Nach der Schlägerei in Berlin : Tiefe Konflikte in der Jüdischen Gemeinde

Heftigen Streit in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gab es schon früher. Doch damals gehörte die Versöhnung ebenso zum Ritual. Nun ist die Lage dramatisch eskaliert – bis zu einer Prügelei unter den Repräsentanten. Das hat verschiedene Gründe.

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Unter goldenem Dach. Die Synagoge in der Oranienburger Straße ist das Heim der Jüdischen Gemeinde zu Berlin – derzeit aber kein friedliches.
Unter goldenem Dach. Die Synagoge in der Oranienburger Straße ist das Heim der Jüdischen Gemeinde zu Berlin – derzeit aber kein...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Wüste Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten gab es in der Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Berlin nicht selten. Anfang der 20er Jahre beschrieb Sammy Gronemann in seinem Roman „Tohuwabohu“, dass der Berliner Gemeinde damals schon nichts fremd war. Die assimilierten Juden im feinen Charlottenburg wollten nichts mit den „Ostjuden“ aus dem Scheunenviertel zu tun haben. Wo sie sich dennoch begegneten, eskalierte die Situation schnell.

Albert Meyer, Sohn überlebender Juden und früherer Gemeindevorsitzende, erzählt gerne, wie erschöpft sein Vater von Repräsentantenversammlungen nach Hause kam. Denn auch in den 50er und 60er Jahren verausgabten sich die Parlamentarier verbal sehr.

Dass die Versammlung des Gemeindeparlaments am Donnerstagabend in einer Schlägerei endete, ist, so gesehen, nicht ganz neu. In der jüngeren Geschichte ist die Eskalation dennoch bemerkenswert. Am Freitag lagen der Polizei sechs Anzeigen wegen Körperverletzung vor. Dass sich Repräsentanten gegenseitig anzeigen, auch das gab es schon vor ein paar Jahren.

Umstritten. Gideon Joffe führt die Gemeinde als Vorsitzender.
Umstritten. Gideon Joffe führt die Gemeinde als Vorsitzender.Foto: dpa

Den Anzeigen damals gingen verbale Attacken voraus, keine physische Gewalt wie jetzt. Wurde früher in Parlamentssitzungen geschrien und getobt, versöhnte man sich oft in den späten Abendstunden mit einem Glas Wodka. Doch heute sind die Gräben so tief, dass es nur noch Verbündete oder Feinde gibt.

Über 40 Jahre hatte Heinz Galinski die Gemeinde geführt – mit eiserner Hand. Seine Geschichte als Überlebender legitimierte ihn, durch seine Beharrlichkeit und Weitsicht war er auch für Bürgermeister und Bundeskanzler eine Autorität. Man war froh, dass es einen festen Ansprechpartner gab und klare Rituale, die verhinderten, dass man allzu sehr an schmerzhaften Erinnerungen rütteln musste. 1992 starb Galinski und hinterließ eine große Lücke.

Galinski hatte mit dem Senat die Verhandlungen für einen Staatsvertrag geführt. Der Vertrag sicherte der wenige tausend Mitglieder umfassenden Gemeinde das finanzielle Überleben. Denn man hatte sich darauf geeinigt, den Landeszuschuss an zwei Fünfteln der Personalkosten zu bemessen – und nicht an der schrumpfenden Zahl der Mitglieder.

Anfang der 90er Jahre bekam die Gemeinde neuen Schwung durch die vielen Zuwanderer und wuchs auf 12 000 Mitglieder. Mit den Zuwanderern kamen aber auch neue Konflikte entlang ethnischer, kultureller und sozialer Trennlinien auf. Es hätte eine Persönlichkeit wie Galinski gebraucht, um die Konflikte zu befrieden. Eine solche Person fehlt bis heute. So wuchs das Trennende, trotz gegenteiliger rhetorischer Beschwörungen.

Bei vielen Debatten geht es heute um Geld und Ehre. Der Gemeindevorsitzende Gideon Joffe, so sehen es Kritiker, schürt die Haltung, wonach man Schulden machen könne, der Senat zahle sowieso. Dieser forderte Joffe jetzt auf, bis 1. Juli einen ordnungsgemäßen Wirtschaftsplan einzureichen, also einen, in dem die Ausgaben den Einnahmen entsprechen und bei einem Defizit ausgewiesen wird, wo man sparen will. Das sei „absolut nicht zu machen“, sagte Joffe dazu am Donnerstagabend. Er könne sich nicht erinnern, dass schon jemals ein Vorstand der Jüdischen Gemeinde einen ausgeglichenen Wirtschaftsplan eingereicht habe. Warum also er?

Der Senat ist nicht ganz unschuldig an der Subventionsmentalität. Über Jahrzehnte wurde die Gemeinde geschont. Es wurde nicht genau geschaut, wie sie die staatlichen Gelder ausgibt. Und 2003, als der Senat seinen eigenen Leuten die Gehälter drastisch kürzte, mussten dies auch alle Institutionen tun, die vom Land Geld erhielten – außer der Jüdischen Gemeinde. Im Gegenzug einigte man sich zwei Jahre später auf die Deckelung des Landeszuschusses auf 5,7 Millionen Euro. Joffe hält diese Deckelung für eine Zumutung und reichte jetzt einen Wirtschaftsplan ein mit Gehaltssteigerungen um elf Prozent.

Die Intensität der Konflikte liegt nicht zuletzt daran, dass alle Beteiligten aus Familien stammen, die dramatische Geschichten von Vertreibung, Flucht und Auswanderungen erlebt haben. Was die Zerklüftung verstärkt, könnte theoretisch auch zu gegenseitigem Verständnis beitragen. Doch es sieht ganz so aus, als würde das frühestens in der nächsten Generation gelingen.

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