Nach Tod einer Rentnerin : Ein Mord verunsichert Cottbus

In Cottbus soll ein junger syrischer Flüchtling eine Rentnerin getötet haben. Politiker und Initiativen warnen vor Vorurteilen gegenüber Migranten.

Sandra Daßler
Hinter schönen Fassaden wird in Cottbus derzeit viel diskutiert. Der Mord an einer Rentnerin verunsichert die Stadt. Foto: Patrick Pleul/dpa
Hinter schönen Fassaden wird in Cottbus derzeit viel diskutiert. Der Mord an einer Rentnerin verunsichert die Stadt.Foto: Patrick Pleul/dpa

„Ich habe es ja immer gesagt...“, „Schlechte Menschen gibt es in allen Völkern, das kann man nicht verallgemeinern“ - so oder ähnlich enden derzeit viele Gespräche in Cottbus. Ob beim Einkauf, in der Straßenbahn oder auf dem Wochenmarkt, hier gibt es derzeit kaum ein anderes Thema als die Tötung von Gerda K. Die 82-Jährige war trotz ihres hohen Alters sehr aktiv. Als sie im Dezember vergangenen Jahres nicht zur Weihnachtsfeier mit alten Kollegen erschien, wurden diese stutzig. Einer machte sich auf den Weg in ihre Wohnung, doch es war zu spät. Gerda K. war getötet worden. Wie sie ums Leben kam, wissen bislang nur die Ermittler.

Die Frau wohnte in der Cottbuser Innenstadt

Gerda K. wohnte in einem Haus mit weiteren elf Mietparteien in der Cottbuser Innenstadt. Niemand ihrer Nachbarn hatte etwas Auffälliges bemerkt und der mysteriöse Tod der Rentnerin machte vor allem älteren Cottbusern Angst. Die Polizei ermittelte mit Hochdruck und nahm vergangene Woche einen jungen Mann fest, der dringend tatverdächtig ist. Zur Erleichterung über seine Ergreifung gesellte sich schnell der Schock, dass es sich bei ihm um einen jungen Flüchtling aus Syrien handelt.

Der Cottbuser Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) sprach aus, was wahrscheinlich viele dachten: „Ein einzelner junger Mann hat nach derzeitigem Erkenntnisstand Gastfreundschaft, Offenheit und Toleranz in Cottbus aufs Brutalste und Schändlichste missbraucht.“ Daher mische sich in die Freude über den Ermittlungserfolg auch die Sorge, dass nun alle in Cottbus lebenden Ausländer unter Generalverdacht gestellt würden. Einem Verkäufer in der Fürst-Pückler-Einkaufspassage geht das zu weit. „Wir sind doch nicht doof“, sagt er: „Wir wissen, dass es auch unter Flüchtlingen böse Menschen gibt, genau wie unter Einheimischen.“

Im Internet äußern viele Zweifel am Alter des Tatverdächtigen

In Internetforen und den sozialen Medien hört sich das teilweise anders an. Da wird unter anderem dazu aufgerufen, „das ganze Pack“ aus dem Land zu jagen – mitsamt den Politikern, welche „die Hauptschuld an dieser grausamen Mordtat tragen.“ Zweifel äußern viele auch am Alter des Flüchtlings. Sollte er wie angegeben zum Tatzeitpunkt noch minderjährig gewesen sein, könnte er auch bei einer Verurteilung wegen Mordes maximal zu zehn Jahren Haft verurteilt werden. Die Staatsanwaltschaft kündigte jedoch bereits an, dass sie, falls es berechtigte Zweifel am Alter des Verdächtigen gebe, ein entsprechendes Gutachten anfordern werde.

Das möglicherweise jugendliche Alter des Tatverdächtigen ist auch einer der Gründe, warum die Ermittler nach wie vor wenig über seinen persönlichen Hintergrund, den Hergang oder auch das Motiv der Tat verlauten lassen. Sehr vage wurde lediglich formuliert, dass sich mutmaßlicher Täter und Opfer gekannt haben sollen. Ein Sozialarbeiter sagte dem Tagesspiegel, er kenne den Tatverdächtigen als aufgeschlossenen, kontaktfreudigen Menschen und könne sich nicht vorstellen, dass das Tatmotiv Habgier gewesen sei.

1999 wurde ein Bündnis gegen Intoleranz gegründet

In der 100 000-Einwohnerstadt Cottbus leben, so der Sprecher der Stadt Jan Gloßmann, derzeit etwa dreitausend Menschen mit Migrationshintergrund. Hinzu kommen etwa zweitausend ausländische Studenten. Weil es in der Vergangenheit immer mal wieder Probleme mit rechter Gewalt gab, engagiert sich hier seit 1999 der Cottbuser Aufbruch, ein Aktionsbündnis gegen Gewalt und Intoleranz. Vorstandsmitglied des gleichnamigen Vereins ist Brandenburgs Wissenschaftsministerin Martina Münch (SPD), die selbst in Cottbus lebt.

„Diese Tat hat jeden schockiert“, sagte sie am Sonnabend dem Tagesspiegel: „Aber die Tat eines Einzelnen darf nicht dazu führen, alle Flüchtlinge oder Syrer unter Generalverdacht zu stellen.“ Die Bereitschaft zu helfen, sei in Cottbus sehr ausgeprägt, sagte Martina Münch weiter. Gerade vor einer Woche hätten viele Familien „ihre“ Flüchtlinge mit zum großen Cottbuser Karnevalsumzug genommen, es gebe so viele persönliche Beziehungen, dass ihr um die Willkommenskultur nicht bange sei.

Ähnlich denkt auch Jörn Meyer, der Geschäftsführer des Vereins Cottbuser Jugendhilfe. Hier wurden viele unbegleitete Flüchtlinge in den vergangenen Jahren aufgenommen und betreut. „Auch bei uns engagieren sich freiwillige Helfer, ich habe keine Bedenken, dass dies so bleibt. Sorgen mache ich mir eher darum, dass manche ihre Mitmenschen jetzt noch schneller in Gut und Böse einteilen, was letztlich immer im Hass enden muss.“ Und Hass auf Flüchtlinge gibt es auch in Cottbus, meint Meyer: „Zwar haben hier in den vergangenen Jahren zum Glück keine Heime gebrannt, aber Flüchtlinge wurden verbal belästigt, übersehen, angerempelt. Die haben natürlich Angst, dass sich das jetzt noch verstärkt.“

Ein Autofahrer bedrängte einen Flüchtling und brüllte "Scheiß-Ausländer"

Sozialarbeiter berichten, dass am Tag nach Bekanntwerden der Verhaftung des Tatverdächtigen ein Flüchtling von einem Auto bedrängt worden sei. Als er stürzte, habe der Fahrer das Fenster heruntergekurbelt und „Scheiß-Ausländer“ gebrüllt. Die Polizei konnte das nicht bestätigen. Wie auch? Der Flüchtling hatte – wie meist in solchen Fällen – keine Anzeige erstattet. Man werde so etwas nicht verhindern können, sagt Jörn Meyer. Entscheidend für das Klima in der Stadt sei letztlich, wie die Mehrheit der Cottbuser bei solchen Vorfällen reagiere.

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