Nachruf auf Gerhard Kerfin (Geb. 1935) : Schicksalsscherze

Inspektor war er mal beim Zoll. Dann versoff er sehr viel Geld, wurde Faktotum und Gehilfe im Trödlerladen von Kurt Mühlenhaupt und schließlich Dichter, der mit seiner Dichtkunst nichts verdiente. In ihm sang ein Dämon seine unanständigen Lieder.

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Gerhard Kerfin (1935-2016)
Gerhard Kerfin (1935-2016)Foto: Elke Seiffert-Lenk

Ein Dichter ist ein Mensch, in dessen Leben sich Herz meist auf Schmerz reimt. Als Maritta starb, seine Liebe, seine Muse, die Mutter seines Sohnes, verstand Kerfin die Welt nicht mehr. Er trauerte ein Jahr und stürzte sich dann aus dem Fenster. In der Klinik erwachte er neben einem Künstlerfreund, der sich ebenfalls vom Leben kurieren musste. Kerfin rappelte sich wieder auf, aber die schwarzen Tage, die kamen fortan immer wieder. Maritta war sein Herz gewesen und seine Seele, sie hatte gesungen und getanzt und fortwährend mit dem Leben geschäkert, während er sich immer erst im Suff lockern musste, fürs Leben und die Liebe und die Verse, die er sich darauf machte. Kurze Verse, Zauberworte, mit denen er Maritta für sich gewonnen hatte, die damals noch mit einem Beamten verheiratet war, und dass sie dann doch ihn erhörte, lag daran, dass er „sie erst mal nicht angefaßt, sondern ihr Gedichte vorgetragen und mit ihr getanzt“ hat, immer am Landwehrkanal lang.

Beamter war er selbst gewesen, auch so ein Scherz des Schicksals, denn am ersten April hatte er Geburtstag. Was seine Mutter zum Anlass nahm, ihn in ein Heim zu geben, aus dem er aber wieder glücklich entkam. Seine Kindheit in Nauen war schön, die Spielzeugeisenbahn fuhr rund um die Uhr, der Fußball rollte, bei Petroleumlicht oder Kerzenschein zündete die Laterna Magica des Onkels Zauberbilder in seinem Hirn. Und das Kasperletheater tat sein Übriges: „Ich hatte meine Bestimmung.“ Die da war: Dichter.

Inspektorenlaufbahn als Täuschungsmanöver

Seinen bürgerlichen Namen Bielicke legte er dann später ab, denn er klang nicht entfernt so lyrisch wie der Name der Großmutter Kerfin. Er war ja anfangs schon fast auf dem richtigen Weg ins bürgerliche Leben gewesen. Aber das Studium an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät in Rostock brach er vorzeitig ab und siedelte sich 1956 um in den Westen. Er liebäugelte mit dem Studium der Literatur, zeigte aber wenig Lust, akademische Elfenbeintürme zu erklimmen. Also trat er 1958 die Inspektorenlaufbahn in der Berliner Zollverwaltung an, was wohl eine Art Täuschungsmanöver war – für alle Beteiligten.

Im "Leierkasten" allerdings war das Hallo groß, denn die Kneipe diente eigentlich als „Start und Endstation für Maler“, wahlweise als „Reservoir für Gammler, Säufer, Künstler aller Art“, wie der Künstlerchef und Hauptbetreiber Kurt Mühlenhaupt selbst es in einem Plakatentwurf beschrieb. Die Außenwände waren mit Gedichten beschriftet, drinnen gab es stundenweise Freibier, wenn sich ein zahlungskräftiger Gönner fand. Was die Mitarbeiter verdienten, wurde umgehend verzockt, versoffen oder in sonstige Rauschmittel umgesetzt. Der Zollinspektoranwärter Kerfin kam da gerade recht. „Mensch, du bist doch ’n Beamter, du kannst doch einen Kredit aufnehmen!“ Was er denn auch tat, den Freunden zu Gefallen. „Die Dreißigtausend reichten sieben Tage, dann war alles weg, auch die Freunde. Gerhard stand ohne einen Pfennig vor meiner Tür.“ Es war sein Glück, dass es die Tür von Mühlenhaupts Trödelladen war.

Er quittierte den Dienst beim Zoll und wurde Faktotum und Trödlergehilfe, denn Mühlenhaupt war nicht nur ein großartiger Maler, sondern auch gelernter Tischler, der sich im Alltag gut zurechtfand, ein gewiefter Geschäftsmann war, aber niemanden über den Tisch zog. Er und Gerhard wurden Freunde.

Das Bier: Löschmittel und Treibstoff

„Tagsüber half er mir in der Trödelhandlung, nummerierte und zeichnete die Bücher aus, machte die Preise, denn er war gebildet und kannte sich in der Literatur aus. Für die Nacht setzte ich ihm ein paar Töpfe Bier hin.“ Nach zwei Jahren war Kerfin fast wieder schuldenfrei. Die Freundschaft aber hielt lebenslang, was gar nicht so einfach war, denn mit Kerfin gut Freund zu bleiben, forderte eine Kunstfertigkeit ganz eigener Art. Nicht wenige Dichter sind von einer Spielart des Tourettesyndroms geplagt, sie wollen Obszönes oder Wüstes immer wieder sagen, bis es Gehör findet – oder eben keins mehr, weil keiner es mehr hören will oder kann, Kneipenverbot, Hausverbot. Kerfin war zuweilen ein unbequemer, aufdringlicher Gast. Der Dämon in ihm sang immer unanständige Lieder, und er hatte immer Durst, was nur ein anderes Wort für Sehnsucht ist, die nach Bier verlangt, als Löschmittel und Treibstoff. Kneipensänger neigen dazu, den heiligen Geist der Poesie nur in hochprozentigen Wässerchen zu taufen, denn Dichter kommt von dicht, dicht gereiht Gedanke an Gedanke, Hohn und Liebelei. Er selbst durfte seine Scherze mit allem und jedem treiben, aber wehe der Spott traf ihn persönlich, da konnte er zimperlich sein.

„Sie wollen zu hoch hinaus“, hatten ihn schon die Lehrer gewarnt, also spornte er seinen Pegasus kräftig an, ritt ihn „von hollywood bis hinter tegel“, was eine ganze Menge Verse einbrachte, die er gern laut vortrug. Auf dem Kreuzberger Bildermarkt tat er sich gleich in den Anfangsjahren hervor, bis ein Gendarm einschritt und ihm das Rezitieren untersagte, weil es gegen die Marktordnung verstieß. Ein halber Tag Haft war der Lohn – und ein Buch: „Wem die Polizeistunde schlägt“. So kam ein Werk zum anderen, Erlebtes und Ersehntes: „Es gibt wenige Dichter, die mit zwei Einkaufstüten eigener Bücher durch Berlin laufen können.“ Die Bücher, das waren die Glücksinseln in seinem Lebensfluss. Die ersten beiden waren noch handgeschrieben, aber dann kuppelte ihn seine Glücksfee mit Hugo Hoffmann, der in seiner Atelier-Handpresse im Lauf der Jahre zehn Bücher mit Kerfin herausgab, ein elftes ist in Arbeit, Millenniumsgedichte.

Nester für Gedankenbrüter

„Wer Wachteln liebt, fürchtet ihre Zungenfresser“, wer Bücher mag, fürchtet Großverlage, denn manche Bücher sind Käfige fürs Wort, triste Behältnisse, lieblos zusammengeschustert. Hoffmann hingegen bastelte Volieren, komfortable Nester für Gedankenbrüter, Kunstwerke in kleiner Auflage, bebildert mit Grafiken, handgebunden, handverlesen auch die Beschenkten, denn verkauft wurde wenig. Kerfin hat immer mitgeholfen beim Buchbinden, beim Vertrieb, er hat Geld dazugegeben, und den Nobelpreis hätte er sich am liebsten auch gleich verliehen. Denn Selbstbewusstsein hatte er genug, oder er gab vor, es zu haben, auch wenn die Kreuzberger Bohème nur noch von den Erinnerungen an wildere Tage zehrte und der Montmartre von Berlin selbst in den Reiseführern als abgetragen galt.

Kerfin geriet immer wieder ins Strudeln in den Jahren, aber er ging nicht unter. Er fand einen Schaffensrhythmus: ein, zwei Jahre Lohnarbeit, zwei, drei Monate lyrische Auszeit. Er machte Botengänge, arbeitete als Hausmeister, als Empfangschef für ein Jugendheim, in der Konfektion, in der Hutmacherei, als Gärtner, als Wächter, ein Gelegenheitsarbeiter auf Abruf und immer zuverlässig. Berlin verließ er selten, wenn, musste es schon Bali sein. Nachbarn wollten hin, willst du mitkommen, hatten sie gefragt. Kaum war er wieder zurück, sparte er auf die nächste Reise, „Herzensdichter von Bali“ nannte er sich, 200 Seiten lyrischer Danksagung ans Paradies liegen noch in der Schublade, ungedruckt.

Zum 80. Geburtstag gab es keine Ehrennadel, kein Preisgeld, aber eine kleine Festschrift von den Freunden, die das letzte Buch finanzieren sollte. Beim Feiern waren alle feste dabei, beim Geld-in-der-Kasse-Lassen nicht so. Fürs Buch hat es nicht gereicht.

Aber das kümmerte ihn wenig, solang seine Eisenbahn noch fuhr, deren weitläufige Schienenstränge er selbst durchs Bücherregal gelegt hatte. Mittendrin in der großen Platte war eine Aussparung, da stand er, Schaffner und ewiges Kind, noch immer mit großen Augen, denn „in würfelwurfweite wissen wir hölle“, aber auch Himmel.

Woher sie rührt, die Sehnsucht der Dichter? Sie ist ein Echo des Urknalls: „wir sind aus dem selben stoff gemacht wie die sonne, der mond und die sterne“. Aber ob je wieder alles eins sein wird, jenseits des trügerisch seligen Suffs, ist doch sehr fraglich. Irgendwann fühlte Kerfin, „daß alle Sehnsucht kein Ufer mehr erreichen wird“. Wie Oblomow thronte er in seinem Bett, ließ die Welt zu sich kommen, sah in der Glotze, was draußen so war, las, schrieb, empfing Besucher. Für sein letztes Gedicht fand sich kein angespitzter Bleistift mehr und kein richtiges Papier, aber er krakelte es hin.

Sein Bett war sein Floß, und es trug ihn noch eine schöne Weile. Als er seinem Ausbildungsleiter einmal vor Jahrzehnten ein neues Sommergedicht vorgetragen hatte, bemerkte der sehr altklug: „wer nach den Gründen sucht, wird zugrunde gehen.“ Kerfin gab ihm die passende Antwort, dargereicht wiederum als Gedicht: „lieber untergehen als in der trüben brühe mitschwimmen!“

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