• Nach Raubüberfall auf Apple-Store in Berlin: Wie sich Überfälle auf Geldtransporter verhindern ließen

Nach Raubüberfall auf Apple-Store in Berlin : Wie sich Überfälle auf Geldtransporter verhindern ließen

Wieder ein Raub vor vielen Zeugen, wieder zur besten Shopping-Zeit, wieder am Ku'damm: Wie Polizisten und ein Psychologe Überfalle vor vielen Zeugen sehen.

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Nach dem Überfall auf Apple am Kurfürstendamm in Berlin-Charlottenburg. Die Aufnahmen veröffentlichte die Polizei am Sonntag, 12. Oktober 2014.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Polizei
12.10.2014 11:15Nach dem Überfall auf Apple am Kurfürstendamm in Berlin-Charlottenburg. Die Aufnahmen veröffentlichte die Polizei am Sonntag, 12....

Nach dem Überfall auf einen Geldboten vor dem Apple-Store am Kurfürstendamm hat die Polizei am Sonntag erste Ermittlungsergebnisse vorgelegt. Die Polizei bestätigte, dass der kurz nach Tat brennend in der Bundesallee entdeckte Citroen tatsächlich der Fluchtwagen war - man habe den Wagen anhand der Kennzeichen identifizieren können, sagte eine Sprecherin. Eine heiße Spur ist das aber nicht: Die Kennzeichen waren vor der Tat gestohlen worden.

Ku'Damm als Bühne für spektakuläre Überfälle

Weil der Ku'damm zur Tatzeit am Sonnabend gegen 17.50 Uhr überaus belebt war, gibt es genügend Zeugen - die teilweise auch zum Telefon griffen, um den Überfall zu dokumentieren. Das Bildmaterial müsse noch gesichtet werden, hieß es bei der Polizei. Und mit Befragungen von Zeugen in Kompaniestärke hat die Polizei auch schon Erfahrung: Vor rund zwei Wochen haben Unbekannte ebenfalls am Kurfürstendamm, ebenfalls zur besten Shopping-Zeit, einen Juwelier überfallen. Und kurz vor Neujahr 2014 raubten Unbekannte einen Geldtransporter an der Tauentzienstraße aus. Wieder vor erschrockenen Zeugen.

Überfälle vor Zeugen - Risiko oder Chance für die Täter?

Einkaufsmeilen werden zu Freiluft-Bühnen von realen Überfällen, vor zahlreichem Publikum. Extremes Risiko für die Täter? Oder kühl kalkulierte Gefahreneinschätzung - weil ja doch niemand eingreifen wird?

Die Chance, dass wirklich keiner der Beobachter die Initiative ergreift, ist groß. Klar, das Risiko wäre ja auch hoch. Aber dann gibt es oft auch eine generelle Hemmung. Der Kriminalpsychologe Jan-Gerrit Keil vom LKA Brandenburg spricht, unabhängig vom Überfall auf den Apple-Laden, von "Verantwortungsdiffusion". Eine allgemeingültige Aussage.

Psychologen sprechen von "by-stander-Problematik"

Viele stehen fast wie paralysiert da, wenn zwei Faktoren zusammenkommen: Unsicherheit und Menschen, die sich nicht kennen. "Wenn eine Situation nicht klar einzuschätzen ist, dann orientiert man sich am anderen. Dann macht man, was der andere macht: nämlich nichts", sagt Keil. Die Experten reden in diesem Fall von "by-stander-Problematik". Man kennt das Thema von Überfällen in der U-Bahn. Da beobachten im Zweifelsfall ein Dutzend Menschen, wie jemand verprügelt wird, und keiner hilft. "Da greift diese Orientierungslosigkeit", sagt Keil. "Man denkt: Warum soll ich helfen? Der andere hilft ja auch nicht."

Das wohl brutalste Beispiel dieser by-stander-Problematik war ein Kriminalfall von 1964 in New York, in der psychologischen Literatur ein Klassiker. Damals wurde auf einem Parkplatz Catherine Genovese vergewaltigt und mit Messerstichen ermordet. Das Martyrium der jungen Frau dauerte 35 Minuten, der Täter ging zwei Mal weg und kam dann wieder. Und während der ganzen Zeit standen 38 Nachbarn in sicherer Entfernung an Fenstern und beobachteten den Todeskampf der Frau. Aber keiner rief die Polizei, keiner kam persönlich zu Hilfe.

Ein Täter am Ku'damm hatte einem der Geldboten die Waffe weggenommen. Spricht das für eine extreme Kaltblütigkeit? Oder dafür, dass der Täter so etwas schon mal geübt haben muss? Vorsicht mit solchen Hypothesen, sagt Keil. "Ohne die genauen Fakten zu kennen, kann man dazu keine Aussage machen." Kann sein, dass der Täter spontan gehandelt habe, weil er sich bedroht fühlte. Kann ja auch sein, "dass es ein lucky punch war". Dass der Täter so etwas noch nie gemacht hatte und jetzt beim ersten Versuch einfach Glück hatte.

Offenbar waren fünf Täter an dem Raub beteiligt

Nach den bisherigen Erkenntnissen der Polizei waren fünf Täter an dem Überfall beteiligt. Drei hatten den Überfall verübt, ein vierter hatte in dem schwarzen Citroen gewartet, später stieg das Quartett um in ein weißes Fahrzeug. Zeugen zufolge wartete auch in diesem Wagen ein Fahrer. Bei einer Entführung des Geldtransporters wären die Täter wohl nicht weit gekommen: Laut Internetseite des Sicherheitsunternehmens werden die Transporter per Satellit überwacht; bei Unregelmäßigkeiten kann ein Wagen auf Knopfdruck lahm gelegt werden.

Wie lassen sich Überfälle auf Geldtransporte verhindern?

Eine andere Frage ist ja, wie man die Erfolgschancen eines solchen Überfalls vermindern kann. Ein erfahrener Polizist sagt: "Die Chancen verringert man am besten schon im Vorfeld des Geldtransports." Dazu müsse man allerdings zwingend ein paar Punkte beachten: nie die gleichen Fahrtroute wählen. Abklären, wo es für Täter und für Geldboten Fluchtwege geben könnte. Nicht immer zur gleichen Zeit das Geld abholen. Und bei Verdachtsmomenten einfach weiterfahren. Und dann, ganz wichtig: "Ich muss durch meine Körperhaltung zeigen, dass ich abwehrbereit bin." Der Polizist hat mehrfach schon kopfschüttelnd Geldboten beobachtet. "Die tragen ihre Geldboxen, als würden sie ein Paket transportieren. Da muss ich mich doch anders verhalten."

Alte Western sind da wohl guter Nachhilfeunterricht. John Wayne beim letzten Duell auf der staubigen Dorfstraße, das ist der richtige Auftritt. "Ich jedenfalls", sagt der Polizist, "hätte eine Hand immer an der Waffe".

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