach der Abschiebung der Attentäter wieder gefährlicher wird.

Die Staatsanwälte, die den Mykonos-Prozess gegen Widerstand der damaligen Bundesregierung zum Erfolg führten, dürfen sich nicht äußern. Bislang redet allein der ehemalige Berliner Justizsenator und Grünen-Politiker Wolfgang Wieland Tacheles. Die Abschiebung könne von den Mullahs als „Kapitulation des deutschen Staates“ gefeiert werden, sagte Wieland der rbb-Abendschau.

Der Anschlag kam einer Exekution gleich: Am 17. September 1992, kurz vor Mitternacht, stürmen drei vermummte Männer das Lokal „Mykonos“ in der Prager Straße in Wilmersdorf. Sie laufen ins Hinterzimmer, rufen auf Persisch „Ihr Hundesöhne!“ und beginnen zu schießen. Die Opfer werden mit Kugeln durchsiebt.

Weil die Mörder gar nicht versuchen, ihre Spuren zu verwischen, werden sie schnell entdeckt. Im Prozess kommt es zu diplomatischen Verwicklungen. Die Bundesregierung fürchtet um ihren Einfluss im Iran und drängt darauf, die Hinweise auf „Staatsterrorismus“ nicht weiter zu verfolgen, doch die Richter machen unbeirrt weiter. Die Sicherheitsvorkehrungen werden massiv aufgestockt für Richter und Zeugen. Im April 1997 fällt das Urteil mit langen Haftstrafen für vier Attentäter. Für die Angehörigen der Opfer eine moralische Genugtuung. Eine finanzielle Entschädigung haben sie bis heute nicht erhalten. Schohreh Baddi hätte sich zumindest einen Brief vom Bundespräsidenten gewünscht, der ihrer Familie erklärt, warum Mörder abgeschoben werden. Einen Trostbrief, damit sie den Glauben an die deutsche Demokratie nicht verliert.

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