Nachruf auf Helmut Runge (Geb. 1937) : „Jazz? Da wirste arm“

Wegen Louis Armstrong hat er angefangen, die Trompete zu spielen. Mit Schlager- und Tanzmusik verdiente er viel Geld. Mit seinem Cadillac fuhr der durch die Stadt. Und er leitete die Bigband der Berliner Stadtreinigung.

Paul Hildebrandt
Helmut "Herb" Runge (1937-2017). Hier etwa im Jahr 2000
Helmut "Herb" Runge (1937-2017). Hier etwa im Jahr 2000Foto: privat

Ohne Armstrong hätte es Herb nie gegeben. Er wäre Helmut geblieben, Helmut Runge: Elektriker aus dem Wedding, der in einer zerstörten Stadt sein Glück sucht. Er wäre vermutlich nie nach Amerika gekommen, hätte nicht die Luft am Bosporus geatmet, nie im Rampenlicht gestanden.

Aber wie bei Louis Armstrong ist der Zufall Schuld, dass Herb beginnt, Trompete zu spielen. Amerikanische Soldaten drücken dem Jungen aus West-Berlin Jazz-Platten in die Hand, und Herb Runge, vaterlos, bekommt die Trompetensoli nicht mehr raus aus seinem Kopf. Als er die Lehre zum Elektriker abschließt, kauft er sich eine Trompete, schreibt sich am Stadt-Konservatorium ein und übt: Von morgens bis abends, sieben Stunden täglich, monatelang. Sein erstes Konzert spielt er Mitte der Fünfziger gegen Freibier, sein letztes nur noch für sich selbst, rund 60 Jahre später.

 Die Trompete war sein Eintritt in eine andere Welt. Anfang der Sechziger begann er in den Clubs der Hauptstadt zu spielen. Er nannte sich Herb, nach Herb Albert, dem amerikanischen Trompetenstar – und er hatte Talent: Er gründete seine eigene Studentenband, gewann Jazzpreise, spielte für das Rias-Tanzorchester.

 1964 heuert Runge auf einem Kreuzfahrtschiff in Bremen an. Einen Monat lang fährt er in Richtung Amerika und wieder zurück. Er spielt Trompete für die Reichen der Republik, er spielt Trompete, um die Welt zu sehen. Fünf Jahre später geht es wieder hinaus, weitere Kreuzfahrten folgen. Aus der Ferne schreibt er Postkarten an seine Mutter. „Mudda“ nennt er sie. Er schwärmt von der Weite, vom Wetter – und von den Frauen. Auf einer der Fahrten verliebt er sich in eine Amerikanerin, fährt mit ihr nach New York, kommt zurück, trennt sich von ihr, macht weiter.

 Längst spielt Runge nicht mehr nur Jazz. Swing ja, und „Tanzmusik“. „Jazz? Da wirste arm“, sagt er, und: „Es muss ja Geld ins Haus.“ Mitte der Siebziger heuert ihn die ZDF-Hitparade an. Warum er mitmacht? Die Gagen sind für den jungen Musiker enorm. Er tingelt mit Dieter Thomas Heck und Jürgen Marcus durch die Republik, spielt in der Schweiz und in Österreich, verliebt sich in die Sängerin Steffi und kehrt erfolgstrunken zurück nach Berlin. Jetzt ist er wer. Kein mittelloser Musiker mehr, sondern plötzlich einer, der Geld hat.

Pressebälle, Juristenbälle, Tuntenbälle, Tankstelleneröffnungen

 Von den Einnahmen mietet er ein Studio am Reichpietschufer, sucht sich Musiker, nimmt seine ersten Platten auf. Es ist eine wilde Zeit: In seinem Studio feiert er Parties, auf der Bühne lässt er sich feiern. Er spielt auf sämtlichen Bällen, die ihn engagieren wollen: Auf Pressebällen, Juristenbällen, Tuntenbällen. Sogar für Tankstelleneröffnungen lässt sich Herb Runge buchen – nur gut bezahlt muss es sein. Von den Gagen gönnt sich Herb das gute Leben. Er bekommt einen Wohlstandsbauch, trinkt viel, verliebt sich neu. In seinem Telefonbuch sammelt er Musiker: Name, Instrument, Telefonnummer. Herb Runge muss sich nicht um Freunde kümmern, die Menschen kommen auf ihn zu. Er nennt sich jetzt „das Berliner Urgestein.“

 20 Jahre später, 2007, veranstaltet Herb Runge sein letztes großes Konzert: 50 Jahre tritt er da schon als Trompeter auf. Es ist sein Bühnenjubiläum und ein wenig vielleicht auch eine Erinnerung an diese wilde Zeit. Anfang der Neunziger hatte er es sich gemütlich gemacht: Er war Leiter der BSR-Bigband geworden und mit dem sicheren Gehalt nach Zehlendorf gezogen. Mit seinem Caddy fuhr er täglich in die Stadt, abends setzte er sich in die Kneipe am Bahnhof und trank Bier. Auf sein Auto druckte er: „Herb Runge Band“, daneben eine Trompete. Ende der Neunziger beschloss dann der Senat: Eine Stadtreinigung braucht kein Orchester, zu teuer. Die Musiker gingen zurück in die Verwaltung, Herb Runge war wieder auf dem freien Markt. Er spielte noch hier und da kleine Konzerte und schrieb ein Stück für Hertha 03 Zehlendorf. Aber die große Zeit war vorbei.

 Für das Jubiläum bucht Herb Runge das "Joe's" am Ku'damm. An einen alten Bekannten vom Radio schreibt er: „Es spielen 30 der besten Musiker dieser Stadt für mich – umsonst.“ Vielleicht will er mit diesem Auftritt noch einmal zurück auf die große Bühne, vielleicht möchte er bloß eine letzte große Show. Obwohl er das Geld gebrauchen könnte, verlangt Runge kaum Eintritt. Wie früher dirigiert er die Band, singt ein wenig, dann stellt er sich auf die Bühne und spielt sein Solo. Als das Konzert vorbei ist, gibt es höflichen Applaus. Runge bedankt sich bei den Musikern, dann sagt er zum Publikum: „Es war mir eine Ehre, dass Sie hier waren. Vielleicht sehen wir uns im neuen Jahr.“

 Sommer 2016: Herb Runge steht auf seinem Balkon in einer Zehlendorfer Seitenstraße, er ist dünn geworden. Jetzt setzt er die Trompete an und bläst die Backen auf. Die Tonleiter hoch; seine Finger drücken die Ventile fast so schnell wie früher. Dann hält er das B, lässt den Ton einen Moment schwingen, zittert ein wenig, ehe er absetzt und seine Trompete grüßend in die Luft hält. Früher hätte ihm jetzt das Publikum applaudiert, vielleicht sogar gejubelt. Heute kommt nur noch ein enger Freund zum Zuhören. Das ist kein trauriges Ende, es ist eher ein sanfter Abschied. Runge lacht noch einmal, dann senkt er das Instrument.

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