Nachruf auf Henrike Grohs (Geb. 1964) : Quatsch mit Niveau

Ihr Erwachsenenleben begann sie in der bayerischen Milchwirtschaft. In Berlin betrieb sie den vermeintlichen Toaster von David Bowie. An der Elfenbeinküste verlor die Lebensfrohe ihr Leben bei einem Anschlag islamistischer Terroristen.

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Henrike Grohs (1964 - 2016)
Henrike Grohs (1964 - 2016)Foto: privat

„Atemlos durch die Nacht, bis ein neuer Tag erwacht. Atemlos einfach raus, deine Augen zieh’n mich aus“

„Es gibt nur ein’ Thomas Müller! Es gibt nur ein’ Thomas Müller!“

„Tri Chinisin mit dim Kintribiss sißin if dir Strißi ind irziltin sich wis“

Möglicherweise hatten die Gründer des Goethe-Instituts anderes Kulturgut im Sinn, mit dem sie die Welt von deutscher Zivilisation und Bildung überzeugen wollten. Kaum vorstellbar aber ist es, dass deutsche Volkslieder je effektiver vermittelt wurden als im Januar 2016 in Abidjan, Elfenbeinküste. Rainald Grebe, der mit dem Brandenburg-Lied, war zu Gast und studierte mit jungen Einheimischen das Helene-Fischer- und das Chinesenlied und diverse Fußballchöre ein. Bei der Aufführung marschierten noch eine Riesenkartoffel und eine Riesenmöhre über die Bühne, das Elfenbeinküsten-Publikum staunte und lachte und hatte höchstwahrscheinlich eine deutlich lustigere Vorstellung von den Deutschen als die meisten Deutschen von sich selbst.

Milchwirtschaft in Bayern

Auftraggeberin des Workshops: Henrike Grohs, die Chefin des Goethe-Instituts in Abidjan, Berlinerin und: Frau von Welt. Am 13. März ist sie von islamistischen Terroristen erschossen worden. Es war ein Zufall, dass sie zu den 16 Opfern gehörte, einerseits. Andererseits stand sie für eben das, was Fundamentalisten für gewöhnlich hassen: Verständigung, Humor, Lebensfreude. Und für Selbstbestimmung.

Nur ein paar Monate in ihrem erwachsenen Leben hatte sie sich an einem Ort aufgehalten, den sie sich nicht selbst ausgesucht hatte, und an den sie überhaupt nicht passte: in Bayern, wo sie Milchwirtschaft studierte. Ihre Mutter fand offenbar, das Mädchen solle erst mal etwas Richtiges lernen, was umso skurriler war, da die Mutter Ethnologin war und hätte wissen können, dass die Ethnologie viel richtiger für ihre Tochter sein musste als die Milchwirtschaft. Vielleicht war sie auch nur der Meinung, dass Henrike ihren Weg allein finden sollte und schickte sie deshalb erst mal in die falsche Richtung. Die lebenslustige Tochter schrieb aus Landshut an ihren Bruder das Unlustigste, was ihr gerade einfiel: „Ich lache viel und mache Quatsch – aber auf einem niedrigeren Niveau. Vielleicht finde ich ja meinen Platz noch in dieser Welt.“

In Berlin hob sie den Quatsch auf ein weit höheres Niveau. An der FU begann sie ihr Ethnologie-Studium, wohnte in Wohngemeinschaften, erst in Neukölln, dann in Schöneberg, wo im Nachbarhaus zehn Jahre zuvor David Bowie gewohnt hatte. Hin und wieder verirrten sich Fans in Henrikes Haus und klingelten, um die vermeintliche Bowie-Wohnung zu sehen. Sie gab dann den alten Toaster ihrer Oma als Bowie-Toaster aus. So gelangte eines Tages ein Foto des historischen Toasters in die „Bild“-Zeitung.

So viel mehr Männer, die sie wollten, als Männer, die sie wollte

Henrike diskutierte mit Leidensgenossinnen Nächte durch beim Rotwein über die unmöglichen Männer, tanzte auf Partys so wild wie keine andere und reiste am allerliebsten in die Welt hinaus. Was ihr leicht fiel, da eine Ethnologin jegliche Reise als „Feldforschung“ rechtfertigen kann. Unter den jungen Ethnologinnen war es Sitte, von derlei Reisen ins Feld mit Männern heimzukehren, an denen sie ihre Forschungen im heimischen Bett fortsetzen konnten. Henrike unterschied sich insofern, als sie sich ganz ernsthaft für die Kunst der Männer interessierte, die sie von ihren Afrika- und Lateinamerika-Reisen nach Berlin brachte. Sie konnte sich das leisten, denn an Verehrern mangelte es ihr nie. Es gab so viel mehr Männer, die sie wollten, als Männer, die sie wollte. Mit einem war sie über Jahre zusammen, auch ein Ethnologe, aber einer der eher immobilen Sorte. Er machte Wissenschaftskarriere, und sie mochte schließlich nicht die Frau eines Herrn Professor mit festem deutschem Lehrstuhl sein.

Henrike war eine dieser „Projekt“-Personen, von denen man meint, sie würden sich in Projekten verlieren, weil sie keinen Beruf gefunden haben. Wie falsch! Ihr war es mit den Projekten so ernst wie mit den importierten Männern. Sie verlor sich nicht, sie brachte erstaunliche Dinge zustande, am erstaunlichsten wohl das „Education“-Programm der Berliner Philharmoniker. Dafür brachte sie Jugendliche aus Flüchtlingsheimen und Migrantenfamilien zusammen, denen mit Musik und Tanz ein Weg in die Gesellschaft geebnet wurde. Der Film „Rhythm is it“ entstand dabei und zeigt, wie etwas Großartiges entstehen kann, wenn so ein Projekt nicht nur gefordert und beredet wird, sondern wenn sich jemand findet, der das umsetzt.

Der Job beim Goethe-Institut: ein Traum, der sich für Henrike erfüllte, endlich eine gut bezahlte Arbeit in Afrika. Und ein Glück fürs Goethe-Institut und für die Künstler, zuerst in Johannesburg, Südafrika, dann an der Elfenbeinküste. Wenn man den Freunden und Mitarbeitern glauben kann, gab es keinen passenderen Menschen für die Kulturvermittlungsstelle. Deutsche Volkslieder nach Abidjan zu bringen, das war lustig, aber nur ein winziger Teil ihrer Arbeit. Viel wichtiger war es, die Künstler vor Ort zu fördern. Blitzschnell lernte Henrike Leute kennen, sie war begeistert, und setzte alles dran, andere an der Begeisterung teilhaben zu lassen. Sie sagte nicht: Man müsste mal, sie sagte: Lasst uns mal.

Die Angreifer am Strand von Grand Bassam, 40 Kilometer von Abidjan entfernt, die am 13. März elf Einheimische, vier Franzosen und die Deutsche Henrike Grohs erschossen, riefen: „Allahu akbar!“, „Gott ist groß“. Wie klein, wie fern muss ein Gott sein, der so etwas zulässt?

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