• Nach antisemitischem Angriff: Brennpunkt Dürerplatz: "Wir sind nicht ausländerfeindlich"
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Nach antisemitischem Angriff : Brennpunkt Dürerplatz: "Wir sind nicht ausländerfeindlich"

Wenige Tage nach der brutalen antisemitischen Attacke auf einen Rabbiner wehrt man sich im Friedenauer Malerviertel gegen pauschale Schuldzuweisungen. Doch nur wenige Meter entfernt gibt es schon seit Jahren viele Probleme - am Sonntag soll es eine Protestaktion geben.

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Idylle mit Schattenseiten. Grüne Straßenzüge, gepflegte Vorgärten. Im Friedenauer Malerviertel geht es beschaulich zu. Doch der Angriff auf einen Rabbiner hat die Anwohner aufgeschreckt. Und die Aufmerksamkeit für soziale Probleme im Kiez geschärft.
Idylle mit Schattenseiten. Grüne Straßenzüge, gepflegte Vorgärten. Im Friedenauer Malerviertel geht es beschaulich zu. Doch der...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Im Blumenladen in der Cranachstraße lässt sich ein evangelischer Pfarrer einen großen Strauß zusammenstellen. „Für den Rabbi“, erklärt er. Die Blumenfrau nickt. „Er ist nicht der Erste“, sagt sie dann: „Einige haben schon Blumen gekauft und gefragt, wo der Rabbi wohnt.“

Der Rabbiner heißt Daniel Alter, wohnt in der Beckerstraße um die Ecke und ist erst am Freitagmorgen aus dem Krankenhaus nach Hause gekommen. Am Dienstag gegen 18 Uhr haben mehrere junge Männer ihn und seine siebenjährige Tochter vor der Haustür angegriffen – nachdem er sagte, dass er Jude ist.

Die Polizei vermutet, dass die Täter arabischer Herkunft sind. Sie haben dem Rabbiner das Jochbein gebrochen und den Kiez aufgerüttelt: Im Supermarkt am S-Bahnhof, in den Kneipen, Restaurants, Friseurläden und Geschäften – überall wird über die antisemitische Attacke gesprochen. Die Beckerstraße liegt im gutbürgerlichen Friedenauer Malerviertel, der wenige Meter entfernte Dürerplatz gilt aber seit Jahren als sozialer Brennpunkt. Und während die einen erstaunt sind, weil die Gegend hier „doch total ruhig und friedlich“ sei, meinen andere, dass sie der Vorfall nicht überrasche.

„Seit die Araber hier wohnen, kann man abends nicht mehr auf den Platz gehen“, sagt ein Anwohner, der seinen Namen nicht nennen will: „Deren Kinder wachsen auf der Straße auf, sind einfach nicht erzogen. Die spielen hier Fußball ohne Rücksicht auf andere Menschen. Und sie treten frech und anmaßend auf.“

Eine andere Anwohnerin ärgert sich über solche Pauschalverurteilungen. „Noch steht überhaupt nicht fest, ob die Täter aus dem Kiez waren“, sagt sie. Und erzählt von den vielen Menschen, die sich seit Jahren um ein besseres nachbarschaftliches Miteinander am Dürerplatz bemühen. „Dazu gehören übrigens auch einige Bewohner aus dem Kinderhaus“.

Das „Kinderhaus“ mit seinen hell- und dunkelblauen Balkons hat seinen Namen dem zahlreichen Nachwuchs seiner Bewohner zu verdanken. Auf den Türschildern stehen vor allem arabische Namen, die engagierte Anwohnerin erzählt, dass viele Frauen inzwischen bei Straßenfesten mitmachen, dass sie Essen kochen oder beim Schmücken des Weihnachtsbaums helfen. Natürlich sei die Situation nicht einfach – nicht umsonst gibt es seit Jahren eine enge Vernetzung zwischen Anwohnern, Jugendamt, Wohnungsaufsicht, Polizei, Schulen und Jugendeinrichtungen. Einige dieser Jugendeinrichtungen, unter anderem der Verein Gangway, der Straßensozialarbeit macht, hatten am gestrigen Freitag zu einem Integrationsfest unter dem Thema „Fremd sein – zu Fremden gemacht – sich fremd fühlen“ aufgerufen.

Das Fest war schon länger geplant, aber nach dem Überfall auf den Rabbiner erhielt es eine besondere Bedeutung. Nicht nur der Bezirksstadtrat für Jugend und Ordnung, Oliver Schworck (SPD) verurteilte die Tat, auch viele Araber hielten mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg. „So etwas ist mies“, sagt eine 17-jährige Schülerin: „Das hätte mir genauso passieren können, weil ich ein Kopftuch trage und als Muslima erkennbar bin“.

Am morgigen Sonntag um 12 Uhr soll es dann auf dem nahe gelegenen Grazer Platz eine Protestaktion gegen den feigen Überfall geben, dazu aufgerufen haben unter anderem die SPD Friedenau und die evangelische Philippus-Nathanael-Gemeinde. Deren Mitglieder sind sozial stark engagiert und betreiben den einzigen Diakonie-Laden Berlins um die Ecke an der Rubensstraße 87. Gemeinderatsmitglied Klaus Michael Puls erzählt von „unangenehmen Szenen“, wenn er nachmittags das Gemeindehaus verlässt und an der gegenüberliegenden Bushaltestelle vorbeigeht: 14- bis 16-jährige arabische Jugendliche bauen sich vor ihm auf, reden „laut abfällig über Kirche und Christentum“. Sie sind auf dem Heimweg, besuchen die Peter-Paul-Rubens-Gemeinschaftsschule am Grazer Platz.

Solche Auftritte sind im Kiez keine Einzelfälle mehr. „Das ist belastend“, sagen Anwohner und versichern zugleich: „Wir sind deshalb nicht ausländerfeindlich.“ So sieht es auch die Friedenauer Verlegerin Evelyn Weissberg. Seit 13 Jahren lebt sie in der Rembrandtstraße, gibt dort Bücher über die Geschichte des Ortsteils heraus. So wohnte die Sozialistin Rosa Luxemburg damals noch mit Dienstmädchen in der Cranachstraße, bekam hier angeblich sogar Besuch von Lenin. Und Schauspielerin Lilian Harvey war in den 20er Jahren als Abiturientin nur ein paar Häuser weiter zu Hause.

„Fremde gab es in Friedenau schon immer“, sagt ein Einzelhändler am Dürerplatz. der keine Probleme mit arabischen Jugendlichen hat. Aber er beobachte immer öfter, dass viele von ihnen schnell aggressiv reagierten, sagt er: „Vielleicht, weil sie wissen, dass sie keine Perspektive haben. Das rechtfertigt keine Gewalt. Aber es erklärt manches.“

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