Nach Putschversuch in der Türkei : Erdogans Gegner werden in Berlin bedroht

Hetze, Hassmails, Denunziation: Erdogan-Kritiker werden in Berlin zunehmend eingeschüchtert. Viele trauen sich nicht mehr, in die Türkei zu reisen.

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Solidarität. Hunderte Berliner Türken folgten dem Aufruf des Staatspräsidenten und gingen gegen den Militärputsch auf die Straßen. Die Kritiker der AKP-Regierung in Ankara halten sich dagegen auch hierzulande mit öffentlichem Protest zurück.
Solidarität. Hunderte Berliner Türken folgten dem Aufruf des Staatspräsidenten und gingen gegen den Militärputsch auf die Straßen....Foto: Paul Zinken/dpa

Die Drohung ist eindeutig. „Glaube nicht, dass wir deine Stellungnahmen ignorieren, sie nicht sehen. Jeder hat deine Beiträge gelesen und gesehen“, steht in der E-Mail, die bei Ercan Karakoyun in dieser Woche einging. „Du sagst, in der Türkei gebe es keine Freiheit.

Mal sehen, ob es für dich hier Freiheit gibt.“ Karakoyun ist Vorsitzender der in Berlin ansässigen „Stiftung Dialog und Bildung“, sie repräsentiert in Deutschland die „Hizmet“ genannte islamische Bewegung des türkischen Predigers Fethullah Gülen. Ihn macht das Regime des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan für den blutigen Putschversuch vom vergangenen Freitag verantwortlich. Erdogans massive Repression und Hasskampagne gegen Landsleute, die als Gülen-Sympathisanten gelten, wirkt sich offenbar auch in Berlin aus. „Ich kann gar nicht mehr zählen, wie viele Beschimpfungen ich auf meiner privaten Homepage und über Facebook bekomme“, sagt Karakoyun.

Die Mail, die er dem Tagesspiegel zeigt, enthält auch eine Drohung gegen Gülen, ihn am Taksim-Platz in Istanbul aufzuhängen.

Die Gefahr für den Prediger ist allerdings gering, er lebt in den USA. Karakoyun hingegen und die, wie er schätzt, 5000 bis 10 000 Anhänger der Gülen-Bewegung in Berlin fühlen sich unsicher angesichts der aufgeheizten Stimmung bei den vielen Erdogans-Fans unter den türkischstämmigen Migranten.

Es gebe sogar die Parole, „kauft nicht bei Geschäften von Gülen-Anhängern in Berlin“, sagt Karakoyun. Er hat sich inzwischen wegen der Drohungen gegen ihn an die Polizei gewandt.

Gegner sollen telefonisch gemeldet werden

Sicherheitskreise sprechen von einer zunehmend emotionalen Stimmung, gewaltsame Auseinandersetzungen nach dem Putschversuch seien in Berlin allerdings nicht bekannt. Der Aufruf zum Boykott von Firmen, die Gülen-Anhängern zugeordnet werden, sei bei Facebook wieder verschwunden, heißt es.

Die Berliner Polizei ermittelt allerdings in dem Fall wegen des Verdachts auf Verleumdung. In anderen Bundesländern geht es offenbar noch härter zu. In Gelsenkirchen wurden zwei Scheiben eines Gülen-nahen Jugendklubs eingeschlagen, in Augsburg flogen Steine auf das Gebäude eines Bildungsvereins, der ebenfalls der Bewegung des Predigers zuzurechnen ist.

Anhänger Erdogans hätten zudem, sagen Sicherheitskreise, in sozialen Medien die in Deutschland lebenden Türken aufgefordert, Gegner des Staatspräsidenten telefonisch bei den Behörden in der Türkei zu melden. Als Gegner Erdogans gelten neben der Gülen-Bewegung auch kurdische Aktivisten, ob von der demokratischen Kurdenpartei HDP oder der militanten, in Deutschland verbotenen PKK.

Einer, der gleich mehrfach für Erdogan-Fans und andere türkische Nationalisten ein Feindbild darstellt, ist Hakan Tas. Der innenpolitische Sprecher der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus ist Kurde, Alevit und homosexuell. Nach dem Putschversuch, sagt Tas, habe ihn ein mutmaßlicher Anhänger Erdogans in Neukölln auf offener Straße angespuckt und gerufen, „die schwulen Säue wollen uns jetzt Demokratie erklären“.

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Tas verzichtete jedoch auf eine Anzeige – er wird schon länger mit Anfeindungen eingedeckt. Nach der Armenien-Resolution im Bundestag, die über die Erdogan-Fans hinaus viele Türken erboste, wurde Tas als „Vaterlandsverräter“ beschimpft. Obwohl er gar nicht im Bundestag sitzt.

Viele trauen sich nicht in die Türkei

Die Sorgen der türkischstämmigen Berliner, die Erdogan kritisch gegenüberstehen, münden auch in die Angst vor einem Urlaub in der Türkei. Obwohl der Besuch bei Verwandten im Sommer, oft ein jährliches Familienritual, eine hohe Bedeutung hat. „Viele, die nicht schon ein teures Flugticket gekauft haben, warten erst mal ab“, sagt Ülker Radziwill, Vizevorsitzende der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus.

Die Skepsis werde noch zunehmen, da Erdogan jetzt für drei Monate den Ausnahmezustand verhängt hat. Radziwill nennt exemplarisch den Fall eines Bekannten, der bei Facebook Erdogan kritisiert hatte und deshalb von Freunden beschimpft wurde. „Er traut sich jetzt nicht in die Türkei“, sagt sie.

Für Ercan Karakoyun und andere bekannte Mitglieder der Gülen-Bewegung stellt sich die Frage nach einem Urlaub in der Türkei gar nicht mehr. „Ich habe letztes Jahr ein Einreiseverbot bekommen“, sagt Karakoyun. Und er sei nicht der Einzige. Wann er wieder seine Familie besuchen kann, ist ungewiss. Das Einreiseverbot, sagt Karakoyun, sei unbefristet.

Die Angst der Erdogan-Kritiker dürfte den Erdogan-Fans recht sein. Aber nicht unbedingt genug. Einer der bekanntesten Einpeitscher in Deutschland, der Geschäftsmann Remzi Aru, schlägt weiter um sich. Auf seiner Homepage wird suggeriert, Grünen-Chef Cem Özdemir mache mit Fethullah Gülen gemeinsame Sache.

„Eine zwielichtige Gestalt“, gemeint ist Özdemir, „zieht die einstige Friedenspartei immer tiefer in den Sog von blutrünstigen Terroristen“, behauptet ein Autor. Die Tirade wird mit dem Sonnenblumenlogo der Grünen kombiniert, eingefügt ist Gülens Kopf.

Eine Anfrage des Tagesspiegels beantwortet Aru, der kürzlich in Berlin eine neue Partei präsentierte, nicht. So bleibt auch offen, warum er allen Ernstes bei Twitter behauptet hat, die Zeitung sei mitschuldig an einem Anschlag in Istanbul.

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