• Nach dem Anschlag am Breitscheidplatz: Petition für Ehrung des polnischen Fahrers ausgesetzt

Nach dem Anschlag am Breitscheidplatz : Petition für Ehrung des polnischen Fahrers ausgesetzt

Er war das erste Opfer des Attentäters - konnte aber wohl kaum Schlimmeres verhindern. Genaueres weiß man noch immer nicht.

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Erstes Opfer. Ob Lukasz Urban ein Held war, der möglicherweise vielen Menschen das Leben gerettet hat, ist unwahrscheinlich.
Erstes Opfer. Ob Lukasz Urban ein Held war, der möglicherweise vielen Menschen das Leben gerettet hat, ist unwahrscheinlich.Foto: dpa

Die Online-Petition, die eine Ehrung des polnischen Lkw-Fahrers Lukasz Urban fordert, ist jetzt von der Initiatorin Constanze Stelzenmüller geschlossen worden. Sie hatte kurz nach dem Berliner Terroranschlag vom 19. Dezember 2016 auf der Internet-Plattform Change.org gefordert, dass Urban mit dem Bundessverdienstkreuz geehrt werden sollte. Der 37-jährige Familienvater war wahrscheinlich das erste Opfer des Attentäters. Er wurde mit einem tödlichen Kopfschuss in der Fahrerkabine seines Lkw aufgefunden.

Kopfschuss und Messerstiche

Erste Ermittlungen hatten die Vermutung genährt, dass Urban dem Attentäter ins Lenkrad gegriffen hätte, um Schlimmeres zu verhindern. Der Terrorist sollte mit einem Messer auf Urban eingestochen und ihm in den Kopf geschossen haben, als das Fahrzeug zum Stehen kam. Damit erklärte man sich zunächst, dass der Lkw nach links auf die Budapester Straße ausbrach, wo er dann stehenblieb.

Inzwischen hat sich Medienberichten zufolge herausgestellt, dass Lukasz Urban schon seit mehreren Stunden tot war, als der mutmaßliche Täter Anis Amri mit dem LKW auf den Breitscheidplatz fuhr. Nach einem anderen Bericht war es nicht sein Eingreifen, sondern ein automatisches Bremssystem, welches verhinderte, dass der LKW noch viel mehr Menschen in den Tod riss.

Noch keine offizielle Bestätigung

Zwar gebe es für alle diese Berichte noch keine Bestätigung von offizieller Seite und auch noch keine offizielle Rekonstruktion des Tathergangs, teilte Constanze Stelzenmüller mit und schrieb weiter: "Aber diese neuen Versionen sind plausibel. Falls sie sich bewahrheiten, würden sie meiner Petition die Grundlage entziehen." Deshalb habe sie entschieden, diese Petitionsliste heute vorerst, beziehungsweise bis zur abschließenden Klärung des Sachverhalts, zu schließen: "Falls meine ursprüngliche Annahme sich doch als richtig herausstellt, kann sie immer noch dem Bundespräsidialamt überreicht werden."

Zeichen der Mitmenschlichkeit

So oder so sei Lukasz Urban aber das erste Opfer dieser schrecklichen Tat, schreibt Stelzenmüller, die als Robert Bosch Senior Fellow an der renommierten Denkfabrik Brookings Institution in Washington arbeitet. Und dass mehr als 40 000 Menschen aus Deutschland, Polen und anderen Ländern sich die Mühe gemacht hätten, ihn durch diese Petition zu ehren sowie seiner Witwe und seinem Sohn ihr Mitgefühl und Solidarität auszudrücken, bleibe ein wunderbares Zeichen der Mitmenschlichkeit.

Viele zeigten Verständnis

Stelzenmüller entschuldigt sich bei Kritikern, die ihr vorwerfen, sie hätte voreilig gehandelt, weil sie die Petition aufgesetzt habe, ohne dass bereits eine amtlich bestätigte Version der Ereignisse vorlag. "Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein anderer als ein erfahrener LKW-Fahrer dieses Fahrzeug hätte steuern können", schreibt sie: "Aber der Einwand, ich hätte warten können, bleibt trotzdem richtig. Insofern hat mein Herz mein Hirn überholt." Ihr tiefes Mitgefühl gelte weiterhin der Familie von Lukasz Urban sowie den Angehörigen der anderen Opfer des Attentats vom Breitscheidplatz.

In ersten Kommentaren zur Schließung der Petition zeigen viele Verständnis. "Für Mitgefühl braucht man sich nicht schämen", heißt es da unter anderem.

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