Nach Köln : Städte müssen wieder menschenfreundlicher geplant werden

Alexanderplatz, Hallesches Tor, Kottbusser Tor: Der öffentliche Raum ist zu einer unwirtlichen Transitzone verkommen. Köln hat gezeigt, dass auch darin eine Gefahr liegt. Stadtplaner müssen umdenken.

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Dunkel trotz Sonne. Die Plätze am Kottbusser Tor sind kein besonders freundlicher Ort. Nachts ist es umso schlimmer.
Dunkel trotz Sonne. Die Plätze am Kottbusser Tor sind kein besonders freundlicher Ort. Nachts ist es umso schlimmer.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Ich habe in Köln studiert und weiß, dass die Domplatte unwirtlich sein kann. Eine riesige Freitreppe verbindet den Dom oben und den Bahnhof unten. Im Sommer sitzen hier viele Touristen. Doch wenn sie weg sind, wenn es dunkel ist und kalt, verstärkt die Treppe die Unsicherheit. In der Silvesternacht machte sie es den Frauen noch schwerer, an den Männern vorbeizukommen, die sie bedrängten.

Seitdem wird viel darüber diskutiert, wie man öffentliche Orte schützen kann, damit sich alle wohlfühlen. Auch die Schwächeren, die sich nicht gut wehren können. Die Debatte ist wichtig – man sollte sie aber nicht auf Polizei und Videokameras verengen. Städteplaner und Architekten haben den öffentlichen Raum in den vergangenen Jahrzehnten systematisch zugrunde gerichtet. Und wo er noch funktionierte, haben ihn Bezirkspolitiker kaputtgespart.

Auch in Berlin. Spätabends über den Alexanderplatz laufen oder am Halleschen Tor aussteigen – das mache ich nur, wenn es nicht anders geht. Es ist düster, es zieht, und viele Ecken sind nicht einsehbar.

Bis ins 20. Jahrhundert waren Plätze, Straßen und Parks lebendige Zentren der europäischen Städte. Hier begegneten sich Männer und Frauen, weil alle arbeiten mussten und die meisten zu Fuß unterwegs waren. Es begegneten sich Einheimische und Zugereiste, Arme und Reiche, Entscheider und Außenseiter. Hier wurde über die Standesgrenzen hinweg getratscht und lautstark recht gehabt. Der öffentliche Raum gehörte allen.

Doch dann verloren die Städteplaner die Menschen aus dem Blick. Die Nazis schlugen breite Aufmarsch-Schneisen durch Berlin. In den 1960er Jahren setzte sich das Leitbild der „autogerechten Stadt“ durch. Heute heißen viele Orte zwar noch „Platz“, sind aber verkehrsumtoste Flecken, verdreckt, hässlich, zugeparkt. Wie der Innsbrucker Platz in Schöneberg. Wer käme auf die Idee, sich da hinzusetzen und ein Buch zu lesen? Der öffentliche Raum ist zu einer Transitzone verkommen mit möglichst direktem Auto- und U-Bahn-Anschluss, um schnell von einer Shoppingmall zur nächsten eilen zu können.

Der öffentliche Raum verwahrlost

Vor einem Monat streifte ich mit einer 84-jährigen Freundin durch Kreuzberg und durch den Tiergarten. Wir stellten fest, wie wenig Gelegenheiten es gibt, sich hinzusetzen, ohne dass man dabei etwas konsumieren muss. Und die wenigen Bänke, die es zum Beispiel rund ums Kottbusser Tor gibt, waren besetzt – mit Punks, Junkies und Alkoholikern, die den Platz auf einer Seite ziemlich dominieren. Der öffentliche Raum verwahrlost – auch weil es oft an Rücksichtnahme und gegenseitiger Toleranz für Menschen mit anderen Interessen fehlt. Und so werden viele Plätze, wenn überhaupt, nur von jeweils einer speziellen Gruppe frequentiert: von Familien oder Freilufttrinkern, von Skatern oder Rentnern, von Radlern oder Fußgängern. Immer mehr Reiche ziehen sich gleich ganz in Gated Communities zurück.

Je unterschiedlicher ein Ort genutzt wird, umso sicherer wirkt er

„Vielfalt hat nur noch Platz in festlichen Zusammenhängen, etwa beim Karneval der Kulturen“, stellt der Historiker Eberhard Straub in seinem Buch „Das Drama der Stadt“ fest. Aber gerade auf diese Vielfalt kommt es an. Je unterschiedlicher ein Ort genutzt wird, umso sicherer und einladender wirkt er, weil die soziale Kontrolle größer ist und es die verschiedensten Menschen gibt, die im Notfall helfen könnten.

Der Kampf ums Tempelhofer Feld hat gezeigt, wie groß das Bedürfnis vieler Berliner nach freien Flächen ist, wo Hipster Volleyball spielen und daneben arabische Großfamilien picknicken, Jugendliche skaten und Landträumer gärtnern. Auch der Gleisdreieck-Park funktioniert gut, weil dort Junge und Alte, Sportler und Abhänger, Familien und Einzelgänger ihre Nischen finden. Auf dem neu gestalteten Leopoldplatz in Wedding sitzen die Trinker in einer Ecke, die Punks in einer anderen und gegenüber spielen Kinder. Weil genug Platz für alle ist.

Auf solche Gestaltungsideen kommt man aber nur, wenn man wieder die Menschen in den Mittelpunkt stellt und nicht Autos, Malls oder schicke Sichtachsen. Es gibt Architekten und Stadtplaner, die haben das kapiert. Leider wird noch zu wenig auf sie gehört.

Dieser Text erschien zunächst als Rant in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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