Berlin : Nach Kiris Tod: Zoo befürchtet weitere Herpes-Infektionen

Amory Burchard

Der Zoologische Garten hat gestern Blutproben von sieben Elefantenkühen und einem Bullen beim Institut für Lebensmittel, Arzneimittel und Tierseuchen (ILAT) abgegeben. Sie sollen auf den Herpes-Virus untersucht werden, an dem Jungtier Kiri vor einer Woche verendet war. Mit weiteren Erkrankungen in der Herde sei leider zu rechnen, sagt Andreas Ochs, Tierarzt im Zoologischen Garten. Das Untersuchungsergebnis soll heute oder morgen feststehen.

Bislang zeigten die erwachsenen Tiere keinerlei Symptome einer Herpes-Infektion, sagt Ochs. Seitdem Kiris Vater Kiba 1998 gestorben war, wurde nicht nur das Blut der übrigen Tiere regelmäßig untersucht. Morgens und abends fahnden der Tierarzt und die Pfleger auch mit der Taschenlampe nach Herpesbläschen auf den Schleimhäuten der Elefanten. Kiri, glaubt Tierarzt Ochs, müsse von seiner Mutter, Pang Pha, im Mutterleib oder während der Geburt angesteckt worden sein. Überraschend sei allerdings, dass die Infektion nicht in der kritischen Phase der ersten Lebenstage ausbrach oder im Sommer, als Kiri Sonnenbrand hatte. Der plötzliche Tod traf den kleinen Elefanten vielmehr bei einem äußerlich stabilen Gesundheitszustand. Die Infektion sei offenbar von einer Stunde auf die andere ausgebrochen. Herpesviren kreisten auch beim Menschen nicht permanent in der Blutbahn, sondern zögen sich an Körperstellen zurück, wo sie für das Immunsystem nicht erreichbar seien, erklärt Ochs. Durch eine Schwächung des Immunsystems - beim Menschen durch Ekel oder Stress - kann sich das Virus explosionsartig ausbreiten, ins Blut gehen und so innerhalb kürzester Zeit Organe besiedeln. Bei Kiri war es der Herzmuskel. Als das Tier am Morgen des 28. Dezembers tot aufgefunden wurde, sah es so aus, als habe er aufstehen wollen. Die Anstrengung, den Kopf zu heben und auf die Vorderbeine zu kommen, habe sein angegriffenes Herz offenbar überfordert, vermutet Ochs. Indische Elefanten, wie der Berliner Zoo sie besitzt und züchtet, seien besonders empfindlich gegen den Herpes-Virus, weil sie nicht die ursprünglichen "Wirtstiere" dieser Virusart seien. Sie sei von afrikanischen Herden, die in der Regel nicht tödlich erkranken, auf die asiatischen Elefanten übertragen worden. Sollten bei den aktuellen Untersuchungen im ILAT akute Infektionen festgestellt werden, stehen im Zoo bereits Virus-Hemmer bereit.

Ein Impfstoff gegen die Herpesinfektion wird, wie gestern berichtet, gegenwärtig entwickelt. Aus Organteilen von Kiba wurde 1999 im ILAT ein Genom des Virus teilweise isoliert, sagt Laborleiterin Sabine Burkhardt. Auf dieser Grundlage stelle die Bundesforschungsanstalt für Viruserkrankungen einen Impfstoff her, der noch in diesem Jahr zur Verfügung stehen soll.

Unterdessen sammelt das Naturkundemuseum Spenden, um Kiris Körper präparieren zu können. Das Museum wolle zum ersten Todestag des Elefanten eine "Dermoplastik" ausstellen - eine mit Kiris Haut überzogene Nachbildung seines Körpers. Es ist eine Berliner Tradition, beliebte Zootiere nach ihrem Tode zu verewigen. So wurde das 1988 verendete Nilpferd Knautschke sowohl im Naturkundmuseum präpariert und ausgestellt als auch in Bronze gegossen. Die Plastik steht vor dem Flusstierhaus. Kiris Verewigung soll nun nicht an den Finanznöten des Museums scheitern, heißt es aus der Invalidenstraße. Man könne die Kosten von 30 000 Mark dafür nicht aus eigener Kraft aufbringen, deshalb werde gesammelt. Spenden an das Naturkundemuseum Berlin, Stichwort Kiri, Berliner Bank, Kontoummer 438 88 88 700, Bankleitzahl 100 200 00.

Inventur im Zoo

Im Zoologischen Garten begann gestern die Inventur. Zu Beginn jeden Jahres verschafft sich der Zoo einen Überblick über seine rund 15 000 Insassen, die zu 1500 Arten gehören. Besonders schwer zu zählen seien Fische und Vögel, sagte gestern ein Sprecher.

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