• Nach Rauswurf vom Abraham Geiger Kolleg: Langer: "Was gibt es Repressiveres, als jemandem ein Grundrecht zu verweigern?"

Nach Rauswurf vom Abraham Geiger Kolleg : Langer: "Was gibt es Repressiveres, als jemandem ein Grundrecht zu verweigern?"

Armin Langer, Mitbegründer der Neuköllner Salaam-Schalom Initiative und angehender Rabbi, wurde vom Potsdamer Abraham Geiger Kolleg geschmissen. Ein Interview.

Torben Lehning
Ein Mann mit Kippa nimmt an einer Kundgebung gegen Antisemitismus teil.
Ein Mann mit Kippa nimmt an einer Kundgebung gegen Antisemitismus teil.Foto: dpa

Im Netz empören sich aktuell Juden, Moslems, Christen und Atheisten gleichermaßen über den Umgang mit Armin Langer. Der angehende Rabbiner und Mitgründer der Salaam-Schalom-Initiative absolviert seine Ausbildung am Potsdamer Abraham Geiger Kolleg, von dem er nun durch den Rektor Walter Homolka ausgeschlossen wurde. Die Begründung: zu viel unerlaubte Medienkorrespondenz. Langer wertet den Rauswurf als Missachtung seines Grundrechts auf freie Meinungsäußerung und geht den für ihn einzig richtigen Weg an die Öffentlichkeit. Sein Hilferuf im Netz verbreitet sich in Windeseile, denn Freunde hat Langer überall. Aufgeben will er nicht und verlangt Aufklärung, denn die Begründung sei, so Langer, nur vorgeschoben.

Wie kam es zum Rauswurf aus der Ausbildungsstätte, dem Abraham Geiger Kolleg?
Die offizielle Begründung ist, dass ich ohne die Genehmigung des Kollegs Interviews gegeben habe und mit verschiedenen Medien korrespondierte. That’s it. Aber ich muss dazu sagen, ich bin mir sehr sicher, dass es dem Kolleg vor allem um den Inhalt meiner Aussagen in verschiedenen Interviews und Artikeln ging.

Woher kommt diese Annahme?
Im Grunde stand das Kolleg meinen Aussagen und meiner Arbeit in der Salaam Schalom Initiative schon immer sehr kritisch gegenüber. So teilte mir der Pressesprecher des Kollegs, Hartmunt Bomhoff, während meinen 2 ½ Jahren Ausbildungszeit sowohl mündlich als auch schriftlich mehrfach mit, dass ein jüdisch-muslimischer Dialog nicht erwünscht sei. Das Thema sei “zu heikel”. Sie haben nur ein einziges Mal positive Worte über meine Arbeit außerhalb des Kollegs verloren und das war, als Bundespräsident Joachim Gauck unsere Salaam Schalom Initiative im Sommer 2014 zu sich nach Bellevue einlud.

Was hat es mit der Regel des Kollegs auf sich, dass Sie eine Erlaubnis brauchen, um Interviews zu geben?
In meinem Ausbildungsvertrag steht nichts von dieser Regel. Es gibt jedoch ein Handbuch für Studierende, in dem erwähnt wird, dass angehende Rabbiner bei Medienanfragen eine Rücksprache mit dem Pressesprecher des Kollegs halten sollen. Das Handbuch habe ich allerdings nie unterschrieben und die Aussagen, die ich von mir gegeben habe, bezogen sich nicht immer auf meine Ausbildung am Geiger Kolleg.

Wäre dies der Fall gewesen, könnte ich das ja noch nachvollziehen, aber ich sprach und schrieb als Privatperson oder als Vertreter von Salaam Schalom. Des Weiteren haben ich im Januar 2015 ein Schreiben des Pressesprechers bekommen, in dem mit eine Zusage erteilt wird, Interviews als Vertreter unserer Initiative geben zu dürfen, wenn der Inhalt der Interviews nicht meine Ausbildung betrifft.

Einen Monat später haben Sie in der RBB-Abendschau den Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, auf einen Spaziergang nach Neukölln eingeladen. Dieser hatte zuvor behauptet, es sei gefährlich, in Neukölln eine Kippa zu tragen und der Bezirk sei eine No-Go-Area für Juden. Was geschah danach?

Daraufhin wurde mir mitgeteilt, dass ich entweder keine weiteren Interviews mehr gebe oder mit einem Rauswurf rechnen muss. Ich habe dann monatelang alle Interviewanfragen abgesagt und viele Journalisten angelogen. Ich wollte nicht sagen, dass ich unter Druck stehe und habe Ausreden erfunden, warum ich Interviewtermine nicht wahrnehmen konnte. Das war mir damals sehr peinlich und das ist es auch bis heute. Ich habe nie damit gerechnet, dass sie ihre Drohung ernst machen würden.

Ihre Schweigephase dauerte nicht sehr lange an. Im November 2015 veröffentlichte die taz einen Kommentar von Ihnen, in dem Sie die Forderung Schusters nach einer Obergrenze für Flüchtlinge als rassistisch bezeichnen. Ebenso unterbreiteten Sie den Vorschlag, dass sich die Vertretung in den “Zentralrat der rassistischen Juden” umbenennen sollte. Glauben Sie, dass das Brechen ihrer Medienabstinenz den Rauswurf am Geiger Kolleg befördert hat?
Erst einmal möchte ich sagen, dass ich mich für meine verletzenden Aussagen bereits bei Herrn Schuster entschuldigt habe. Der Zentralrat der Juden ist keine rassistische Vertretung. Ich habe diesen Kommentar damals in einem höchstemotionalen Zustand verfasst und meine Wortwahl war unangemessen.

Armin Langers Engagement um einen jüdisch-islamischen Dialog würdigte auch Bundespräsident Joachim Gauck.
Armin Langers Engagement um einen jüdisch-islamischen Dialog würdigte auch Bundespräsident Joachim Gauck.Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Meine Kernbotschaft halte ich jedoch immer noch für berechtigt. Die Forderung Schusters nach einer Obergrenze mit der Begründung, dass Araber von ihrer Ethnie her antisemitisch sind, halte ich für rassistisch. Kein Wunder, dass sich Lutz Bachmann über Schusters Aussagen freute. Für mein Kolleg war das ein Schritt zu viel – sie warfen mich raus. Ich glaube alle begehen Fehler und ich habe mich für meinen entschuldigt. Es wäre schön wenn das Kolleg diesen Schritt auch geht.

Wie erklären Sie die Aussagen Schusters?
Ich glaube, dass Menschen wie Herr Schuster in einer ganz anderen Realität leben als wir Neuköllner Juden. Das kann man ihm nicht vorwerfen, aber man kann die daraus resultierenden Vorurteile abbauen. Deshalb habe ich ihn ja auch vor einem Jahr in unseren Bezirk eingeladen – damals war er für die Idee noch offen. Die Einladung steht immer noch, obwohl ich ihm keine Vorwürfe machen würde, wenn er nach dieser Geschichte nichts mehr mit mir unternehmen will.

Wie passt dieser Rauswurf zu einem Kolleg für Rabbiner, welches sich selbst als progressiv und liberal beschreibt?
Es passt nicht besonders gut. Was gibt es Repressiveres, als jemandem ein Grundrecht zu verweigern? Und das von einer Institution, die mit öffentlichen Geldern gefördert wird.

Gibt es für Sie eine Möglichkeit zu ihrer Ausbildungsstätte zurückzukehren?
Ja, es gibt die Möglichkeit. In zwölf Monaten kann ich mich erneut einschreiben. Das werde ich auch tun, so Gott will. Das wird allerdings nur geschehen, wenn das Kolleg mein Grundrecht auf freie Meinungsäußerung akzeptiert. Sollte dies nicht geschehen, werde ich mich nach einem anderen Rabbinerseminar umsehen müssen.

Sie möchten auch weiterhin Rabbiner werden?
Ja, die Entscheidung steht fest.

Das Interview erschien zuerst beim neukoellner.net

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