Nachruf auf Caroline Luft (Geb. 1975) : Tod im Freien

Caro saß vorm S-Bahnhof Zehlendorf, las ein Buch nach dem anderen und wartete auf Geld fürs Heroin. Einen Monat saß sie im Gefängnis, danach lebte sie auf der Straße. Eine Spurensuche.

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Wo sie saß. Gedenken an Caro, die Unbekannte, vorm S-Bahnhof Zehlendorf
Wo sie saß. Gedenken an Caro, die Unbekannte, vorm S-Bahnhof ZehlendorfFoto: D.Ensikat

Am Eingang zum S-Bahnhof Zehlendorf, gleich vor der City Toilette, steht ein Eimer mit einem großen Blumenstrauß, daneben zwei Holzbrettchen, auf die jemand „In Gedenken an Caro. R.I.P.“ geschrieben hat, auf dem einen ein Sterbedatum: 24. 9. 2016, auf dem anderen ein anderes: 25. 9. 2016. In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag ist sie gestorben, wann genau, das weiß niemand hier, woran genau, auch nicht. Dabei kannten sie sie alle irgendwie, so sagen sie, die von den Läden rund um den Bahnhof, die Passanten. Caro war ja immer da, seit zwei Jahren, oder waren es drei?

Sie saß am Boden und las ein Buch, immer las sie, selten, dass sie mal nach oben schaute. Ein Becher stand vor ihr für das Geld, das gab, wer geben wollte. Sie verkaufte nichts, sie bettelte nicht, sie saß nur da und las und wartete von früh bis spät, dass sich der Becher fülle.

Nachfrage im Zeitungskiosk, vor dem sie lange gesessen hatte, bis sie rüberziehen musste vor die City Toilette. „Die Caro, natürlich kennen wir die. War eine freundliche Person. Und klug war die. Hat ja immer Bücher gelesen, so richtig dicke Bücher. Aber mehr weiß ich eigentlich nicht. Fragen Sie im Blumenladen nach. Ich glaube, sie wollte da mal arbeiten.“

Die junge Frau im Blumenladen: „Ach was. Die hat nie hier gearbeitet. Ich weiß auch gar nichts weiter. Manu da drüben vom Obststand, die kann bestimmt was sagen.“

Manu vom Obststand: „Ach ja, die Caro. Soll an einer Überdosis gestorben sein, hab ich gehört. Merkwürdig eigentlich. Caro sah immer gepflegt aus, obwohl sie in den letzten Monaten draußen gelebt hat. Ich glaube, sie hat im Botanischen Garten irgendwo geschlafen. Wer das aber besser weiß, ist die Sabine. Die steht hier auch manchmal und kriegt Geld von den Leuten. Ich hab’ ihre Handynummer. Caro war so eine Stille und immer freundlich. Deshalb hat sie bei uns zu essen bekommen. Unsere Chefin hat gesagt, wir sollen ihr immer was geben. Biggi vom Blumenladen hat Caro manchmal ins Café eingeladen, Café Anneliese, dort drüben. Aber Biggi ist vor Kurzem auch gestorben. Die hätte bestimmt mehr erzählen können.“

Die Chefin vom Café Anneliese: „Die beiden waren manchmal hier, Biggi und Caro. Ich hab Caro immer mal eine Eisschokolade vorbeigebracht. Kaffee hat sie von den Kioskleuten bekommen. Einmal hat sie gesagt, sie braucht noch drei Euro, damit sie 25 für die Übernachtung hat. Hab ich ihr fünf gegeben. Ist doch klar, dass man da hilft. Das kann ja uns alle treffen. Sie glauben gar nicht, wie schnell das gehen kann, dass man auf der Straße landet. Die Caro jedenfalls hat das ganz gut gemacht. Einfach dasitzen und lesen. Die Leute geben, glaube ich, lieber was, wenn sie nicht angesprochen werden.“

Im Obdachlosenheim

Anruf bei Sabine. „Am besten, Sie kommen bei uns vorbei, im Wohnheim. Hier hat Caro ja selbst mal gewohnt, hier gibt’s viele, die sie gekannt haben.“

Das Wohnheim, ein trister Siebzigerjahreklotz in Neukölln mit 55 Zimmern, für Obdachlose eine Luxusunterkunft, weil sie sich die Zimmer nicht teilen müssen und weil hier Hunde erlaubt sind. Für das Gespräch über Caro haben sie in den Hof vorm Haus einen Tisch und Stühle gestellt. Freundliche Menschen, die gerne Auskunft geben.

Sabine: „Caro hat hier bis vor einem halben Jahr gewohnt. Dann musste sie für einen Monat in den Knast wegen der BVG. Ist schwarzgefahren und konnte die Strafe nicht zahlen. Als sie rauskam, durfte sie nicht mehr ins Wohnheim. Sie hat sogar Hausverbot bekommen. Das geht hier ganz schnell.“

In diesem Wohnheim für Obdachlose wohnte Caro bis ins Frühjahr. Dann musste sie ins Gefängnis
In diesem Wohnheim für Obdachlose wohnte Caro bis ins Frühjahr. Dann musste sie ins GefängnisFoto: D.Ensikat

Pit: „Das mit dem Hausverbot ist passiert, weil sie sich, gleich als sie raus war, hier im Haus eine Überdosis gesetzt hat. Da kam der Rettungswagen und die Polizei, und so was dulden sie hier natürlich nicht. Kann sein, dass sie die Dosis nicht vertragen hat, weil sie im Knast Methadon gekriegt hat. Wenn man direkt danach mit der alten Menge wieder anfängt, kann das viel zu viel sein. Na ja, damals hat sie’s noch überlebt. Diesmal nicht. Aber ich glaube nicht, dass sie sich umbringen wollte. Caro war meistens ganz gut drauf. Ich war ja mal mit ihr zusammen. Vor drei Jahren haben wir uns kennengelernt. Das war, als sie hier eingezogen ist. Ich glaub’, sie war gerade aus Frankfurt nach Berlin gekommen, keine Ahnung, warum. Wollte vielleicht einen Neuanfang. Wenn man Anspruch auf ALG 2 hat, vermittelt die soziale Wohnhilfe solche Zimmer hier. War also ein Zufall, dass sie nach Neukölln gekommen ist. Was früher war, kann ich gar nicht sagen. Man erzählt sich hier nicht so viel Privates. Ganz normal, weil man sich schützen will. Wenn’s Stress gibt, muss nicht jeder alles über einen wissen. Was ich weiß, ist, dass Caro mal so ein richtig normales Leben hatte, mit Ehemann und zwei Söhnen im Odenwald. Dann muss es einen Knacks gegeben haben, und sie hat mit dem Heroin angefangen. Das mit den Söhnen jedenfalls, die sind so 18, 20, dass sie die verloren hat, das war ihr großer Schmerz. Deshalb war sie manchmal richtig bedrückt. Wenn man merkt, dass da so ein wunder Punkt ist, dann fragt man nicht weiter, neues Thema, was gibt’s im Fernsehen, oder so. Den Bahnhof Zehlendorf hab’ ich ihr empfohlen, weil ich da mal gewohnt habe. Vorher hat sie in einer Unterführung beim S-Bahnhof Tempelhof geschnorrt. Da hatte sie irgendwann Stress mit Rumänen.“

Drei Kugeln Heroin

Sabine: Das ist immer ein Problem mit den Schnorrplätzen. In Zehlendorf saß plötzlich eine Zigeunerin auf ihrem Platz. Da ist sie fuchsig geworden.“

Pit: „Oh ja, das konnte sie. Caro war meistens eine Stille, aber wenn’s um was ging, konnte sie auch ziemlich heftig werden. In Zehlendorf hat sie ganz gut verdient – als Frau ja sowieso. Zwanzig, dreißig Euro am Tag werden das schon gewesen sein. Davon konnte sie sich zwei oder drei Kugeln kaufen. Damit ist sie über den Tag gekommen. Heroinkugeln, 0,3 Gramm sind in einer. Die bekommst du hier an jedem S-Bahnhof. Das Zeug hat sie durch die Nase gezogen, irgendwann am Tag. Anmerken konnte man ihr das nicht. Sie hat damit eher ihren Normalzustand wieder hergestellt. Man kann schon sagen, dass sie vor allem fürs Heroin geschnorrt hat.“

Claudine: „Vor einem Jahr war sie mal runter von dem Zeug. Da hat sie eine Substitution gemacht mit Methadon. Wir sind immer zusammen zum Arzt am Anhalter Bahnhof gefahren. Da muss man zwischen acht und elf Uhr sein, und wehe, du schaffst das mal nicht. Jeden Tag sind wir da hin. Das Methadon ist wie so ein Sirup in einem kleinen Becher. Es macht, dass du keine Entzugserscheinungen hast. Aber es knallt eben nicht. Kann sein, dass sie deshalb wieder angefangen hat mit dem Heroin.

Pit: „Oder weil sie es nicht zum Arzt geschafft hat. Sie sind da ziemlich streng. Wenn man verreisen will, muss man das anmelden. Voriges Jahr hat Caro das gemacht, da war sie mit einem Kumpel im Odenwald, und sie sind dann dort zum Arzt und haben ihr Methadon bekommen. Sie wollte ihre Söhne besuchen. Der eine wollte sie aber gar nicht sehen, was sie ziemlich fertiggemacht hat.“

Sabine: „In den letzten Monaten habe ich sie öfter am Bahnhof Zehlendorf getroffen. Sie hat sich bei mir auch noch Bücher ausgeliehen, vor allem Krimis. Sehr gut fand sie das Buch von diesem Rechtsmediziner, der über echte Todesfälle schreibt. So was hat sie interessiert. Als sie ihr in einer Nacht den Rucksack mit dem Zelt geklaut haben, war sie ziemlich mies drauf. Da war sie wieder allein. Vorher war sie mit ein paar Leuten, die auch draußen gepennt haben, zusammen. Da war immer einer wach und hat aufgepasst. Die haben ihr Geld geteilt, aber dann waren da zwei, die nichts mehr dazugegeben hatten. Das hat Caro nicht eingesehen, und dann war sie wieder allein unterwegs. Da ist ihr das dann mit dem Zelt passiert. Dass sie gestorben ist, hab’ ich an dem Sonntag erfahren. Da stand in der Nacht um eins die Polizei vor meiner Tür. Sie sind hierhergekommen, weil Caro zuletzt im Wohnheim gemeldet war. Sie haben mir ein Foto auf einem Handy gezeigt. Das war Caro, tot, und ich sollte sie identifizieren. Sie haben überhaupt nichts weiter gesagt, auch nicht, wo sie sie gefunden haben, weil ich ja keine Angehörige bin. Wie es zur Überdosis kam, weiß ich natürlich nicht. So was kann passieren, wenn man das Heroin, das man immer durch die Nase genommen hat, mal in derselben Dosis spritzt, damit es schneller wirkt. Dann wirkt es auch viel heftiger und das kann zu viel sein. Vielleicht war ihr kalt in der Nacht, und sie hat deshalb die Spritze genommen. Keine Ahnung.“

Claudine: „Können Sie auf jeden Fall schreiben, dass wir Caro total gemocht haben, und dass wir sie vermissen? Das wäre wichtig, dass sie das schreiben.“

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