Nach Massenschlägerei in Kreuzberg : Schild West an der Zulassungsstelle

Nach der Massenprügelei vor der KFZ-Zulassungsstelle in der Jüterboger Straße bleibt die Frage: Warum gibt es dort immer wieder Ärger?

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Polizisten vor der Zulassungsstelle in Berlin Kreuzberg.
Die Polizei sperrte das Areal ab.Foto: dpa

„Sie brauchen nicht zufällig ein Schild?“, fragt ein älterer Herr vor seiner Bude in der Jüterboger Straße in Kreuzberg. In seiner Stimme liegt wenig Hoffnung. Er ist einer von dutzenden Händlern, die vor der KFZ-Zulassungsstelle Nummernschilder verkaufen wollen. Sein Laden, eigentlich eher ein Bauwagen, liegt ganz am Ende der Straße. Die Geschäfte laufen schlecht, denn der Markt ist hart umkämpft. Wer die Jüterboger entlangläuft, bleibt nicht lange allein. Die Händler sprechen die Passanten sofort an, jagen sich gegenseitig die Kunden ab, locken mit Rabatten und teils leeren Versprechungen. Alle Preise sind hier Verhandlungssache. Kurios, sagt der Mann, sei das alles schon. Aber ganz harmlos.

Dachte er jedenfalls. Bis Dienstag. Da prügelten plötzlich unweit seiner Bude Männer mit Schlagstöcken aufeinander ein. „Einer hat ein Messer gezogen, sogar als die Sanitäter ihn schwerverletzt schon in den Krankenwagen gelegt hatten“, erzählt er. Die Geschichten über Revierkämpfe unter den Schilderprägern kennt auch er. Sogar im Innenausschuss hatte die „Gemeinschaft der Schilderhersteller“ thematisiert, dass einige Händler Kunden fast mit Gewalt in einen Laden drängten. Warum es aber diese Eskalation der Gewalt gab, kann er nicht erklären.

Direkt vor dem Eingang der Zulassungsstelle steht ein Mann, der sich nur als Horst vorstellt, und vermutlich wirklich so heißt. Er trägt eine weiße Skimütze, grauen Kinnbart und hat die Statur und die Ausstrahlung eines Türstehers. Er sei „ein Schlepper“, sagt er. Sicher gebe es Rivalitäten, Händler die nicht fair spielten, aber gewalttätig oder gar mafiös organisiert sei hier nichts. Der Streit, so viel ist am Tag nach der Schlägerei klar, hat sich nicht zwischen den Händlern abgespielt. „Da sind zwei Familien im Kassenraum der Zulassungsstelle aneinandergeraten“, sagt Horst. Diese Vermutung wird vom Polizeipräsidium bestätigt. Demnach soll ein Streit zwischen den arabischen Familienclans El-H. und El-Z. um eine zuvor „missglückte Hochzeit“ die Prügelei ausgelöst haben. Näheres wurde nicht bekannt. Um Geschäfte in der Zulassungsstelle soll es allerdings definitiv nicht gegangen sein. Offenbar telefonierten die Kontrahenten jeweils noch Verstärkung herbei, denn plötzlich hätten sich noch viel mehr Männer vor dem Gebäude geprügelt. Erst als ein Polizist einen Warnschuss in die Luft abgab, beruhigte sich die Lage. Drei Festgenommene wurden am Mittwoch auf Antrag der Staatsanwaltschaft wieder auf freien Fuß gesetzt.

„Hier ist ja überall Polizei“, sagt Horst und zeigt auf die Dienststelle, die sich schräg gegenüber seinem Laden befindet. „Wenn wir uns hier mafiös organisiert hätten, hätten die Jungs das wohl mitbekommen.“ Tatsächlich gibt es Listenpreise für Nummernschilder, an denen sich Händler und Kunden orientieren sollen. Sie hängen an jeder Bude aus. 75 Euro für zwei Schilder steht dort. „Bis 35 Euro gehe ich runter“, sagt Horst. „Quatsch, bei mir zahlen Sie nicht mehr als 15 Euro.“, ruft eine andere Händlerin dazwischen. Horst wirft ihr einen finsteren Blick zu. „Das ist der Preis für die Übergangsschilder“, raunt er. Aber so lockten manche eben die Kunden in ihre Bude. „Die machen die Tür zu und dann ist das Geschäft gelaufen, auch wenn der wahre Preis nachher höher ist.“ Auch die Schlepper haben sich Verhaltensregeln verschrieben. Zum Beispiel, dass die Kunden nicht schon in der Zulassungsstelle abgefangen werden. „Wenn es doch jemand macht, unterbinden wir das“, sagt Horst, und es klingt wie eine Drohung. Wie dieses „Unterbinden“ dann konkret aussieht, sagt er nicht. An diesem Tag jedenfalls lässt keiner der Händler es darauf ankommen.

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